NS-ForschungHitler-Junge, Jahrgang 1926

Hat der Historiker Martin Broszat seine NSDAP-Mitgliedschaft verschwiegen – oder hat er nichts davon gewusst? von N. Frei

V heißt der Titel eines Buches, in dem prominente deutsche Historiker Erklärungen suchen für ihr lückenhaftes Wissen über Arbeit und Karrierewege ihrer akademischen Väter im "Dritten Reich", aber auch für ihr lange Zeit wenig ausgeprägtes Interesse daran. Der Gesprächsband entstand im Nachgang zum Frankfurter Historikertag 1998, als die NS-Belastung der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft und vieler ihrer führenden Nachkriegsvertreter Gegenstand einer leidenschaftlichen Debatte wurde, die seitdem anhält. Etwa die Hälfte derer, die in den Interviews mit Studierenden über ihre Lehrergeneration reflektieren, war bei Kriegsende im Alter der Hitler-Jugend. Doch wer über diese Erfahrung des untergehenden Nationalsozialismus und seinen jugendlichen Part darin nicht von sich aus redete, den sprachen die jungen Fragesteller auch nicht darauf an.

Während die Bereitschaft zum moralischen Verdikt wächst, ist unser Wissensdurst im Blick auf die HJ-Generation noch immer gering. Was eine Sozialisation unter "Pimpfen", in der anschließenden Hitler-Jugend oder im Bund Deutscher Mädel bedeutete, scheint nicht zu interessieren, obgleich diese Indoktrinationsanstalten des "Führerstaats" fast alle durchlaufen hatten, die in den fünfziger Jahren begannen, sich das Geschenk der neuen Demokratie anzueignen, und die dieses Land dann als "Generation Bundesrepublik" bis weit in die neunziger Jahre hinein prägten. Insofern sieht es momentan so aus, als setzten sich die intergenerationellen Versäumnisse fort.

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Auch ich habe nicht nachgefragt, nicht während des Studiums in den siebziger Jahren und nicht in den Jahrzehnten danach, als mir meine akademischen Lehrer, die heute über ihre Lehrer Auskunft geben, zu Kollegen wurden. Zum Beispiel am Institut für Zeitgeschichte, wo wir, die nach dem Krieg Geborenen, von vielen aus der Gründergeneration wussten oder uns ausrechnen konnten, dass sie am Ende einer Kindheit und Jugend unter Hitler noch als Flakhelfer oder als Frontsoldaten der letzten Stunde Dienst getan hatten. Manche erzählten ungefragt, und in ihrer Erinnerung vermischte sich die naive Lust am Abenteuer mit dem nachträglichen Schauder über die durchlebte Gefahr. Einer von denen, die bei Gelegenheit erzählten, war der Direktor des Instituts, Martin Broszat. Von ihm, Jahrgang 1926, wussten wir, dass er in der Hitler-Jugend und zuletzt noch bei der Wehrmacht gewesen war. Davon, dass er seit 1944 als Parteimitglied geführt wurde, wussten wir nichts. Wusste er es selbst?

Entgegen der zeitgenössischen Propaganda einer perfekt organisierten Führerdiktatur ist unser historiografisches Bild vom "Dritten Reich" geprägt von rivalisierenden Machtträgern, Kompetenzkämpfen und konkurrierenden Bürokratien. Unterhalb des "Führers" herrschte vielfach blankes Chaos, zumal in dem seit 1933 wuchernden Parteiapparat. Doch mit der Verwaltung ihrer Mitglieder nahm es die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei erstaunlich genau. So weit wir wissen – die Forschung hat sich dafür nie näher interessiert –, pochte die Reichsleitung der NSDAP, genauer gesagt: der zuständige Reichsschatzmeister, bis zuletzt auf die Einhaltung strikter Regeln.

Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, vor allem aber in den Wochen nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, war die Zahl derer, die Aufnahme in die Partei begehrten, dramatisch in die Höhe geschnellt. Als die Parteiführung zum 1. Mai eine Aufnahmesperre verhängte, um das Heer der "Märzgefallenen" zu verdauen, hatten sich die Mitglieder auf rund 2,5 Millionen verdreifacht. Ende Juni 1933 dekretierte Rudolf Heß, der "Stellvertreter des Führers", für die "Neuhinzugekommenen" eine zweijährige "Bewährungszeit", in der diese sich mit einer einfachen Mitgliedskarte begnügen mussten. Schwerer noch als das Warten auf ein repräsentatives Mitgliedsbuch wird für viele gewogen haben, dass es ihnen bis zur "endgültigen Aufnahme" unter Strafandrohung verboten war, das inzwischen so attraktiv gewordene "Braunhemd" zu tragen.

Ihren Anspruch, nur eine "Auslese des Volkes" aufzunehmen – nicht einmal alle Angehörigen der SS oder gar der SA hatte man im Blick –, demonstrierte die Reichsleitung der NSDAP durch Festhalten an der allgemeinen Mitgliedersperre bis zum 1. Mai 1939. Zu "Führers" Geburtstag am 20. April 1937 wurde die Vorschrift allerdings gelockert. Nun konnte zur Aufnahme vorgeschlagen werden, wer sich als "Zellenleiter", als "Blockhelfer" oder sonst auf unterer Ebene im Sinne der Partei bereits nützlich gemacht oder einer ihrer Gliederungen für mehr als zwei Jahre angehört hatte. Ausdrücklich erwünscht waren außerdem, gegebenenfalls auch vor dem 21. Lebensjahr, Mitglieder der Hitler-Jugend "in führender Stellung".

Ein halbes Jahr und mehrere Dutzend Anordnungen später verfügte Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz im Einvernehmen mit Heß für die HJ ein völlig neues Aufnahmeprinzip: Fortan wurde "nach Geburtsjahrgängen" rekrutiert, und zwar "Jungen und Mädel, die das achtzehnte Lebensjahr im Laufe des Kalenderjahres vollenden" und dem per Gesetz zur "Staatsjugend" erklärten Verband vier Jahre angehört hatten. Anders als bei Erwachsenen war der Parteieintritt kostenlos und nicht mit der Ausfüllung eines Fragebogens verbunden. Als Aufnahmetag galt einheitlich der 1. September, unabhängig vom Datum der Anmeldung auf den vorgedruckten Antragsscheinen. Von diesen hieß es, sie seien "eigenhändig – somit nicht von den gesetzlichen Vertretern – zu unterschreiben". Erforderlich war außerdem eine Bestätigung des "Bannführers" (beziehungsweise der "Untergauführerin"), wonach der Aufzunehmende durch "eifrige Erfüllung seiner Dienstobliegenheiten und tadellose Führung sich in Gesinnung und Charakter als zuverlässiger Nationalsozialist erwiesen" hatte – und dass er "freiwillig erklärt hat, der Partei beitreten zu wollen".

Gegen die seit Mai 1945 bei vormaligen Parteigenossen jeden Alters beliebte Behauptung, sie hätten ihre Mitgliedschaft ungefragt erlangt – ohne eigenes Zutun, ja: ohne davon etwas mitbekommen zu haben –, ist dieses parteiamtliche Insistieren auf Freiwilligkeit und persönlicher Unterschrift ein gewichtiges Argument. Gleichwohl stellt sich die Frage, wie genau die Regeln im Alltag der "Volksgemeinschaft" eingehalten wurden, zumal gegenüber ganz jungen Leuten. Über die tatsächliche Praxis der Aufnahme in den Gauen, Kreisen und Ortsgruppen der NSDAP – und in den Formationen der HJ – ist jedoch wenig bekannt.

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