technik Der vernetzte Kämpfer
„Network Centric Warfare“ soll bald auch die Soldaten der Bundeswehr schlagkräftiger machen
Die deutschen Streitkräfte stehen vor dem „größten Reformvorhaben seit dem Bestehen der Bundeswehr“, sagt Brigadegeneral Manfred Engelhardt vom Führungsstab des Bundesverteidigungsministeriums. Es geht um die neue Doktrin der netzgestützten Kriegsführung (Network Centric Warfare). Deutschland soll Anschluss an die US-Streitkräfte finden, die angeblich in Afghanistan und im Irak schon Kostproben dieser neuen Art des Krieges abgegeben haben. Auf Deutsch nennt sich die neue Strategie „vernetzte Operationsführung“. 90 Mann hat das Verteidigungsministerium auf das Thema angesetzt, die sich nun im Zentrum für Analysen und Studien der Bundeswehr, einem wuchtigen Nazibau im westfälischen Waldbröl, den Kopf darüber zerbrechen.
Network Centric Warfare soll den größtmöglichen Nutzen aus der Kommunikationstechnik ziehen. Ein Klick auf den Handcomputer – schon baut sich vor dem Soldaten im Feld der Schlachtplan mit der Lage der eigenen und gegnerischen Truppen auf. Die Daten stammen von einer Armada von Himmelsspionen – Drohnen, Satelliten und Flugzeugen – und allen Kampfeinheiten, die ihre Informationen zunächst in ein zentrales Rechensystem einspeisen. Von dort wird dem Soldaten vor Ort das für ihn relevante Operationsbild in Echtzeit serviert. Er behält stets den Überblick und hat dieselben Informationen an der Hand wie der Oberkommandierende im Gefechtszentrum. Schneller und effizienter wird das blutige Geschäft dadurch, hoffen die Strategen. Aus dem Geist des Netzes heraus soll sich das Militärwesen völlig transformieren – weniger Soldaten, mehr Technik.
Die Amerikaner verweisen auf ihre jüngsten Feldzüge als erste Beispiele für die netzgestützte Kriegsführung. Etwa beim Kampf gegen die afghanischen Taliban, erklärt Brigadier General Volney Warner, Strategieleiter beim U. S. Joint Forces Command: „Wir haben die komprimierten Aufklärungsdaten an unsere Spezialeinheiten im Feld weitergeleitet.“ Drei Spionagebehörden hätten Berichte von verbündeten Spähern sowie Fotos und Bewegungsübersichten von unbemannten Drohnen analysiert. Die Krieger vor Ort erhielten dann laut Warner „Aufnahmen von Leuten, von denen wir dachten, dass wir in den nächsten Stunden hinter ihnen her sein würden“.
Noch mehr Vernetzungsaufwand trieben die Amerikaner für den Sturz des Regimes im Irak. In Qatar stampften sie ein „Global Command and Control System“ aus dem Sand, dessen Herz 65 rechengewaltige Server bildeten. Die nahmen die Daten der eingesetzten Panzer, Flugzeuge, Schiffe und Soldaten auf sowie die von der Aufklärung gemeldeten Positionen der feindlichen Truppen. Dazu kam ein Chat-System von Microsoft, das die Echtzeitkommunikation zwischen den Kampfeinheiten gewährleisten sollte. Da die Software jeden Gesprächsteilnehmer mit einem kleinen Comicsymbol darstellt, kam es anfangs zu komischen Einlagen. „Wir waren mitten im Gefecht, und dann erschien eine Reihe von Colonels online in der Gestalt vollbusiger Blondinen“, berichtete ein Systemadministrator dem amerikanischen Magazin Wired. Im Eifer des Gefechts hatten die Kommandeure vergessen, die voreingestellte Repräsentationsfigur durch eine angemessenere zu ersetzen.
Der amerikanische High-Tech-Krieg hat die deutschen Strategen offenbar beeindruckt. „Wir müssen angesichts der Entwicklung der US-Streitkräfte im Rahmen unserer Möglichkeiten Schritt halten“, erklärte Brigadegeneral Jürgen Bornemann auf dem ersten Symposium über den militärischen Transformationsprozess hierzulande, zu dem die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik vergangene Woche nach Bonn geladen hatte.
