Im Januar dieses Jahres - drei Monate bevor Saddam Husseins Statue in Bagdad in den Staub kippte - war in Washington ein kleinmütiger Europäer unter die kriegsbereiten Amerikaner geraten. Das American Enterprise Institute (AEI), wo die Blaupausen für George W. Bushs Außenpolitik entstehen, hatte den britisch-holländischen Historiker Ian Buruma eingeladen, um über die Demokratisierung des Iraks nach dem Krieg zu diskutieren. Buruma, ein ausgewiesener Experte für das Nachkriegs-Japan, wagte ein paar skeptische Bemerkungen gegen den bevorstehenden Militärzug und war prompt umringt von kraftstrotzenden Konservativen, die den Sieg im Irak für eine ausgemachte Sache und Einwände gegen den Krieg für "ästhetische Bedenken" hielten.

Nach herrschender europäischer Lesart war dies als blanker Zynismus zu interpretieren, doch Buruma kam zu einer ganz anderen Einschätzung. Er sah neben sich auf dem Podium keine Zyniker, sondern Idealisten, die sich in revolutionärer Mission wähnten, "die Demokratie in die Welt zu tragen - gestützt durch militärische Macht". Solche Idealisten, so Buruma, gab es schon einmal in der jüngeren Geschichte Amerikas: nach dem Zweiten Weltkrieg, als es um den Wiederaufbau Japans und Deutschlands ging. Nur standen sie damals im Lager der amerikanischen Demokraten. Heute zählen sie zu den Republikanern.

Wie das Unternehmen "Demokratie für den Irak" ausgehen wird, bleibt abzuwarten. Die aktuellen Nachrichten klingen derzeit nicht ermutigend für die "neuen Idealisten" und ihre Partei. Erstens haben sie im revolutionären šberschwang ihr Vorhaben offenbar maßlos unterschätzt. Zweitens herrschen in der Welt aus vielen Beweggründen Zweifel an den hehren Motiven der Supermacht. Drittens sehen immer mehr Amerikaner - bei aller Sympathie für den Demokratie-Export - Bedarf für demokratische Reformen im eigenen Land.

Wie steht es also im dritten Jahr des "Kriegs gegen den Terrorismus" um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, um Menschen- und Bürgerrechte in den USA? Auf dem Weg von Washington nach San Francisco findet man Antworten: von gottesfürchtigen Lobbyisten, unorthodoxen Verfassungshütern, polizeilich verfolgten Senatoren, vom "Gehirn" des George W. Bush und zwei Dotcom-Millionären, die am 2. November 2004 Geschichte schreiben wollen. Dann wird in den USA wieder einmal ein Präsident gewählt. Freie Wahlen sind das Fundament einer Demokratie. In den USA können sie, wie man inzwischen weiß, ein sehr denkwürdiges Ereignis sein.

Studenten verweigern den Dienst an der Waffe

Washington, im September 2003: K Street - das ist in der amerikanischen Hauptstadt Synonym für politische Macht hinter den Kulissen. In der K Street befinden sich die Büros vieler Think Tanks, Lobbygruppen und Wirtschaftsverbände. Hausnummer 1801 ist der Sitz von Empower America (EA) und seiner Filiale Americans For Victory over Terrorism (AVOT). Jeff Kwitowski, der Pressesprecher, ist ein 27-jähriger Politologe mit dem Sendungsbewusstsein eines Menschen, der sich als Teil einer revolutionären Mission sieht und dafür auch noch anständig bezahlt wird. Kwitowski war früher der Verbindungsmann der Christian Coalition zum Amerikanischen Kongress und hat Erfahrung darin, eine politisch hoch motivierte Basis für Telefon- oder E-Mail-Aktionen zu mobilisieren. Fragt man Kwitowski, wie es um die Demokratie in den USA steht, sagt er: "Gut. Hervorragend." Vielleicht sogar etwas zu gut. Der öffentliche Streit ist das Salz der Demokratie, aber für Kwitowskis Geschmack wird in den USA seit einigen Monaten zu viel debattiert. "Das bedroht den Kern unserer Mission gegen den Terrorismus."

Weil Empower America vor allem damit beschäftigt ist, Politiker und Verbände für eine privatisierte Sozialversicherung und mehr Steuersenkungen zu gewinnen, hatte Kwitowskis Chef nach dem 11. September 2001 eigens die "Amerikaner für den Sieg über den Terrorismus" ins Leben gerufen. Der Mann heißt William Bennett, war unter Ronald Reagan Bildungsminister, unter George Bush Senior Drogenbeauftragter und schrieb danach den Bestseller The Book of Virtues (Das Buch der Tugenden) - Lesestoff für die moralisch labile Nation. AVOT soll nun die Moral an der Heimatfront stärken, Amerikas demokratische Ideale und den militärischen Einsatz zur Verteidigung derselben unterstützen. Man vertritt, so lautet die Mission, einen "demokratischen Patriotismus" und will "sich solche Gruppen und Individuen vornehmen, die die Art des Krieges, in dem wir uns befinden, grundlegend missverstehen". Damit sind Bürgerrechtsgruppen und Friedensaktivisten gemeint - vor allem aber die Universitäten. Dort haben in Umfragen "erschreckend viele Studenten" erklärt, den Dienst an der Waffe zu verweigern, sollte der "Krieg gegen den Terrorismus" die Wiedereinführung der Wehrpflicht nötig machen.