Großherzig Ich habe einen Traum
Sonja Kirchberger, 38, bei Wien geboren, wurde in einer Klosterschule erzogen. Sie arbeitete zunächst als Zahnarzthelferin und Zahntechnikerin, nebenbei als Model. 1988 entdeckte sie der Regisseur Robert von Ackeren und bot ihr die Hauptrolle in dem Film "Die Venusfalle" an, der sie über Nacht zum Star machte. Später spielte sie Fernsehrollen in "Peanuts - Die Bank zahlt alles" und "Der König von St. Pauli". Sonja Kirchberger hat eine 17-jährige Tochter und einen 2-jährigen Sohn. Sie träumt davon, alte Schlösser zu kaufen und in ihnen Waisenkinder unterzubringen
Schlösser haben oftmals eine Architektur, die einen rühren kann. So viel Liebe im Detail, mit einem Baustil, vor dem man atemlos stehen bleibt und sich denkt: Wie waren wohl die Menschen, die hier gelebt haben? Schlösser sind Vergangenheitsgebäude. Häuser von gestern, in denen ich mich – trotz aller Verspieltheit – oftmals frage: Warum ist es nur so schrecklich still hier? Warum hallen meine Worte so kalt nach, wenn ich etwas laut sage? Oftmals passierte es mir, dass ich ein altes Schloss besuchte, es fantastisch fand, mich aber auch darüber wunderte, dass die Besitzer es sich leisten, dass ein so geschichtsträchtiges Gebäude gerade mal für Touristenbesuche bewirtschaftet wird. Aber nach 19 Uhr liegt es still, verlassen und unbelebt da, als wäre es nur für den hellen Tag erbaut worden.
Mein Traum ist, dass die schönsten und größten Schlösser Deutschlands, Österreichs und Frankreichs zu neuen Heimstätten für solche Kinder werden, die elternlos aufwachsen müssen. Ich erbitte von jedem Bewohner dieser Länder, wenn er mehr als 2000 Euro Monatseinkommen hat, die Spende von einem Euro pro Monat für mein Projekt. Da kommt was zusammen. Damit kann man schon ein paar Schlösser von Privatbesitzern abkaufen.
Ich beginne allerdings revolutionär: In meinem Traum enteigne ich den Freistaat Bayern und nehme ihm Schloss Neuschwanstein. Hier ziehen 100 Kinder ein. Ein erster Versuch, ob mein Traum etwas taugt. Neuschwanstein ist ein schlankes, hohes Schloss. Ganz oben, in der Spitze eines der Türmchen, richte ich mir mein Zimmer ein. Ohne Fernseher. Ich möchte von oben sehen können, wie es meinen Schutzbefohlenen geht. Die Traurigkeit, die das Schloss nach Versperren der Besuchertüren umgab, verfliegt, als die ersten Busse mit den Kindern eintreffen. Die unrhythmische Stille, die auch großen Kirchen eigen ist, wenn keine Menschen in ihr sind, zieht durch mein geöffnetes Mansardenfenster wie abgestandene Luft, wenn man Durchzug macht. Junge Energien in alten Gemäuern: Neuschwanstein bekommt plötzlich wieder einen Sinn.
»Meine« Kinder haben bereits viel durchgemacht. Sie sind zwischen 3 und 14 Jahre alt, kennen schon das eine oder andere Waisenhaus, die eine oder andere Erzieherin – doch Liebe, die kennen sie nicht. Ich will ihnen diese Liebe geben. Die Betreuer, Lehrer, Köche, Gartenpfleger, Handwerker und Künstler, die den hundert Kindern in ihrem neuen Heim Schutz geben sollen, müssen alle selbst Eltern sein. Sie müssen Kinder zur Welt gebracht haben, weil sie einen Sinn darin sahen, und nicht deshalb, weil sie sich ein Gefühl konstruierten. Die Eltern von Herzen, denke ich mir, werden auch ein Herz für die Elternlosen haben. Ich bitte sie alle zu mir in mein Zimmer und stelle drei Grundregeln auf. Erstens: keine Lügen gegenüber den Kindern. Es gibt keinen Nikolaus, keinen Weihnachtsmann, keinen Osterhasen und keine gute Fee, die einem alle Wünsche erfüllt. Zweitens: Kinder dürfen einen eigenen Willen haben, denn sie sollen selbst merken, dass man mit dem Kopf nicht durch die Wand kommt. Drittens: Wir wollen nicht alle das Beste fürs Kind, denn dann gerät Erziehung zur Zwangsbeglückung, die spätestens dann auffliegt, wenn die Dinge mal nicht gut laufen.
Hundert Kinder, zwanzig Betreuer, ein Schloss, Grundregeln und eine Träumerin: Ich schaffe eine Art elitäre Situation für solche Wesen, die es von ihrer Geburt an schwerer haben als andere. Es wird ihnen gut dort gehen; doch wenn partout ein Kind dort nicht leben will oder leben kann, lasse ich es ziehen. Einen Aufenthaltszwang gibt es nicht. In meinem Traum werden sie von den besten Lehrern unterrichtet und wachsen multilingual auf; sie werden von den fähigsten und rührigsten Müttern erzogen, die selbst noch Erziehungsideale und werte haben; sind umgeben von den fantasievollsten Landschaftsgärtnern, die aus dem Garten des Schlosses eine Oase mit Pflanzen, Sträuchern, Bäumen und Tieren machen.
Während Neuschwanstein zu neuem Leben erwacht und die Tristesse aus Touristenströmen und ödem Vergangenheitserhalt nur noch eine Erinnerung ist, sammle ich weiter Geld für ein neues Projekt: Schloss Sanssouci in Potsdam. Wie finster ist es in diesem vergoldeten, verzierten Bau, wenn um 20 Uhr der Besucherservice die Lichter löscht. Wie laut ist die Stille im Park, wenn niemand mehr den Weg vom Obelisken zum neuen Palais geht; wie fröhlich wäre dort das Kinderlachen aus hundert Kehlen? Das Land Brandenburg ist nicht amüsiert von meiner Idee. Doch glaubt jemand im Traum daran, dass man gegen einen Traum etwas machen kann? Auch den Wienern wird ganz schlecht. Ich plane, Schloss Schönbrunn zu einem Waisenhaus umzuwidmen. Ich gehe da ganz methodisch vor. Die Wiener haben keine Chance gegen die Kraft meines Traums.
Feinde habe ich, das ist zu spüren. Der spätgeborene Adel aus ganz Europa, die Besitzer der meisten Schlösser auf meiner Agenda, läuft Sturm gegen meine Kinderideen. Nur Gloria von Thurn und Taxis ist auf meiner Seite, die aus eigener Erfahrung weiß, wie wunderbar es ist, Kindern in einem alten Schloss die Zukunft zu zeigen. Sie schreibt in einem Brief aus Schloss Emmeram an mich: »Verehrte Frau Kirchberger, wenn man Ihr Experiment a priori stoppen würde, hätten wir Stillstand. Das kann niemand im Ernst wollen, der ein Herz für Kinder hat.« Ich antworte Gloria: »Für mich steht nur die Frage im Raum, FÜR WEN ich es tue, und nicht, WARUM.«
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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