pharmawirtschaft Potente Tipps von Pelé

Mit zweifelhaften Methoden versuchen Pharmafirmen auch in Deutschland, das Werbeverbot für rezeptpflichtige Arzneien zu unterlaufen

Zärtlich berührt der Mann mit seiner Hand das Kinn der Frau. Nur wenige Zentimeter trennen seinen Mund von ihrem. Gleich, so suggeriert es die Nahaufnahme mit dem attraktiven Liebespaar, werden sich die Lippen der beiden vereinen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass es nicht beim Küssen bleiben wird. Doch dann das: Von „Erektionsstörungen“ ist in großen Lettern unter dem Foto die Rede – eine Anzeige, die der Pharmakonzern Lilly im Frühjahr in mehreren deutschen Zeitschriften geschaltet hat. „Sprechen Sie mit Ihrem Arzt. Ich würde es tun“, riet der „Sportler des Jahrhunderts“ Pelé in einer anderen, von der Firma Pfizer bezahlten Anzeige dem besorgten Leser. Schließlich, so das einschlägige Expertenwissen des brasilianischen Exfußballstars, sei mangelnde Manneskraft „ein medizinisches Problem, für das es Behandlungsmöglichkeiten gibt“. Zum Beispiel, so mag es dem Leser unweigerlich in den Kopf schießen, die legendäre Potenzpille Viagra.

Dieses Wort steht dort freilich nicht. Denn öffentliche Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel, zu denen auch der Mega-Seller von Pfizer zählt, ist hierzulande – zum Ärger der Pharmaindustrie – bislang gesetzlich verboten. Aus gutem Grund, wie der Vorsitzende des Gesundheitsausschuss des Bundestags, Klaus Kirschner, findet. Solche Medikamente seien schließlich „keine Lutschbonbons“, sondern enthielten hochpotente Wirkstoffe, die zum Teil lebensgefährliche Nebenwirkungen hätten. Durch die eindringlichen Heilsversprechungen in Fernsehspots oder in Zeitungsanzeigen aber, warnen er und andere Experten, würden diese Risiken heruntergespielt und die Ärzte schließlich von den Verbrauchern zum Verschreiben von Präparaten gedrängt, die ihnen mehr schadeten als nützten.

Anzeige

Dennoch finden viele Pillenhersteller Mittel und Wege, ihre Botschaft unters Volk zu bringen. Das musste der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) unlängst bei einer Anzeige des Pharmariesen Bristol-Myers Squibb (BMS) feststellen. Gleich in mehreren Zeitschriften, die vor allem von männlichen Homosexuellen gelesen werden, hatte die Firma explizit für drei verschreibungspflichtige Medikamente geworben. „Zukunft erleben“, verhieß die Anzeige in der Zeitschrift sergej. Zwei sportliche junge Männer, offensichtlich ein Paar, richten dort gerade ihre neue Wohnung ein. Darunter der schlichte Hinweis auf drei Präparate, die zur HIV-Therapie eingesetzt werden.

Stefan Etgeton, Referent für Gesundheit beim VZBV, sieht darin einen „besonders dreisten Versuch“, das in Deutschland geltende Werbeverbot für Arzneimittel zu unterlaufen. In der Tat dürfen Pharmafirmen nur bei Apothekern, Krankenhäusern oder Ärzten namentlich für konkrete Produkte werben. Das war auch dem Auftraggeber BMS klar, wie das Unternehmen in einem Antwortschreiben auf eine Beschwerde des VZBV eingestehen musste. „Leider“ sei die von den Verbraucherschützern kritisierte Anzeige „aufgrund von Missverständnissen zwischen BMS und der für uns tätigen Agentur“ geschaltet worden. Anstatt der für die Laienpresse konzipierten BMS-Imageanzeige ohne Produktnennung sei „versehentlich“ die für die Fachpresse entworfene Anzeige verwandt worden.

Weniger Safer Sex nach Werbung für Aids-Medikamente

Allzu groß kann das Bedauern nicht gewesen sein. Schon wenige Wochen später erschien in der Zeitschrift gip (mit ebenfalls vorwiegend schwuler Leserschaft) erneut eine Anzeige von BMS, in der die HIV-Präparate erwähnt wurden. Auch bei diesem Fall handle es sich „um einen bedauerlichen Irrtum“ aufgrund einer Verwechslung von zwei unterschiedlichen Textseiten, beteuerte das Unternehmen. Man wolle nun die Geschäftsbeziehungen mit der zuständigen Agentur überdenken.

Für Stefan Etgeton aber ist bereits irreparabler Schaden entstanden: Werbung für Aids-Medikamente, so der VZBV-Mann, zeige ein geschöntes Bild von Menschen unter Therapie und suggeriere, HIV sei problemlos behandelbar. „Diese Botschaft ist falsch, unterläuft die Präventionsarbeit und verhöhnt jene Menschen mit HIV, die unter schwersten Nebenwirkungen leiden.“

Zudem können falsche Versprechungen wie diese lebensgefährliche Auswirkungen haben, warnt die pharmakritische Bielefelder Verbraucherschutz-Organisation Buko. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2001 mit 262 männlichen Patienten in Kliniken für sexuell übertragbare Krankheiten in San Francisco, dass junge Menschen durch den Einfluss von Werbung seltener Safer Sex praktizierten. „Die unrealistischen Darstellungen für Aids-Medikamente hatten den Anschein erweckt, dass Aids wirkungsvoll bekämpft werden könne. Einige Anzeigen zeigten kräftige Männer auf Bergtouren“. Für Buko „eine Darstellung, die nichts mit der Lebensrealität einer HIV-Dreifachtherapie zu tun hat“.

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