11. September Ein Wahn stützt den anderenSeite 2/2
Die erfolgreichsten Verschwörungstheoretiker von heute entsprechen nicht dem bekannten Typus des verklemmten, autoritätsfixierten Spinners, der sich typischerweise mit den „Protokollen der Weisen von Zion“, Entführungen durch Außerirdische und der Macht der Geheimbünde beschäftigt. Es sind vielmehr gewesene Spontis und Anarchos und Randfiguren des rot-grünen Milieus, die die Szene beherrschen: Der taz- Journalist und Hanf-Propagandist Mathias Bröckers, der Bundesminister a. D. Andreas von Bülow und der WDR-Reporter Gerhard Wisnewski stehen exemplarisch dafür. Der Verlag Zweitausendeins, von jeher eine Wärmestube für die geistig obdachlose Restlinke, gibt dem paranoiden Affen Zucker. Nach dem Riesenerfolg des Bröckerschen Elaborats zum 11. September wird nun sogar die große Pearl-Harbor-Verschwörung wieder aufgewärmt. Robert B. Stinnett „beweist“ in seinem Buch über den japanischen Angriff, dass „die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2476 ihrer Bürger sterben ließ“. Ein Muster amerikanischer Skrupellosigkeit schält sich heraus, in das sich der 11. September nahtlos einfügt. So stützt der eine Wahn den anderen, ein freitragendes System entsteht.
Schwer erträgliche Wahrheit
Der amerikanische Politologe Richard Hofstadter schrieb zu Beginn der sechziger Jahre über den „paranoiden Stil in der amerikanischen Politik“: „Das Besondere am paranoiden Stil ist nicht, dass seine Vertreter hier und da in der Geschichte Verschwörungen am Werk sehen, sondern dass sie eine ‚gigantische‘ Verschwörung als treibende Kraft hinter den historischen Ereignissen betrachten.“ Hofstadter hatte damals vor allem die kulturell marginalisierte politische Rechte vor Augen. Seine Definition passt aber auch auf das linke Verschwörungsdenken nach dem 11. September.
Mit einer ironischen Drehung allerdings: Denn diesmal geht es nicht darum, den Dingen einen Sinn zu verleihen, indem man eine Verschwörung findet, wo keine ist – wie etwa im Fall des Kennedy-Mordes. Im Gegenteil: Eine tatsächliche Verschwörung soll verdrängt werden. Zugegeben: Sie stellt eine ungeheure Zumutung an das linksliberale Weltbild dar. Wer an den Sinn eines Dialogs der Kulturen, an die multikulturelle Gesellschaft und an die Friedfertigkeit des Islams geglaubt hat und weiter glauben will, ist seit dem 11. September in arger Bedrängnis.
Die „al-qaidisch-ladinistische Weltverschwörung“ (Bröckers) kann darum nur eine Lüge der Geheimdienste und der mit ihnen konspirierenden Medien sein. Es darf einfach nicht wahr sein, dass 19 junge arabische Männer in ihrem Hass auf die westliche Welt einen solchen Massenmord zu begehen bereit sind. Das besondere Problem mit diesem Hass ist nämlich, dass er so umfassend, im strengen Sinne totalitär ist. Er attackiert die feinen moralischen Unterscheidungen, an denen wir uns orientieren: Dieser Terrorismus macht eben keinen Unterschied zwischen den Gesellschaftskritikern und dem Establishment, Linken und Rechten – wie er ja auch keinen Unterschied zwischen den Brokern und den Putzfrauen im World Trade Center gemacht hat. Für die Verschwörer des 11. September gehörte auch der institutionalisierte westliche Selbstzweifel, dessen absurd-paranoide Zuspitzung Mathias Bröckers und Michael Moore verkörpern, zu jenem Weichlichen und Entarteten unserer Zivilisation, das sie aus tiefster Seele verachteten.
Der breite Zulauf zu den Politparanoikern zeigt, dass es vielen offenbar immer noch schwer fällt, sich von dem Angriff mit gemeint zu fühlen. Lieber möchten sie an die abstrusesten Komplotte glauben als daran, dass die Terroristen wirklich meinten, was sie sagten und taten.
- Datum 11.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38
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