stromnetze Gefahr verkannt
Stromausfälle kommen in Deutschland selten vor. In Zukunft könnten die Steckdosen öfter tot sein
Mannheims Oberbürgermeister Gerhard Widder ist bekannt als Mann, der seine Ansichten unverblümt ausspricht. Nichts anderes tat der Kurpfälzer, der auch an der Spitze des Verbandes kommunaler Unternehmen steht, neulich auf einer Tagung der Energietechnischen Gesellschaft – noch vor dem großen Black-out in Amerika: „Netzausfall ist doch bislang ein Wort, das die Leute kaum schreiben können, weil sie es kaum erleben.“ Fragt sich nur, wie lange noch. Die seit Jahrzehnten gewohnte Erwartung, dass der Strom jederzeit aus jeder Steckdose kommt, könne „nicht mehr ohne weiteres weiterbestehen“, mahnt der Oberbürgermeister. „Wegen der neuen Marktgegebenheiten.“
Widder, selbst studierter Elektroingenieur, versteht seine Worte als Weckruf an die Politik: Seit der Liberalisierung des Strommarktes vor fünf Jahren dreht sich die Debatte um allerlei Probleme mit dem Wettbewerb. Ob Industrie und private Haushalte künftig ihre Elektronen auch sicher geliefert bekommen, ist dagegen kaum ein Thema. „Das kann sich rächen“, sagt Professor Armin Schnettler. „Wenn wir nicht vorbeugen, haben wir bald italienische Verhältnisse“, so der Direktor des Instituts für Hochspannungstechnik an der RWTH Aachen.
Tatsächlich kommt in Italien jährlich 190 Minuten lang kein Saft aus der Steckdose; hierzulande dauert der Blackout nur 15 Minuten. Noch. Denn um Kosten zu sparen, kappen die Netzbetreiber ihre Budgets sowohl für Neuinvestitionen als auch für die Instandhaltung – und zwar drastisch. In Zukunft könnten die Steckdosen immer häufiger mal tot sein, ohne Strom.
Schnettler macht folgende Rechnung auf: Der Tagesneuwert des bundesweiten Netzequipments beträgt gegenwärtig rund 100 Milliarden Euro. Bislang war es Usus, Betriebsmittel wie Transformatoren und Schaltanlagen nach 30- bis 40-jähriger Betriebsdauer routinemäßig auszutauschen, auch wenn sie nicht schadhaft waren. Daraus ergibt sich ein jährlicher Investitionsbedarf von ungefähr drei Milliarden Euro. Mittlerweile aber sind die jährlichen Investitionen auf weniger als eine Milliarde Euro gefallen. „Die Betriebsdauer wird verlängert, während die Belastungen wachsen“, schlussfolgert Schnettler. Beunruhigt ist der Experte, weil die Energieversorger gleichzeitig auch noch in großem Stil Personal abbauen und damit Know-how verloren geht: „Das kann nicht gut gehen.“
Schnettler ist nicht der Einzige, der Unheil ahnt. „Beim Netzbetrieb die Kosten zu senken und gleichzeitig die Qualität der Stromversorgung beibehalten zu wollen, das haut nicht hin“, sagt auch Michael Schwan von der Forschungsgemeinschaft für elektrische Anlagen und Stromwirtschaft mit Sitz in Mannheim. Noch gar nicht abzusehen seien die Folgen für die deutsche Volkswirtschaft: „Viele Prozesse in der Industrie laufen heute über digitale Techniken und Steuerungen, für die Ausfälle bei der Stromversorgung Gift sind.“
Um das zu vermeiden, sieht Klaus Schilling, der bei der Siemens AG in der Power Transmission and Distribution-Einheit arbeitet, die Politik gefordert: „Als Land, in dem es für fast alles eine DIN-Norm gibt, ist es schon auffällig, dass es für die Versorgungssicherheit beim Strom keine Norm gibt.“ Hochspannungstechnik-Experte Schnettler fordert eine „Gesamtstrategie in Sachen power quality“. Den Netzbetreibern müssten „klare Vorgaben gemacht werden, wo es hingehen soll“. Bei dieser Debatte geht es aber nicht zuletzt darum, welcher Aufwand betrieben und von wem das Ganze bezahlt werden soll. Schließlich könne nicht jeder Betrieb und Haushalt mit einer Batteriespeicheranlage ausgerüstet werden, die auch dann noch Saft liefert, wenn das Netz hin und wieder zusammenbricht.
