Nichts verkauft sich derzeit auf dem Sachbuchmarkt so gut wie Verschwörungstheorien über "die Geheimnisse des 11. 9.". Keine These über die "wahren Hintergründe" der Anschläge ist zu absurd, als dass sich nicht ein renommierter Verlag fände, sie unters Lesevolk zu bringen. Am vergangenen Wochenende trafen sich im Tempodrom, im Herzen des Berliner rot-grünen Milieus, die führenden Pseudo-Experten aus aller Welt, um sich vor Hunderten von Zuschauern mit steilen Thesen über den "inszenierten Terrorismus" zu überbieten.

Traditionell ist das politische Verschwörungsdenken eher eine Passion der Rechten. Heute aber ist ihm vor allem die Restlinke verfallen. Die Veranstalter des Berliner Symposiums distanzierten sich darum auch eifrig von der "rechten nationalistischen Szene". Dass sie eine solche Abgrenzung nötig hatten, verrät einiges über die schillernde politische Funktion ihres Denkens.

In einem sind sie sich einig: An der "offiziellen Version" der Ereignisse stimmt rein gar nichts. Der 11. September 2001 und die Folgen sind "die größte Gehirnwäscheoperation aller Zeiten", so Mathias Bröckers, einer der Stars der Szene. Akzeptiert man diese Voraussetzung, wird alles denkbar: Die Flugzeuge, die ins World Trade Center einschlugen, waren ferngesteuert. Das Pentagon wurde in Wirklichkeit nicht von einem Jet, sondern von einer amerikanischen Cruise Missile getroffen. Auf dem Feld bei Shanksville ist niemals ein Flugzeug abgestürzt. Sechs der "angeblichen Attentäter" leben noch. Die US-Regierung wusste von den Anschlägen. Ach was, sie hat sie selbst angeordnet. Und wenn nicht die Regierung, dann haben eben CIA und Mossad die Sache ausgeheckt.

Epochale Ereignisse wie die Terroranschläge vor zwei Jahren rufen stets die politischen Tagträumer auf den Plan. Und die Präsidentschaft des jüngeren Bush ist sicher die anregendste Periode für Politparanoiker seit dem Mord an John F. Kennedy. Die Bush-Regierung lieferte schon vor dem 11. September erstklassiges Material für Konspirologen, allein durch die kuriose Florida-Wahl, die Industrieverbindungen seines Kabinetts und das neokonservative Netzwerk in den Medien und Think Tanks. Die Debatte um aufgepeppte Geheimdienstdossiers im Vorfeld des Irak-Kriegs, die ständig wechselnden Kriegsgründe, die Einschränkungen der Bürgerrechte in den USA, die Kelly-Affäre – all dies ist wie geschaffen, um die paranoide Fantasie auf Touren zu bringen.

Wie groß aber muss die Ratlosigkeit sein, wenn ein im Kern apolitischer, zutiefst zynischer Paranoiker wie Michael Moore zur internationalen Celebrity aufsteigen kann? Zahlreiche Kritiker – meist selbst Linke, die sich um das Debattenniveau im eigenen Lager sorgen – haben Moore viele Fehler und Fälschungen nachweisen können. Auch den deutschen Verschwörungsdenkern halten investigative Kollegen Schlamperei und Falschmünzerei vor.

Als Wissenschaft inszeniert

Nützen wird das nicht viel. Denn die Verschwörungstheorie inszeniert sich als Wissenschaft. Eine besondere Pedanterie mit Fußnoten, Zitaten und lückenlosen Beweisketten ist geradezu ein Erkennungszeichen ihres Pseudo-Rationalismus. Die verschwörungstheoretische Mentalität verrät sich durch ihre übermäßige Folgerichtigkeit. Ihre Theorien sind viel kohärenter als die Wirklichkeit und lassen keinen Raum für Fehler, Zufälle oder Zweideutigkeiten. Es wäre naiv, sie für widerlegbar zu halten. Im Gegenteil: Der Paranoiker zehrt ja gerade davon, dass man ihm nicht glaubt und seine Thesen für absurd erklärt.

Die Verschwörungstheorie gehört zum Bereich der politischen Religion. Es geht im Grunde um die Rechtfertigung der Welt angesichts des radikal Bösen. Dass Menschen aus freiem Willen das Böse tun, darüber kommt das menschliche Bewusstsein offenbar schwer hinweg, wie die Fortdauer des Theodizeeproblems zeigt. Was die Verschwörungstheoretiker betreiben, ist im Grunde eine pervertierte Schwundform von Theodizee. Sie machen das Böse erträglich und mildern seine Schockwirkung. Nein, die Welt ist nicht aus den Fugen, alles lässt sich lückenlos erklären! Die Stelle des guten Schöpfergottes, den die Theologen mit dem Bösen zu vereinen suchten, vertritt in dieser pervertierten Theodizee eine gigantische Verschwörung als die treibende Kraft der Geschichte. Die Geschichte ist im Kern nichts als eine gigantische Verschwörung, ins Werk gesetzt von dämonischen Mächten, in denen sich perfiderweise Bosheit mit Macht und Rationalität verbündet hat. Im Denken des Senators McCarthy spielte seinerzeit der Kommunismus diese Dämonen-Rolle. Heute nimmt die Regierung der USA den Platz im Zentrum des Spinnennetzes ein.