Lebenszeichen Sozialneid

Harald Martenstein weiß nicht, wohin mit dem Geld

Einmal im Jahr besinnt man sich in unserer Zivilisation, legt vor sich selber Rechenschaft ab. »Lebe ich richtig? Wo will ich hin? Wer bin ich überhaupt?« Das ist der Tag, an dem man die Steuererklärung unterschreibt.

Ja, klar, ich bin neidisch. Schöne Menschen beneide ich um Schönheit, reiche Menschen um Reichtum und so weiter, bis hin zu den Menschen, die beim Zwiebelschneiden nicht weinen müssen und die ich beim Zwiebelschneiden beneide. Neid ist so selbstverständlich wie Hunger und Durst. Ich erwarte zum Beispiel auch, dass Menschen mich wegen meiner Intelligenz beneiden. Das dürfen sie ruhig. Das macht mir nichts aus.

Anzeige

In gedankenlosen Kommentaren wird oft der Neid, speziell Sozialneid, angeprangert, welcher in Deutschland angeblich besonders ausgeprägt sei. Manche Menschen wollen doch aber, dass man sie beneidet! Sie genießen es. Sie haben zum Beispiel ihr Leben lang gerackert, damit sie einen Porsche haben und eine Villa, nun sind sie alt, sitzen jieperig vor Glück in ihrem Garten und spielen mit den Porsche-Schlüsseln. Sie hoffen, dass alle sie beneiden. Jetzt erwarten die Kommentatoren also von mir, dass ich an den Gartenzaun herantrete, den alten Herrn heranwinke, er trägt weiße Sandaletten und eine lange Tennishose, und zu ihm sage: »Väterchen, ich beneide Sie kein bisschen um Ihren Porsche. Er sieht sowieso scheiße aus. So eine spießige Angebervilla wie Ihre will ich auch nicht haben. Ihre Erben lassen das Teil abreißen, wetten?« Solche Unverschämtheiten soll ich also einem netten alten Herrn sagen. Nein, so etwas bringe ich nicht über mich.

Oder soll man sich am Gartenzaun etwa so äußern: »Ihr Porsche ist wunderschön, ich gönne Ihnen den von ganzem Herzen, denn Sie sind genau die Art von Mensch, die etwas so Wundervolles verdient hat. Ich dagegen habe es nicht verdient. Ich fahre Toyota, und das geschieht mir recht, denn ich bin passionierter Wenigleister. Gepriesen sei ob seiner Weisheit der Gott, der Ihnen einen Porsche, mir aber einen Toyota zugemessen hat.«

Das wäre eine Selbsterniedrigung, die der betreffenden Person jeglichen Drive für ihren weiteren Lebensweg raubt. Neid, also Habenwollen, ist ja ein sozialer Motor, und wenn alle allen alles gönnen, dann steht der Motor still, und überall wachsen Gänseblümchen. Eine harmonische Gesellschaft kann nicht gleichzeitig dynamisch sein. Das wollen die Kommentatoren einfach nicht begreifen.

Die Steuern, die ich für 2001 zu zahlen habe, entsprechen ziemlich exakt dem Verteidigungsetat des Inselstaates Mauri Mauri. In der Zeitung steht: »Nur die Dummen zahlen Steuern. Besserverdienende finden Schlupflöcher.« Also rufe ich den Steuerberater an: »Ich bin ein Besserverdienender auf Schlupflochsuche.« Der Steuerberater sagt: »Es gibt genau drei Möglichkeiten zum Steuersparen, nämlich A. kriminell werden, B. Schulden machen, dass es kracht, oder C. für teuer Geld Sachen kaufen, die man nicht braucht. Das sind die drei Schlupflöcher.« Ich antwortete: »Dann nehme ich Schlupfloch C.«

Wir wohnen sehr schön zur Miete. Ich brauche keine Eigentumswohnung. Okay, kauft man halt eine. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Als ob die Yacht nicht schon genug Ärger machen würde.

 * Diesen Artikel finden Sie als Audiofile unter http://hoeren.zeit.de

 
Service