Genährt wird die Sorge um Deutschlands Stromnetze auch vom Boom der Windenergie. Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2030 in der Nord- und Ostsee mehrere große Windparks mit einer Gesamtkapazität von 20000 bis 25000 Megawatt bauen lassen – rund ein Fünftel des heutigen atomar-fossilen Kraftwerkparks an Land. „Die spannende Frage ist, wie wir diesen Strom von der See ans Land bekommen“, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen-Energie-Agentur GmbH (Dena). Tatsächlich werden an der Küste selbst große Mengen Strom gar nicht gebraucht. Kohler hält es deshalb für „unverzichtbar“, die Stromtrassen in Richtung Ruhrgebiet und Frankfurter Raum auszubauen und zu verstärken. Und zwar bald, wegen der langen Planungs- und Genehmigungszeiten.
Zudem sollte die Stromwirtschaft ihre Vorbehalte gegen die steigende Windstrom-Einspeisung abbauen, fordert Marcel Krämer aus Bremen. Mit seiner Dissertation hat der Wirtschaftswissenschaftler das so genannte WEsER-Modell (Wind Energy substitutes conventional Electricity Resources) entwickelt. Es soll die Integration der Windenergie in das bestehende und künftige Stromversorgungssystem erleichtern. Das Problem: Weil es mal kräftig und mal weniger kräftig bläst, schwankt die Stromproduktion der Windmühlen; die vom Wetter unabhängigen, fossil befeuerten oder atomar betriebenen Kraftwerke müssen diese Schwankungen ausgleichen. Krämers Modell hilft dabei, den Einsatz dieser Kraftwerke der schwankenden Windstromproduktion anzupassen und den demnächst fälligen Bau neuer Kraftwerke so zu steuern, dass sich konventioneller und grüner Strom im Netz besser ergänzen.
Die heutige Stromversorgung basiert auf der Annahme, dass es einen permanenten Nachfragesockel gibt. Rund 60 Prozent der Stromerzeugung stammt aus so genannten Grundlastkraftwerken, also Atom- und Braunkohlekraftwerken. Weil sie fast rund um die Uhr Elektrizität produzieren müssen, um rentabel zu sein, harmonieren diese in Monopolzeiten gebauten Blöcke schlecht mit der wetterabhängigen Einspeisung von Windstrom.
Indes bietet sich demnächst die Chance, das zu ändern. Nach Planungen der Stromkonzerne müssen zwischen 2010 und 2020 rund 40000 Megawatt Kraftwerkleistung ersetzt werden. Diesen Neubau, fordert Dena-Chef Kohler, „müssen wir für einen optimalen Kraftwerkmix nutzen“. Wie genau dieser Mix aussehen könnte, lässt die Dena gerade in einer umfassenden Studie untersuchen. Dabei ziehen übrigens, sagt Kohler, die Stromunternehmen, die Windbranche, die Kraftwerkbauer und die Zulieferindustrie an einem Strang.
Das Netz in Schuss zu halten und die Stromfabriken den neuen Zeiten anzupassen – beides erfordert die Kooperation der Branche. Auf Klagen seitens der Konzerne sollte die Politik indes gelassen reagieren, meint Kohler. Schließlich hätten sie schon einmal bewiesen, dass sie ihre Netze ausbauen und neuen Umständen anpassen können. Damals, in den siebziger und achtziger Jahren, als der deutsche Kraftwerkpark um 19 Atomkraftwerke bereichert wurde.
Verweigern sich allerdings die Netzbetreiber, werden sie sich eine Frage immer häufiger gefallen lassen müssen: Was machen sie eigentlich mit den hohen Netzgebühren?
- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
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