Lebe lieber ungewöhnlich!
Vor dreißig Jahren kaufte die Naturschützerin Kuki Gallmann eine Farm in Afrika. Heute besitzt sie das wildeste und zugleich ruhigste Hotel der Welt
Während ich diese Zeilen schreibe, liege ich auf einem Bett, das mitten in der Wildnis zwischen dem Mount Kenia und dem Ostafrikanischen Graben steht. Um das Bett herum wächst hohes Gras, dann kommen ein paar Büsche, dahinter beginnt die Steppe, und noch weiter hinten liegt ein See. Am anderen Ufer des Sees zieht gerade eine Herde Elefanten vorüber; im Mondlicht sind nur ihre Silhouetten zu sehen, ein Bild wie in prähistorischer Zeit. Wenn es nicht eigentlich zu dunkel zum Schreiben wäre, müsste man schreiben: stille Unendlichkeit, unendliche Stille. Nur Gezirpe, Gequake, Gezische, nur Geraschel und Gesäusel. An Schlaf ist nicht zu denken, denn ich bin von Gefahren umzingelt. Angenommen, ich würde rechts von einem Löwen überrascht und nach links flüchten – es könnte sein, dass ich von einem Büffel aufgespießt würde. Angenommen, ich würde am Fußende des Bettes Besuch von einer schwarzen Mamba bekommen und übers Kopfkissen rausspringen – es könnte sein, dass mich eine Python beißt. Diese Wildnis! Und als plötzlich ein Löwe brüllt, weiß ich endlich, was es heißt, wenn jemand sagt: »Mir blieb fast das Herz stehen.«
Nairobi, Wilson Airport. Die Maschine nach Nanyuki geht in einer halben Stunde, sagt die Frau am Ticketschalter der AirKenya. Ich lege 72 Dollar auf den Tisch, nehme den Flugschein und laufe die Treppe zum Warteraum runter. Eine ältere Dame sitzt auf der Bank. Sie hat graumeliertes dickes Haar, schulterlang. Sie trägt ein Hemd, darüber eine Weste, die von einer silbernen Schlange zusammengehalten wird. Unauffällig ziehe ich Kuki Gallmanns Biografie aus dem Rucksack, blicke auf das Coverfoto. Sie ist es. Die ungewöhnlichste Hotelbesitzerin der Welt. Mit einem Lachen begrüßt sie mich. »Ich hatte in Nairobi zu tun«, sagt sie, »wir fliegen zusammen.« Ein Angestellter der Airline bittet uns, durch eine Sicherheitsschleuse zu gehen; dass die Sicherheitsschleuse defekt ist, wird ignoriert – der Angestellte wäre sonst arbeitslos. Eine Stunde später landen wir in Nanyuki, steigen in eine Cessna, um weiter zu Kuki Gallmanns Ranch Ol Ari Nyiro zu fliegen.
Das 350 Quadratkilometer große Anwesen liegt auf dem Laipikia-Hochplateau, einer Landschaft aus Steppe und dichtem Buschwerk. Zebras und Antilopen rennen davon, als unser Flugzeug sich nähert. Der Pilot fliegt so tief, als wolle er die Baumwipfel absägen. Wir sehen einen einsamen Läufer vom Stamm der Samburu, mit einer roten Decke über der Schulter, die aus der Luft einer Klatschmohnblüte gleicht. Noch einmal dreht die Maschine nach rechts, dann taucht zwischen Gelbfieberakazien, Hibiskussträuchern und purpurroten Bougainvilleen das Strohdach der Farm auf.
Kuki Gallmanns Biografie ist der Traum einer italienischen Bildungsbürgerin von Afrika. Eine Geschichte, die in 21 Sprachen übersetzt wurde; sie zeigt, dass die Suche nach dem Glück ein langer Weg sein kann und es zu finden eine Tragödie. 1973 kam die in Venedig geborene Autorin mit ihrem Mann Paolo und Sohn Emanuele nach Kenia, um ein neues Leben zu beginnen, fasziniert von der Idee, das Wilde und das Kultivierte zu verbinden. Sie kauften Land und bauten eine Farm. Der Schicksalsschlag ereignete sich 1980, als die Familie auf dem fremden Kontinent heimisch geworden war: Paolo wurde bei einem Verkehrsunfall getötet. Drei Jahre später starb Emanuele, eine Giftschlange hatte ihn gebissen, er war erst 17.
Kuki Gallmann stürzte sich in die Einsamkeit. Wochenlang lief sie durch die Wildnis, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, nichts im Gepäck als den Schmerz. Die Natur, sagt sie, habe sie geheilt und sie aus der »Qual der lähmenden Tiefe« befreit. Zum Schutz der Natur gründete sie später die Gallmann Memorial Foundation. Heute forschen Wissenschaftler und Studenten aus aller Welt auf ihrem Land, es ist eines der wenigen intakten Ökosysteme in Ostafrika, womöglich das einzige. Jedes Wochenende kommen Kinder der umliegenden Dörfer, um einen respektvollen Umgang mit Tieren und Pflanzen zu erlernen. Und für Reisende hat Kuki Gallmann hoch über der Mukutan-Schlucht eine Lodge errichtet, die einen Platz in der Schöner-wohnen-Bibel African Interieurs verdient hätte.
- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
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