Politisch ist Jassir Arafat ein toter Mann. Ihn zu ermorden, wie Scharons Vizepremier am Sonntag erwog, wäre ein Racheakt, der dem palästinensischen Märtyrer-Pantheon nur einen neuen Namen zufügen würde. Aus dem Jenseits wäre die mythische Wirkung des Erfinders des Al-Fatah-Terrorismus spürbarer als im Diesseits seiner korrupten Klientelpflege.

Nach 700 israelischen zivilen Intifada-Opfern, nach einem Friedensprozess, der vor genau zehn Jahren in Oslo beginnen sollte, nach zahllosen Enttäuschungen, die offenkundig machten, dass Arafat sein wahres Ziel, die Beseitigung Israels, niemals aufgegeben hat, nach alledem fällt er als Gesprächspartner für immer aus.

Solange das Kräftemessen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten nicht entschieden war, durfte Arafat daran glauben, dass sich seine keineswegs heimliche Hoffnung, Israel "ins Meer zu jagen", erfüllen könnte. Seit einem Jahrzehnt interessiert ihn nur noch sein Machterhalt.

Ob ein frühzeitiger Tod Arafats den tragischen Streit um die politische Zukunft der 3,2 Millionen Palästinenser außerhalb Israels beendet hätte? Wahrscheinlich schon – wenngleich nur unter einer Vorbedingung: Israels Abzug der Siedler aus dem Westjordanland und Gaza. Doch genau darum ging es dem PLO-Chef nicht wirklich, sondern um den Abzug aller 5,4 Millionen Juden aus ihrem Staat. Würde seine Mindest-Forderung eines "Rückwanderungsrechts" aller Palästinenser nach Israel erfüllt, würden sie das Land in spätestens 20 Jahren majorisieren. Mit diesem Ziel vor Augen torpedierte er den Kompromiss von Camp David.

Arafat war und bleibt ein Anhänger jener Idee "progressiver Gewalt", die noch vor zwei Jahrzehnten auch Europas Linke faszinierte. Damals traf sie sich mit dem hobbesianischen Konservatismus der Rechten: Begleitete denn nicht Gewalt die Geburtsstunden aller Staaten? Dass es die Gewalterfahrung des Holocaust war, die an der Wiege des Staates Israel stand, geriet ausgerechnet in Deutschland aus dem Blick.

Im Völkerrecht ist der Staat kein moralisches Subjekt, sondern souveräner Vertragspartner. Jenes Recht sieht zwischenstaatliche Mordaktionen oder Attentate gegen Tyrannen im Nachbarland nicht vor. Darin folgt es nicht nur moralischen Überzeugungen, sondern vor allem der aufgeklärten Ansicht, dass nicht "große Männer", sondern historische oder ökonomische Machtkonstellationen "Geschichte machen". Doch die Erfahrung lehrt anderes. Politiker vom Schlage Hitlers oder Stalins wollten sehr wohl Geschichte machen. Es war ihr stärkster Antrieb. Ihre Angst vor Attentaten schwoll mit ihrer Machtfülle zur Paranoia an. Und die Angst war das ferne Echo ihres Wissens um die eigene kriminelle Terrorherrschaft.

Diese Männer festigten ihre Positionen durch totalstaatlich angeordnete Morde im Inland und Feldzüge im Ausland. Hätten sie nie gelebt (oder wären sie rechtzeitig getötet worden) – der Welt wären Millionen Menschenopfer erspart geblieben. Gewiss, Arafat ist kein Hitler, doch seine politische Macht gründete auf der Befreiungsideologie der PLO und ihrer mordbereiten al-Fatah. Närrisch wäre die Annahme, er hätte seinen mafiosen Einfluss innerhalb seiner Bewegung mit Charme allein gesichert. Sein Pistolenhalfter war sein Parteiabzeichen.

Vor aller Welt inszenierte Arafat einen der ersten revolutionsrhetorisch verbrämten clashes of civilizations, indem er antiwestliche islamische Vorbehalte mit den Restbeständen des Antikolonialismus verknüpfte. Er war ein Held der Dritten Welt, der vor Menschenopfern nie zurückschreckte.