Schreiben Sie bitte nicht Frau Dr. Currywurst", sagt Elisabeth Naumann. Das mag sie nicht mehr lesen. Als sie ihre Dissertation abgab, stürzte die Boulevardpresse sich auf Berlins älteste Doktorandin. "Die Bild- Zeitung behauptete sogar, meine Arbeit sei Berlins bester Frittenbuden-Führer." Es war ja auch ein gefundenes Fressen. Ihre dem Kiosk gewidmete Doktorarbeit kümmerte sich nämlich besonders um die Imbissbuden. Und geht es um die, denken alle bloß an das, was Herbert Grönemeyer besungen hat: "Kommste vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst."

Elisabeth Naumann, Jahrgang 1923, ist eine vitale Dame. Auf dem Schreibtisch ihres hellen Arbeitszimmers im gutbürgerlichen Berlin-Wilmersdorf liegen die Druckfahnen ihrer Dissertation. Das Buch, das noch vor der Buchmesse im Jonas-Verlag erscheinen soll, wird Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort heißen. "Natürlich bin ich stolz darauf", lacht sie und gießt Kaffee in die Porzellantassen. Es war ein Herzenswunsch.

Mit dem Alter steigt die Peinlichkeitsschwelle

Als sie nach dem Krieg Volksschullehrerin wurde, blieb fürs Studium keine Zeit. "Man machte Kurzlehrgänge, Zusatzlehrgänge, und den Rest lernte man in der Praxis." Nach Jahrzehnten im hessischen Bad Wildungen ging sie 1970 nach Marburg, bildete Lehrer aus und besuchte manchmal Seminare an der Universität. Zwei Studentinnen, zwanzig Jahre jünger als sie, schlugen ihr vor, eine Wohngemeinschaft zu gründen. 1977 zogen die drei nach Berlin, wo sie Rektorin einer Gesamtschule wurde. "Und nach der Pensionierung war endlich Zeit, mir meinen großen Wunsch zu erfüllen: Richtig studieren!"

Im Wintersemester 1989 immatrikulierte sich Elisabeth Naumann am soziologischen Institut der Freien Universität. Es gab eine ganze Reihe anderer Senioren. "Aber ich war die Einzige, die das permanent machte." Und in einem stadtsoziologischen Seminar, in dem es um das Einkaufen so genannten Vergessensbedarfs nach Ladenschluss ging – des Päckchens Butter oder des Sixpacks Bier–, da kam sie auf den Kiosk: einen Mikrokosmos, dessen Faszination sie nicht mehr losließ.

"Früher bin ich nie zum Kiosk gegangen und habe auch keine Würstchen gegessen. Als Kind durfte ich nicht einmal ein Eis auf der Straße schlecken." Sie kommt aus einer gutbürgerlichen Familie, protestantisch geprägtes Milieu, der Vater als Arzt in einer Kleinstadt eine angesehene Persönlichkeit. "Da tut man so etwas nicht."

Naumanns Arbeit über die ihr einst verbotene Welt ist kein soziologischer Hardcore mit komplexen sozialstatistischen Erhebungen. Das hat sie sich nicht zugetraut. Da aber die Zeiten der starren Disziplinengrenzen innerhalb der Kulturwissenschaften zum Glück vorbei sind, entlehnte sie ihre Methoden der Ethnologie. Ein plausibler Ansatz, denn deren Aufgabe ist die empirische Erforschung fremder Kulturen. Das Konzept der "teilnehmenden Beobachtung" als Grundprinzip jeder Feldforschung stammt von Bronislaw Malinowski. Der Forscher muss völlig in die fremde Gesellschaft eintauchen, nur dann lernt er deren Gebräuche und Sozialstrukturen verstehen. Zwar brach Elisabeth Naumann nicht, wie Malinowski forderte, alle Verbindungen zur eigenen Kultur ab, aber es ging ja auch nicht um Populationen des westlichen Pazifiks. Sie tauchte vielmehr in die "fremde Welt" diverser Imbissbuden ein und verzehrte im Feldversuch eine "nicht genau zu beziffernde Menge von Currywürsten".

Die Einsicht, dass Kultur ein von Menschen gesponnenes Gewebe sei, hat sie von dem Ethnologen Clifford Geertz übernommen. Das zunächst Unverständliche erschließe sich durch die Komplexität erfassende "dichte Beschreibung". Geertz hatte sich dem balinesischen Hahnenkampf gewidmet. Dort wie hier gilt: Um ins Feld zu gelangen, muss der Forscher erst die Furcht überwinden. "Wie oft bin ich mit dem Tonband an eine Imbissbude gegangen, und habe doch nur ein Würstchen bestellt."