TAUSEND UND EIN KRIEG Platz für Diktatoren

Einst schrieb er für ZEIT.de "Briefe aus Pakistan". Nun ist ZEIT-Autor Ulrich Ladurner wieder unterwegs. Im Irak. Mit seinem Tagebuch "Tausend und ein Krieg"

Es gibt Leute, die die Wüste über alles lieben. Manche riskieren sogar ihr Leben, nur um sich dieser Einöde auszusetzen. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ihre Begeisterung hat freilich ihre Gründe, das gebe ich zu. Nirgends ist der Sternenhimmel so klar, so schimmernd wie über der Wüste, nirgends sieht man dem Kosmos so direkt in sein milliardenfaches Gesicht, man ist ganz allein mit sich und der Schöpfung. Unzählige blank gescheuerte Sterne, eine Flasche Wasser und - nach Möglichkeit - ein Kamel. Wer möchte bestreiten, dass dies ein bemerkenswertes Erlebnis ist?

Ich tue es wohl auch nur deshalb, weil ich mich in der irakischen Wüste befinde, wenige Kilometer von der jordanischen Grenze entfernt. Die Sonne erhebt sich mühsam aus ihrem staubtrockenen Bett, bereit, alle und alles gnadenlos zu verbrennen. Der Fahrer Mohammed sagt seit Stunden seinen ersten Satz: "Wir sind jetzt im Irak!"

Ehrlich gesagt ist dies sein zweiter Satz. Denn allerersten sagte er um vier Uhr morgens bei unserer Abfahrt in Amman: "Good morning Sir!" Danach schwieg er und brauste durch die stockdunkle nahöstliche Nacht als befände er sich auf der Flucht. Irgendwo zwischen den trostlosen Häusern eines jordanischen Dorfes überfuhr er in voller Fahrt einen Hund. Es krachte am Blech des überdimensionierten Jeeps, aber Mohammed sagte kein Wort. Er drehte das Radio lauter. Das Gebet eines Mullahs war zu hören. Es klang traurig und klagend, aber es wollte nicht recht zu dem Hund passen, der nun platt gedrückt auf dem Asphalt lag. Tod und Religion - so muss es wohl sein, wenn man in den Irak fährt, dachte ich mir und fiel in einen unruhigen Schlaf, von dem ich nur halb aufwachte, wenn Mohammed wieder einmal mit Affengeschwindigkeit über ein Hindernis hinwegsetzte. Ob es ein Hund war oder eine Schlagloch, vermochte ich in meiner Benommenheit nicht zu sagen.

Mohammed also hatte seinen zweiten Satz gesagt, und ich wollte die Gelegenheit am Schopf packen, um mit ihm ein Gespräch zu beginnen. Aber er schüttelte nur den Kopf und lächelte ein Lächeln, das abweisend wirkte. Überhaupt war dieser Mensch wie ein tiefer Brunnen, man warf ein Wort in ihn hinein und horchte, ob etwas zurückkäme, wenn nicht eine Antwort, so doch ein Geräusch, in der Hoffnung, dass das Hineingeworfene zumindest irgendwo angekommen war. Aber nichts, nur ein leeres, stilles, unangenehmes Lächeln. Ich machte die Wüste dafür verantwortlich, die sich während der Nacht in Jordanien schon zu strecken begonnen hatte. Ich dachte, dass sie es war, die Mohammed zum Schweigen brachte, dass sie alles aus ihm heraus sog bis er am Ende ganz leer war. Ich fügte mich und starrte in die Wüste hinaus, bemüht, nicht Mohammeds Schicksal zu erleiden. Ich wollte mich nicht packen lassen von dieser Trostlosigkeit, und nahm meine Kräfte zusammen - ich versuchte an etwas Schönes zu denken, aber anstatt dessen kam mir ein Foto in den Sinn, das mir eine Frau in Bagdad vor Monaten übergeben hatte.

Das Foto zeigt vier junge Männer beim Tanzen. Sie halten sich an den Schultern und bilden einen Reigen. Einem von ihnen ist das Kopftuch in das Gesicht gerutscht, der andere lacht so ausgelassen, dass man sämtliche Zähne sehen kann. Sie sind weiß wie Perlen. Ein dritter hält den Kopf im Nacken, das Gesicht verzückt. Die Lebenslust quillt aus diesen Menschen.

"Das sind meine vier Söhne!", sagte die Frau, "Sie sind am 15. August 1984 abgeholt worden. Man hat sie in ein Wüstengefängnis gebracht." Ihre Augen waren tränennass. Ich habe ihren Namen vergessen, und ich weiß gar nicht mehr, ob er irgendwo in einem meiner Notizblöcke steht. Ich hatte an diesem Tag viele Namen aufgeschrieben, eine Menge Menschen drängte sich um mich und jeder sagte: "Schreiben sie: Mohammed, Ahmed, Ehmad, Tarek...!" und dann die langen Familiennamen, eine endlose Reihe. Ich war in das Zentrum für politische Verfolgte gegangen, das kurz nach dem Sturz des Diktators Saddam Hussein, seine Arbeit aufgenommen hatte. Die Freiwilligen dieser Organisation wühlten sich durch Hunderttausende Akten, die sie nach dem Ende des Regimes aus den Archiven der Staatssicherheit gerettet hatten. Sie hängten Zettel mit Namen an die Umfassungsmauer der Villa. Hunderte kamen, um zu erfahren, was mit ihren Angehörigen geschehen war. Die Sonne brannte auch damals, sie brennt ja immer im Irak, gleich zu welcher Jahreszeit.

