Auf den See hinaus
Endlich die Wahrheit über das Waldhaus in Sils Maria
Vom Waldhaus in Sils Maria, wahrscheinlich dem berühmtesten Hotel im Schweizer Engadin und einem der schönsten, haben wohl viele schon gehört, weil Leute wie Adorno oder Dürrenmatt, Thomas Mann oder Max Reinhardt, Visconti oder Thomas Bernhard, also Berühmtheiten der seriösesten Art, hier zu Gast gewesen sind. Andere wiederum, die nicht so heißen, sind selbst im Waldhaus gewesen und haben seine Besonderheit und Absonderlichkeit zu lieben oder zu meiden gelernt.
Die wenigsten aber wissen, dass es ursprünglich ein Schiff gewesen ist. Das wird von der neuesten gastrohistorischen Forschung unzweifelhaft belegt. Waldhaus-Kenner wird das überraschen. Der unbefangene Beobachter jedoch, wenn er etwa von der in den Silser See hineinragenden Halbinsel Chasté auf jenen Felsrücken hinüberblickt, der das Fextal gegen die Engadiner Seenplatte abriegelt, kann daran nichts Merkwürdiges finden. Er sieht dort den ehemaligen Luxusdampfer weiß aus dem dunklen Nadelwald emporleuchten. Deutlich zeichnen sich am Heck die prachtvoll verzierten Kabinen ab, wie man es von alten Kauffahrteischiffen kennt.
Wie allerdings kam das Schiff auf den Berg? Noch herrscht unter den Forschern keine Einigkeit (doch wann gäbe es die je?), aber drei Theorien immerhin haben sich im Lauf einer erbitterten Diskussion durchgesetzt. Die erste, ganz offensichtlich theologisch inspirierte Theorie spricht davon, Gott der Herr sei über den sündhaften Lebenswandel der Engadiner, die ihre schöne Landschaft zu Wucherpreisen verkauften und unschuldige Ausländer schamlos ausbeuteten, dermaßen erzürnt gewesen, dass er beschlossen habe, alle in einer großen Flut zu ersäufen, alle außer seinem gerechten Knecht Josef Giger. Den habe er zu sich gerufen und ihm befohlen, eine Arche zu bauen. Von allem, was lebe und für die Zukunft des Engadins von Bedeutung sei, nämlich Köche und Kellner, Zimmermädchen und Barpianisten, Sommeliers, Hoteliers und Portiers, die Gäste keinesfalls zu vergessen, solle er je ein Männchen und ein Weibchen in die Arche führen. So sprach der Herr. Josef Giger tat, wie ihm geheißen, und als die Flut endlich sank, blieb die Arche auf jenem Fleck liegen, wo heute das Waldhaus steht.
Die Schwäche dieser Theorie liegt zweifellos darin, dass sie nicht recht zu erklären vermag, weshalb die angebliche Arche, die doch eher eine Notunterkunft gewesen sein müsste, derart komfortabel ausgefallen ist, dass sie Tennisplätze und Saunas, Speisesäle und ein Hallenbad enthält. Andererseits macht die Theorie plausibel, weshalb im Waldhaus immer noch Vertreter fast ausgestorbener Berufe hingebungsvoll ihren Dienst verrichten. Wo zum Beispiel kann man seine Schuhe abends vor die Tür stellen und findet sie am Morgen geputzt wieder? Auch die von der allgemeinen Mobilmachung bedrohte Spezies des traditionellen, formbewussten Hotelgastes, der alles so wiederfinden möchte, wie es immer war: Hier lebt sie noch.
Das zweite, etwas realistischere Erklärungsmodell nimmt Bezug auf die Tatsache, dass seinerzeit das gesamte Gebiet zwischen Maloja und Pontresina ein einziger großer See war. Josef Giger habe als Erster erkannt, dass sich daraus etwas machen ließe, und er habe 1908 ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff mit allem Schnickschnack wie Pool und Tennishalle bauen lassen. Mit der MS Amalie, benannt nach seiner geliebten Gattin, sei er erfolgreich zwischen den Bergen hin und her gekreuzt. Dessen aber sei er nach einigen Jahren müde geworden und habe den Felsen oberhalb von Sils Maria zum ständigen Liegeplatz gewählt – eine äußerst glückliche Entscheidung, denn nicht lange darauf sank infolge anhaltender Trockenheit der Seespiegel bis auf das heutige Niveau, sodass die MS Amalie auf dem schönsten Aussichtspunkt zu liegen kam. Da sie nun als Schiff nicht mehr nutzbar war und allmählich ringsumher ein Wald wuchs, hätten Gigers Erben die ehemalige MS Amalie nur noch »das Waldhaus« genannt.
Diese Theorie wirkt alles in allem überzeugend, mit der kleinen Einschränkung freilich, dass die berühmten Sommerspaziergänge, die Nietzsche vor dem Stapellauf der MS Amalie am Silser See unternommen hat, dann so nicht stattgefunden haben könnten, wie sie der Philosoph uns schildert, er müsste denn unter Wasser seiner Wege gegangen sein. Was aber im Falle Nietzsches keineswegs unvorstellbar ist. Immerhin erhielte Zarathustras Rundgesang, der in eine Felsplatte auf der Chasté eingraviert ist, dadurch eine neue Bedeutung, vor allem die ansonsten rätselhafte Zeile »Die Welt ist tief«.
- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







