Irak Na, wer hat gewarnt?

Paris ist bereit, sich am Wiederaufbau des Iraks zu beteiligen. Aber nur unter Führung der UN

Paris

Sie halten einander in den Armen und bedecken ihre Gesichter. Weinend steht eine Gruppe französischer Soldaten in Kampfanzügen vor den Särgen ihrer Kameraden, die vor wenigen Tagen beim Einsatz an der Elfenbeinküste gefallen sind. Dieses Bild ging jetzt durch Frankreich. „Auch Franzosen sterben im Gefecht“, kommentierte das Wochenmagazin lakonisch.

Mit weltweit fast vierzigtausend Soldaten im Dauereinsatz braucht das Land den Verdacht des Fundamentalpazifismus nicht zu fürchten. Doch mit dem immer drängenderen Wunsch der Amerikaner nach europäischen Truppen zur Stabilisierung des Iraks tut sich Frankreich schwer. „Warum sollen wir das Blut unserer Soldaten und unsere politische Glaubwürdigkeit opfern, nur damit George W. Bush wiedergewählt wird?“, fragt der konservative Figaro in bislang nicht gekannter Schärfe. Der amerikanische Präsident, fügt die Zeitung spitz hinzu, sei wie ein Ertrinkender, der noch die Bedingungen seiner Rettung diktieren wolle.

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Der monatelange rhetorische Grabenkrieg zwischen Paris und Washington, der in der Forderung amerikanischer Think Tanks gipfelte, die Franzosen aus dem UN-Sicherheitsrat auszuschließen, hat tiefe Wunden geschlagen. Jetzt kehrt Frankreich den Spieß um. On vous l’avait bien dit – wir haben es euch doch gesagt, lautet die Reaktion der politischen Intelligenz auf die Nachkriegs-Misere. Der Feldzug, kritisiert der Orientalist Gilles Kepel, sei in völliger Unkenntnis der Situation im Mittleren Osten geplant worden: „Die USA müssen einsehen, dass sie unsere Expertise in dieser Region brauchen.“ Und der Philosoph Régis Debray zitiert seine eigene Prophezeiung, die er im Februar für die New York Times verfasst hatte: „Ein Krieg wird Chaos statt Ordnung, Hass statt Anerkennung und den Anhängern bin Ladens eine großartige zweite Chance bringen.“

Staatspräsident Jacques Chirac, der nach Kriegsausbruch vier Monate lang in Schweigen verfallen war, bemühte sich schon im Sommer, die Rechthaber auszubremsen mit der Bemerkung: „Es ist immer leicht, im Nachhinein klüger zu sein.“ Doch als Washington Ende vergangener Woche einlenkte und einen neuen UN-Resolutionsentwurf vorlegte, der die Schaffung einer multinationalen Truppe im Irak vorsieht, blieb Chirac hart. Im Beisein von Gerhard Schröder sagte er in Dresden , man sei noch „sehr, sehr weit“ von einer akzeptablen Vorlage entfernt. Das Ausmaß der französischen Forderungen hatte Außenminister Dominique de Villepin bereits Ende August beim internen Jahrestreffen seiner Botschafter in Paris verdeutlicht: „Mit einem überreizten Sicherheitsdenken allein kommt der Irak nicht wieder auf die Beine. Man muss von der Besatzungspolitik zu einer Wiederherstellung der Souveränität des Iraks gelangen.“

Will sagen – und Frankreichs Regierende tragen dies nun mit provozierender Ruhe vor – Amerika muss auf seinen Besatzerstatus verzichten und der Machtübergabe an eine neue politische Autorität im Irak zustimmen. Nach Frankreichs Vorstellungen soll der von Amerika eingesetzte irakische Übergangsrat in eine provisorische Regierung umgewandelt werden, die baldmöglichst Wahlen zu einer Nationalversammlung vorbereitet. „Eine legitime irakische Regierung,“ fordert de Villepin, „muss Ausgangspunkt, nicht Ziel der Politik sein.“ Auch die Kontrolle über den Wiederaufbaufonds, der aus künftigen Öleinnahmen finanziert werden soll, möchte die französische Diplomatie in irakischer Hand sehen.

Würden diese Bedingungen erfüllt – woran man in Paris indes noch gewisse Zweifel hegt –, stehe einem Engagement nichts mehr im Wege. „Frankreich ist bereit, seine Verantwortung im Irak zu übernehmen“, sagt de Villepin. Auch in militärischer Form? Anders als die Deutschen haben die Franzosen eine Entsendung von Truppen nie grundsätzlich ausgeschlossen. Sicherheitsexperten in Paris können sich vorstellen, dass bis zu zehntausend Soldaten in den Irak geschickt werden könnten – vielleicht sogar unter amerikanischem Kommando. Damit es dazu kommt – darauf pochen die Franzosen –, dürfe aber die politische Befehlskette nicht mehr bei einem amerikanischen General enden, sondern müsse dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unterstellt werden. Dass die Verhandlungen noch etwas dauern könnten, ahnt man in Paris durchaus.

Doch sind Frankreichs Ambitionen möglicherweise sogar noch höher gesteckt. Der diplomatische Konflikt um den Wiederaufbau des Iraks könnte nämlich zum Testfall werden für das, was de Villepin kürzlich eine révolution pacifique nannte, eine friedliche Revolution: eine Generalreform der bereits totgesagten Vereinten Nationen, zu denen auch die Weltmacht Amerika wieder Vertrauen fassen könne. Seine Pläne dafür, so ist zu hören, will Präsident Chirac am 23. September vor der UN-Vollversammlung in einer Grundsatzrede darlegen.

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