11. September Der verwundete Krieger
In den USA wächst die Opposition gegen George W. Bush. Als Sittenwächter trat er seine Präsidentschaft an, jetzt steht er als Trickser da
Als George W. Bush im Januar 2001 das Weiße Haus bezieht, ist die Maxime seiner Politik: Bushs Getreue wollen alle Spuren der verhassten Vorgängerregierung in den Gängen des Westflügels tilgen. Sitte und Anstand sollen heimisch werden, wo zuvor Lüge und Verlangen nisteten. Fortan taucht niemand mehr, auch nicht der Präsident, im Freizeitdress im Oval Office auf. Jede Sitzung beginnt auf die Minute pünktlich. Vor der Debatte im Kabinett wird jetzt gebetet.
Vorbei die Zeit der Frevler, die zu den Sitzungen im Roosevelt-Room, dem Heiligtum der Vorväter, den Pizza-Dienst bestellten. Niemand flucht mehr auf den Fluren, Dutzende von neuen Verhaltensregeln regieren das Weiße Haus. „Meine neuen Kollegen“, notiert David Frum, zeitweise Redenschreiber des Präsidenten, in seinem Erinnerungsbuch The Right Man, „wollten unbedingt alles richtig machen.“ Eine „moralisierende Leidenschaft“ von „ungeahnter Intensität“ habe das Weiße Haus erfasst. Es reicht nicht aus, Edles zu tun. Edel zu sein ist mindestens so wichtig.
Schon die Wahlkampfreden des Präsidenten kreisten um die Tugendhaftigkeit. Ins Amt gewählt, ist ihm die Mahnung von John Adams im Ohr, des zweiten Präsidenten und ersten Bewohners des Weißen Hauses: „Niemand denn ehrhafte und weise Männer sollen jemals unter dem Dach dieses Hauses regieren.“ Manchmal, schreibt David Frum über Bush, überschreite die Akkuratesse „die Schwelle zur Pendanterie“. Einmal soll Bush nach Kalifornien reisen und schon am Tag zuvor eine Radioansprache aufnehmen. Er liest vom Blatt: „Heute bin ich in Kalifornien…“, und unterbricht sich gleich, „aber ich bin doch noch gar nicht in Kalifornien.“ Selbst kleine Unehrlichkeiten gestattet sich George W. Bush nicht.
Das Bild der Integrität vermittelt sich seinen Landsleuten nicht sofort, sondern erst nach dem Anschlag vom 11. September 2001. Da präsentiert sich Bush als Krisenmanager, um den sich die Nation in der Not versammeln möchte: Gesegnet mit der Gabe der einfachen Sprache in komplizierten Zeiten, wirkt der Präsident bedächtig und doch entschlossen. Ein Mann mit Prinzipien, umgeben von der Aura der Unschuld. Dass er aus einer der großen Macht- und Geld-Dynastien des Landes stammt, wirkt plötzlich nebensächlich. Er gibt sich als regular guy, als Mann aus dem Volk, das kommt an. Vielleicht ist Bush nicht der größte Denker des Landes, aber eine ehrliche Haut. Er will, was alle wollen: die Terroristen jagen.
In Vergessenheit gerät, wie der Präsident an die Macht gekommen ist, die umstrittene Wahl. Misstrauen schlägt um in Bewunderung. Bush, der Überparteiliche, ein Mann, der dem Wohl des Landes und nicht dem eigenen Vorteil verpflichtet ist. Ein Präsident, dem man trauen kann. So erreicht Bush Zustimmungsraten wie kein Präsident vor ihm: fast 80 Prozent, nicht nur kurzfristig, sondern fast 20 Monate lang. Als er am 1. Mai dieses Jahres auf einem Flugzeugträger landet, um der Nation vom Sieg im Irak zu berichten, kann er vor Kraft kaum laufen. George Bush ist auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Doch der radikale Niedergang beginnt eben in diesem Moment. So tief und so schnell stürzt Bush, dass er (nach Umfragedaten vom vergangenen Wochenende) wieder dort angekommen ist, wo er einst begann. Zustimmungsquote: etwa 50 Prozent. Fast drei Jahre nach der Wahl ist seine Präsidentschaft in die Krise geraten.
Bush hat in Windeseile sein wichtigstes Kapital mit vollen Händen ausgegeben: den Vertrauensvorschuss, den er sich nach den Anschlägen vor zwei Jahren erwarb; jene Gewissheit der Wähler, dass Bush sagt, was ist und deshalb bekommen soll, was er will. Nach den Sexlügen seines Vorgängers angetreten, die Ehre des Amtes wiederherzustellen, ist er dabei ertappt worden, wie auch er es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Und dies ausgerechnet in einer Frage, bei der es um Krieg oder Frieden ging.
Seit Monaten ohne Unterlass die gleichen Meldungen aus dem Irak. Jeden Tag Nachrichten von toten Soldaten, jeden Tag Trauerbilder in den Zeitungen, jeden Tag die Frage: Warum das alles? Und aus dem Pentagon täglich das flotte Lied von Frieden, Freiheit und Fortschritt im Irak. Aber zu den verschwundenen Massenvernichtungswaffen, die doch alle Welt so akut bedrohten, dass der Krieg keinen Monat mehr aufzuschieben war – kein Wort.
Schließlich jener Satz in der Rede zur Lage der Nation, mit dem der amerikanische Präsident den irakischen Diktator fälschlich der Uran-Akquise bezichtigte. Am Ende bewies der Satz nur die Unehrlichkeit von Bush. Nichts hat die Erosion seines Ansehens so sehr beschleunigt wie der wahrheitswidrige Vorwurf in dieser Rede.
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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