Weit geht die Aussicht aus dem Großraumbüro über den Alexanderplatz. Aber der Blick auf die Monitore ist spannender. Seit Monaten sichten hier, im neunten Stock der Birthler-Behörde, Mitarbeiter von früh bis spät die so genannten "Rosenholz-Akten". Eine Unmenge von Informationen ist zu verarbeiten, exakt 352719 Datensätze: Scannerabzüge von Mikrofilmen von alten Karteikarten.

In den vergangenen drei Jahren sind die Bildchen – auf fast 400 CD-ROMs gebrannt – von der CIA an Deutschland übergeben worden, dazu eine Recherchedatenbank, in die der amerikanische Geheimdienst die Daten übertragen hat. Bei nahezu jeder dritten Karte wurden Fehler gemacht. Die Amerikaner hatten keine Umlaute auf der Tastatur und kein "ß". Geburtsnamen werteten sie als Vornamen. Deshalb wird jedes einzelne Kärtchen erneut entziffert: undeutliche Schreibmaschinentypen und Handschrift mit blasser Tinte auf grobem Papier. Geblieben ist häufig bloß Dunkelgrau auf Hellgrau – Schattierungen, die über den Unterschied zwischen Opfer und Täter entscheiden können.

So auch im Fall Wallraff (siehe auch Seite 45). Vor ein paar Wochen wurde ein so genannter "Statistikbogen" eines IM "Wagner" genauer betrachtet. Die Registriernummer oben rechts war bisher als XV/485/63 gelesen worden – und führte ins Leere. Liest man die letzte Ziffer als "8", führt sie zu einer Personenkarte, der von Wallraff. Und seitdem meint auch die Birthler-Behörde, der Starautor sei "vom Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter geführt worden".

Und jetzt, endlich, interessiert sich die westdeutsche Gesellschaft für ihre Stasi-Verstrickungen. Bisher hatte sie sich zwar lustvoll angewidert über die IM-Akten von DDR-Bürgern gebeugt. Doch nur Experten lasen die akribischen Forschungsberichte der Birthler-Behörde über die West-Arbeit des MfS. Nur in Ausnahmefällen erregten die Prozesse gegen bundesdeutsche Spione Anfang der neunziger Jahre öffentliches Aufsehen. Seit im Juni die Geheimhaltung der "Rosenholz"-Daten aufgehoben wurde, hat sich das geändert. Plötzlich denkt der Berliner Senat darüber nach, sich selbst und alle West-Angestellten "birthlern" zu lassen. Der gerade fusionierte Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat die Überprüfung bereits beschlossen.

Ein Labyrinth von Karteikarten

Der Fall Wallraff zeigt, welch schwierige Debatten die Republik vor sich hat. Die Informationen der Birthler-Behörde über West-IM sind bruchstückhaft; die Hauptverwaltung Aufklärung, kurz HV A, durfte im Winter 1989/90 ihre Akten vernichten. Was sich heute noch rekonstruieren lässt, ergibt zwar präzise Umrisse, aber kein detailliertes Bild. Es bleibt Raum – einerseits für Verdächtigungen, andererseits für Ausreden. Jeder Fall muss genau geprüft werden – eine Selbstverständlichkeit, auf die sich die Ostdeutschen nach 1989 nicht verlassen konnten. Jeder Fall führt in ein Labyrinth von Karteikarten und Datenbankauszügen. Gewissheit wird es selten geben, und die Ausrede, man habe keine Verpflichtungserklärung unterschrieben, gilt nicht. Sie war bei West-IM nicht üblich.

Was die Öffentlichkeit als "Rosenholz" kennt, sind drei separate Karteien mit spröden Bezeichnungen. Erstens die "F-16-Personenkartei" der HVA. In ihr sind nicht nur Agenten erfasst, sondern auch Personen, die aus verschiedenen Gründen interessant waren: als Quelle oder als Kontaktperson, die abgeschöpft werden sollte, als Kollege oder Verwandter einer Zielperson, als Kurier oder Deckadressengeber. Etwa 290000 Namen umfasst diese Kartei samt der dazugehörigen Registriernummer und der führenden Diensteinheit. Bei Wallraff war es die Abteilung X, zuständig für "Aktive Maßnahmen", die bei anderer Gelegenheit schon mal dem stern gefälschte Abhörprotokolle von Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf zuspielte.