Was ist bayerisch? Wer so fragt, fragt viel, und wer viel fragt, kriegt viel Antwort. Umfassend fiele sie nur aus, wenn wir uns in die Zettelkästen der Bayerischen Staatsbibliothek begäben. Mit "Bay…" begänne die Reise nicht durch ein Land, sondern durch einen regelrechten Kosmos. Das Phänomen bietet der Neigung des Menschen zum positiven und negativen Vorurteil reichlich Nahrung.

Je weiter weg, desto simpler: Vor Jahren saß ich in New York in der Christmas Spectacular Show der Radio City Music Hall. Bei "Weihnachten in aller Welt" tanzten unter dem Schild "Germany" Schuhplattelnde in Lederhosen, den Gamsbart auf dem grünen Hut, durch den Bühnenschnee. Früher waren es die Nord- und Westdeutschen, in Bayern verkürzt "Preußen" genannt, welche die Deutungshoheit über den Klischee-Katalog innehatten. Damals, zu Zeiten des seligen Ludwig Thoma, antworteten die Bayern darauf nur mit lakonischen Abwehrgesten. Heute ist der Freistaat selbst der fleißigste Produktionsbetrieb für Bayern-Bilder. In der Welt des Branding, des Wettlaufs der Standorte lebt es sich gut mit Vorurteilen, wenn sie nur farbig sind.

Klischee eins: "Bayern ist schön"

Hässliche Einfallstraßen, betonierte Peripherien und die Großstadttristesse der Bahnhofsviertel finden sich in Bayern wie anderswo. Aber wahr ist auch, dass Bayerns Natur eine fast komplette Enzyklopädie der europäischen Landschaftsformen bietet, von der Hochgebirgswelt bis zu lieblichen midlands und Seenlandschaften; das Meer fehlt, aber dafür fahren die Bayern überproportional gern zur See. Die flächenfressende Industrialisierung hat im 19. Jahrhundert einen weiten Bogen um Bayern gemacht. Der Spott über diese "Rückständigkeit" ist längst dem Jubel der Landschafts- und Denkmalschützer über unversehrte Kulturlandschaften, Dörfer und – wo nicht der Bombenkrieg gewütet hat – auch Städte gewichen.

Klischee zwei: "Laptop und Lederhose"

Der Slogan suggeriert, es seien erst jüngst "uralte" Traditionen und High Tech eine Symbiose eingegangen.

Dabei hat es mit der Ehrwürdigkeit von Tracht und Lederhose eine relativ junge, hochpolitische Bewandtnis. Die Wittelsbacher, aufgeschreckt wie alle Dynastien durch den seit 1789 virulenten revolutionären Bazillus, zogen im mittleren 19. Jahrhundert demonstrativ die Kleidung des Volkes an und hatten mit dieser Sympathieoffensive großen Erfolg; ähnlich ging es bei der Rettung der Monarchie im England der Königin Viktoria zu. Der Erfindung einer "baierischen" Nation, die nach der napoleonischen Staatsschöpfung aus den disparaten Ländern Baiern, Franken und Schwaben eine Einheit machte, verdanken wir auch noch das Oktoberfest, das einmal im Jahr Hunderttausende bewegt, stolz das Nationalkostüm anzulegen zur rituellen Fahrt in die Landeshauptstadt. Soziale Amalgamierung durch attraktive Symbole: Das hat auch nach 1945 bei der Eingemeindung der Millionen von Flüchtlingen funktioniert und tut es heute beim endlosen Zustrom der Neubayern aus dem Norden und Osten.

Und der Laptop, das bayerische Kalifornien: Da will es umgekehrt die Ironie der Geschichte, dass die High-Tech-Tradition mindestens so alt ist wie die Lederhose. Die Kette der technisch-wissenschaftlichen, auch künstlerischen Moderne in Bayern geht von Senefelders Lithografie über Fraunhofers Optik zu Maffeis Lokomotiven, Oskar von Millers Elektrik, dem Deutschen Museum und BMWs Flugmotoren.