Die Trauer der Menschen war kaum hörbar zwischen dem Scharren von hunderten von Füßen, dem Menschengemurmel und dem Summen der Hitze. Manchmal nur stieg die laute Klage eines Einzelnen aus der Menge hoch; dann hatte jemand die Wahrheit erfahren: Dass ein Vater, ein Bruder, ein Sohn, ein Cousin, dass vielleicht alle Männer einer einzigen Familie von Saddam Husseins Schergen ermordet worden waren; vor fünfundzwanzig Jahren, vor zwanzig, vor fünfzehn, vor zehn, vor fünf, vor zwei. Die Terrormaschine Saddams schien endlos, und sie kannte keine Gnade, mit niemandem.

"Haben sie ihre Söhne wieder gesehen?", fragte ich diese Frau, die nur mit Mühe, die anderen Frauen abhalten konnten, ihr ins Wort zu fallen. Alle nämlich wollten ihre Geschichte loswerden, alle erhofften sich davon etwas, als könnte ich sie erlösen. "Ich habe sie dreimal besucht. Es war ein weiter Weg. Das Gefängnis stand mitten in der Wüste. Beim vierten Mal, sagte man mir: `Ihre Söhne sind verlegt worden`. Sie sagten mir aber nicht, wohin. `Staatsgeheimnis` hieß es." Die Frau schwieg, sie schluckte und wischte sich mit ihrer Hand übers Gesicht. Auch die anderen schwiegen jetzt. Sie sahen wie der Schmerz in dieser Frau tobte und drohte, sie zu verzehren. "Nein, nie wieder. Sie sind verschwunden. Irgendwo in der Wüste! Und jetzt habe ich auf einem Zettel gelesen, dass sie 1988 gehängt worden sind."

Diese verdammte Wüste, denke ich mir, während Mohammed den Jeep weiter über das flache Band jagt, tiefer hinein in den Irak. Ohne Wüste hätten Diktatoren weniger Chancen ihr grausames Geschäft auszuüben. Sie brauchen Platz für ihre Verbrechen, viel Platz. Alle, die ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, können sie darin verschwinden lassen, spurlos. Die Wüste erschien mir plötzlich wie eine Voraussetzung für eine Diktatur und ich begann damit, die mir bekannten Diktatoren aufzuzählen und ihrer jeweilige Verfügbarkeit über Raum, um meine Theorie zu untermauern. Ich kam ein gutes Stück weit, trug die Namen dieser Unseligen und die Länder, die sie beherrscht hatten, zusammen. Ein eitles Gefühl stieg in mir hoch, weil ich mir gescheit vorkam. Ich wandte meinen Blick nach vorne und sah im Rückspiegel das ausdruckslose Gesicht Mohammeds: Ich wollte ihm von meiner neuen Theorie erzählen. Mir war es ganz egal, ob er stumm, oder taub war, ich platzte vor Mitteilungsbedürfnis wie jeder, der glaubt, eine Entdeckung gemacht zu haben.

"Mohammed!", setzte ich an. Er betrachtete mich durch den Rückspiegel und sagte, ohne mich zu Wort kommen zu lassen. "Sir, Sie können wieder Ihr Geld aus dem Autositz nehmen. Wir sind gleich in Bagdad. Wüste, vorbei. Keine Ali Baba mehr!" Er lachte. Und noch bevor ich irgendetwas sagen konnte, redete Mohammed weiter. Er sagte, dass er Hunger habe, dass er in ein Restaurant gehe, sich den Bauch voll schlagen, und danach einen alten Freund besuchen würde, um mit ihm Tee zu trinken. Er beschrieb mir bis ins Detail, was er essen werde und er erzählte mir von seinem Freund, den er schon lange nicht wieder gesehen hatte. Die Worte sprudelten aus ihm nur so hervor, aus Mohammed dem stummen Fahrer. Die ersten Häuser Bagdads erhoben sich, die Palmenhaine, und ich verwarf meine Theorie über Wüsten und Diktatoren; endlich hatte ich einen, der mit mir sprach, endlich war Mohammed von seiner Anspannung erlöst, und ich von meinem krausen Gedanken. Wir waren in Bagdad angekommen. Wir waren zum Leben erwacht.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 15/09/2003
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  • Schlagworte Krieg | Saddam Hussein | Irak | Pakistan | Wüste | Jordanien | Jeep | Bagdad | Brunnen | Amman
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