Herr Müller beglückt Frau und Sohn mit einem neuen Fernseher. Der bisherige ist zwar erst wenige Jahre alt und läuft eigentlich noch recht gut. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und weil der Händler für das gebrauchte Gerät nur wenig zahlen will, landet es beim 13-jährigen Max im Kinderzimmer. Das hat den Vorteil, dass es mit ihm abends nun keinen Stress mehr über das Programm gibt. Und Max freut sich. Endlich kann er das schauen, was er will.

Diese kleine Geschichte scheint sich in deutschen Familien oft zu ereignen. Jedenfalls verfügt nach den Feststellungen des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest inzwischen etwa die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen über einen Fernseher im eigenen Zimmer. Unter den 16-/ 17-Jährigen sind es knapp 70 Prozent. Und selbst von den 6-Jährigen unseres Landes ist schon fast jeder Vierte dabei. Beachtung verdient der Ost-West-Vergleich. In den neuen Bundesländern sind von den 6- bis 13-Jährigen 55 Prozent bereits Besitzer eines eigenen TV-Geräts, in Westdeutschland sind es 28 Prozent.

Ja und?, fragen da fernsehfreudige Eltern. Wo ist das Problem? Zahlreiche Repräsentativbefragungen zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen geben eine erste Antwort. Durch die Verfügbarkeit eines eigenen Fernsehers erhöht sich der tägliche Fernsehkonsum um etwa eine Stunde – werktags von zweieinhalb auf etwa dreieinhalb Stunden und an Wochenenden auf vier bis fünf Stunden. Diese Kinder verbringen damit pro Jahr mehr Zeit vor dem Fernseher als im Schulunterricht.

An den 135 schulfreien Tagen, an denen man frühmorgens ausschlafen kann, nutzen vor allem die Jungen die Abende vorher dazu, bis weit in die Nacht hinein und ohne Überwachung der Eltern das anzuschauen, worauf sie scharf sind – auf solche Filme, die von Experten des Jugendschutzes als jugendgefährdend eingestuft wurden und deswegen erst nach elf Uhr gesendet werden dürfen. Aktuelle Befragungen haben erbracht, dass 56 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jungen häufig derartige Filme anschauen. Von den Mädchen sind es nur 25 Prozent. Die Jungen dominieren auch unter den Vielsehern. Bereits 1998 gaben im Rahmen einer Repräsentativbefragung 18 Prozent der männlichen (und nur 13 Prozent der weiblichen) Neuntklässler an, dass sie pro Tag mehr als vier Stunden vor dem Fernseher sitzen. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Jungen regelmäßig Computerspiele nutzen, die wegen ihres jugendgefährdenden Inhalts für unter 18-Jährige verboten sind. Mädchen sind nur zu 14 Prozent dabei.

Nimmt man alle drei Aspekte zusammen, so erscheint es gerechtfertigt, davon zu sprechen, dass mindestens ein Fünftel der männlichen 12- bis 17-Jährigen in einen Zustand der Medienverwahrlosung geraten ist. In ihrer Freizeitbeschäftigung dominieren das Betrachten von Gewalt- und Actionfilmen sowie die Nutzung von PC-Spielen mit jugendgefährdendem Inhalt.

Infolgedessen verarmt ihre soziale Existenz. Wer in seiner Freizeit täglich mehr als vier Stunden vor dem Fernseher oder dem PC verbringt, der versäumt das Leben. Ihm verbleibt nicht genug Zeit dafür, zum Beispiel regelmäßig in einer Fußballmannschaft zu spielen und dabei auch zu lernen, wie man anständig verliert. Er versäumt die Erfahrung, sich nach einem Streit mit Spielkameraden wieder zu versöhnen. Seine soziale Kompetenz wird nicht voll entwickelt. Das gilt selbst dann, wenn er Astrid-Lindgren-Filme schaut.

Wer täglich stundenlang fernsieht, hat kaum noch Zeit, die schulischen Hausarbeiten konsequent zu erledigen. Außerdem bewegt er sich zu wenig. Das schädigt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Neurobiologen haben herausgefunden, dass die Entwicklung des Hirns leidet, wenn sich Kinder zu wenig körperlich austoben. Hirnforscher berichten, dass das, was die Kinder in der Schule hören oder sich nachmittags zu Hause an Schulwissen aneignen, zunächst im Kurzzeitgedächtnis landet. Der Prozess der Überführung in das Langzeitgedächtnis, also in das gesicherte Wissen, dauert danach mindestens zwölf Stunden und wird entscheidend davon beeinflusst, was das Kind in den Stunden nach dem Erlernen des Schulwissens emotional erlebt.

Wer nun am Nachmittag aufwühlende, schockierende Filmszenen betrachtet, die ihn völlig in den Bann ziehen, verdrängt, was vorher im Kurzzeitgedächtnis gespeichert wurde. Die schulischen Lerninhalte verblassen angesichts der emotionalen Wucht der filmischen Bilder. Und wer zudem den Fehler begeht, sich einen Horror- oder Actionfilm kurz vor dem Einschlafen anzuschauen, der beeinträchtigt massiv die für den Aufbau des Langzeitgedächtnisses notwendige so genannte "Schlafarbeit". Hirnforscher weisen darauf hin, dass sowohl der traumintensive REM-Schlaf als auch der Tiefschlaf eine wichtige Funktion bei der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten haben. Wir lernen tatsächlich im Schlaf – aber nur dann, wenn wir aufwühlende Bilder vor dem Einschlafen vermeiden.