Auch bei den deutschen Pionieren in Waldbröl, die den US-Kollegen bei ersten gemeinsamen Kriegsspielen über die Schulter schauen durften, ist die Begeisterung groß. Das digitale Schlachtfeld „bringt schon nach einer Woche Training eine deutliche Kampfverstärkung“, schwärmt Oberst Ralph Thiele, Kommandeur des Studienzentrums. Angesteckt hat sich auch Engelhardt, der in bestem Denglisch die Vorteile des common recognized picture, des Lagebilds im Führungszentrum, preist: „Der amerikanische Kommandeur weiß, welche assets verfügbar sind, um taktische Probleme zu lösen.“ Auch für die deutschen Divisionsführer sei es wichtig, „über die layer des battlespace eine Vernetzung der Sensoren zu bewerkstelligen“.
Für die Bundeswehr ist es allerdings noch ein weiter Weg bis zur vernetzten Kriegsführung. Sowohl im Verteidigungsministerium als auch in der Rüstungsindustrie fehlt es am nötigen Geld. „Wir können nicht immer nur in Studien investieren“, warnt Burkhard Theile, Hauptabteilungsleiter bei der Rheinmetall DeTec AG. Ihm ist rätselhaft, wie es die beschworene militärische Transformation „zum Nulltarif“ geben solle, während sich die USA und inzwischen auch Großbritannien den kriegerischen Fortschritt Milliarden kosten ließen.
Die große Frage ist: Werden die europäischen Verbündeten im Rahmen der geplanten Nato Response Force, einer schnellen Schlageinheit des Bündnisses, nur an den Erfahrungen der technologisch weit vorausstürmenden US-Streitkräfte teilhaben, oder werden sie bei der Entwicklung ein Wort mitzureden haben? Eine rein amerikanische Lösung, bei der den Europäern eine undurchsichtige Black Box serviert werde, dürfe es nicht geben, erklärt Michael Krüger vom Münchner Rüstungskonzern EADS. Gefordert seien offene Standards, sagt Harald Buschek von der Firma Bodenseewerk Gerätetechnik. Doch das US-Verteidigungsministerium tut sich schwer, auch nur die grundsätzlichen technischen Spezifikationen mit den Nato-Partnern zu teilen. Selbst der US-Admiral Edmund Giambastiani geißelte jüngst die restriktive Informationspolitik des Pentagon in dieser Beziehung.
Während die Generäle vom vernetzten Krieg träumen, gilt diese Vision nicht allen Experten als der Weisheit letzter Schluss. „So richtig vom Ansatz her Network Centric Warfare auch erscheinen mag, als Konzeption muss es sich in der harten militärischen Realität erst noch bewähren“, urteilt Holger Mey vom Bonner Institut für Strategische Analysen. Was macht der aufs Netz zentrierte Krieger etwa, wenn im Feld die Akkus leer sind und es mit der Stromversorgung hapert? Die jüngste Welle aggressiver Computerviren und der großflächige Stromausfall in den USA haben der vernetzten Gesellschaft vor Augen geführt, wie verwundbar ihre Infrastrukturen sind – im militärischen Ernstfall sind solche Ausfälle tödlich.
Und auch zu den angeblichen Erfolgen der neuen Technik im Nahen Osten müssen sich die Militärs zahlreiche Fragen gefallen lassen. Warum etwa läuft Osama bin Laden nach wie vor frei herum, wo das Zusammenspiel von Mensch und Technik am Hindukusch doch so gut funktioniert haben soll? Die viel gepriesenen Aufklärungsdrohnen seien in Afghanistan wenig effektiv gewesen, belegt Stephen Biddle vom Army War College in Pennsylvania in einer Studie. Vor der Schlacht bei Takur Ghar etwa hätten die Amerikaner nur die Hälfte der Taliban-Stellungen entdeckt. Und haben sich die Republikanischen Garden Saddam Husseins nicht eher durch amerikanische Schmiergelder als durch die High-Tech-Waffen vom Häuserkampf in Bagdad abhalten lassen? Die eigentliche Präzisionswaffe sei der Dollar gewesen, spottete kürzlich die Zeitschrift Defense News. Oberkommandeur Tommy Franks hatte dem Blatt gestanden, dass amerikanische Spezialeinheiten und Geheimdienstmitarbeiter schon vor dem Krieg hohe irakische Offiziere bestochen hatten, nicht gegen die US-Truppen zu kämpfen. Technik allein, das wissen auch die Befürworter der neuen militärischen Mode, hat noch nie einen Krieg gewonnen.
Von Stefan Krempl erscheint im November das Buch „Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?“ (Heise-Verlag)
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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