Montagmorgen in der Münchner Arnulfstraße, Lehrgang Pressearbeit V bei der Journalistenakademie. Dozent Peter Lokk hat seinem Kurs mal wieder eine knifflige Aufgabe mitgebracht: Eine Firma hat einen DVD-Player aus nachwachsenden Rohstoffen entwickelt. Das Problem: Er ist fünfmal so teuer wie herkömmliche Geräte. Seine 14 Studenten sollen eine Pressemitteilung verfassen, die die Redakteure in den Medien dennoch für das Produkt begeistert. Über ein Drittel der Teilnehmer war bis vor kurzem noch selbst Ziel solcher PR-Bemühungen. Sie sind Journalisten, die mit ihrem bisherigen Beruf abgeschlossen haben. Nach oft monatelanger Arbeitslosigkeit lassen sie sich zu Fachleuten für Public Relations (PR) umschulen, zu Pressesprechern etwa oder Pressereferenten – oft mit Förderung des Arbeitsamtes. Angesichts Tausender arbeitsloser Kollegen haben sie, so glauben sie zumindest, in den krisengebeutelten Medien von heute keine Zukunft mehr. PR-Schulen überall in Deutschland berichten, dass sich deutlich mehr Journalisten für Seminare anmelden als früher, zum Beispiel um den Titel Geprüfter PR-Berater zu erwerben. Dies liege am vergleichsweise robusten Zustand der PR-Branche, sagt Peter Lokk: "Momentan wird ganz stark gesucht. Pressearbeit ist zurzeit eine sicherere Sache als Journalismus."

Viele seiner Schüler dürfte der Wechsel dennoch Überwindung kosten. Im Alltagsgeschäft neigen Journalisten nämlich dazu, kräftig über die PR-Quälgeister herzuziehen, die angeblich immer in den unpassendsten Momenten in den Redaktionen anrufen, um ihre Produkte anzupreisen. PR und Journalismus waren lange Zeit für viele Schreiber zwei Welten, zwischen denen man nicht mal eben so wechselt: ihre, in der es um Wahrheit, Ideale und die Verteidigung der Demokratie geht, und die der Auftragsarbeiter in den PR-Abteilungen, Pressestellen oder Kundenzeitschriften, die als gut anpreisen, was man ihnen in die Hand gibt. Doch in der schwersten Medienkrise seit Bestehen der Bundesrepublik, so scheint es, können sich immer weniger Journalisten leisten, PR-Arbeit für sich kategorisch auszuschließen.

Natürlich habe es Seitenwechsel auch schon vor der Medienkrise gegeben. Vor allem die Pressestellen hätten sich schon immer gern Leute aus dem Journalismus geholt, sagt Edmund Schalkowski vom Deutschen Institut für Publizistische Bildungsarbeit in Hagen. Die aktuelle Lage verstärke aber den Trend.

Michael Neher hat beide Seiten ausprobiert. Der 43-Jährige volontierte an der angesehenen Axel-Springer-Journalistenschule, arbeitete für die Bild- Zeitung, Focus-TV, RTL, Sat.1 und das Online-Portal Bild.de. Er war aber auch als Pressesprecher für die Flebbe-Kinogruppe im Einsatz und betrieb Mitte der Neunziger mit einem Partner eine eigene PR-Agentur. Natürlich sei auch er mit hehren Ansprüchen in den Beruf gestartet, sagt Neher, doch die hätten sich im Laufe der Zeit "ein bisschen abgewetzt". Nachdem die hochfliegenden Multimedia-Pläne bei Bild.de geplatzt waren, stimmte er vergangenes Jahr einem Auflösungsvertrag zu. Jetzt macht er an der Deutschen Akademie für Public Relations in Frankfurt am Main eine Fortbildung zum PR-Berater. So will er seine Wettbewerbsfähigkeit auf dem Jobmarkt stärken. Doch er werde deshalb nicht aufhören, wie ein Journalist zu denken oder zu arbeiten, betont er. "Wer weiß schon, was in zwei Jahren ist."

Selbst wenn sie nicht von Arbeitslosigkeit bedroht sind, ist der Wechsel in die Welt der Auftragskommunikation für Journalisten interessant: Die Bezahlung in der PR-Branche ist oft besser, der Arbeitsplatz sicherer, und die Arbeitszeiten sind regelmäßiger.

Doch manch einer erlebt nach dem Neuanfang eine böse Überraschung. Journalisten wissen zwar, was ihre Exkollegen in den Redaktionen wollen, und nerven sie daher nicht so leicht mit aussichtslosen Pressemitteilungen. Doch für eine umfassende PR-Arbeit, die über die direkte Pressearbeit hinausgeht, fehlt ihnen oft noch das Handwerkszeug. "Es reicht nicht, eine gute Schreibe zu haben", sagt Jürgen Pitzer, Präsident der Deutschen Public Relations Gesellschaft, des Berufsverbands der PR-Fachleute. Zur PR gehöre es zum Beispiel auch, strategisch zu planen, wie das Unternehmen in bestimmten Situationen reagiert und auf welchem Weg man in die Öffentlichkeit tritt; die Kommunikation mit den eigenen Mitarbeitern zählt ebenfalls dazu. "Die Gesamtkommunikationsleitung eines Unternehmens liegt daher in der Regel nicht in der Hand ehemaliger Journalisten", sagt Pitzer.

Auch Journalisten, die die Öffentlichkeitsarbeit bereits in ihrer ganzen Bandbreite beherrschen, müssen Hürden überwinden. Bisher konnten sie offen reden und ihre Meinung vertreten, jetzt müssen sie mit allem, was sie sagen, auf der Unternehmenslinie liegen. Er kommuniziere wesentlich "eingedampfter", sagt ein altgedienter Journalist, der jetzt in der Pressestelle eines Großkonzerns arbeitet. Was er damit meint, wird schon dadurch deutlich, dass er seinen Namen nicht hinter diesem Zitat lesen möchte. Seitenwechsler müssen schweigen lernen. Und genau das ist es, was das journalistische Berufsideal ihnen bisher verboten hat. Der alte Gegensatz zwischen Journalismus und PR lebt manchmal als innerer Konflikt fort. Nicht selten wirkt er sich auch auf die Beziehung zu ehemaligen Journalistenkollegen aus. "Wenn man aufs Dienstliche zu sprechen kommt, merkt man schon, dass ich jetzt auf der anderen Seite stehe", sagt der Exjournalist.

Früher hieß es: Geht ein Journalist einmal in die Öffentlichkeitsarbeit, ist seine journalistische Glaubwürdigkeit dahin. Doch was, wenn die gegenwärtige Krise vorbei ist und die Medien wieder mit Jobangeboten locken? Die meisten Seitenwechsler betonen schließlich wie Michael Neher, dass ihr Herz immer noch für den Journalismus schlage.