Auf den See hinausSeite 3/3

Es gibt kaum einen Grund, dieses Domizil, dem Adorno etwas unfreundlich »unmäßige Dimensionen« bescheinigt hat, zu verlassen, denn hier fehlt es einem an nichts, hier fühlt man sich aufgehoben, durchaus im Hegelschen Sinn. Und doch gehört es zum Ritual, sich täglich zum Landgang herzurichten, hinabzuwandern zum Silser See und an seinen Felshängen entlang zur Isola hinüber, wo man eine köstliche Polenta verzehrt und die Wolkentürme über Maloja betrachtet; oder hinauf ins Fextal, über das Adorno, abermals etwas unfreundlich, gesagt hat, diese Landschaft atme keine mittlere Humanität aus. »Zugleich ähneln die Moränen, für jene Landschaft charakteristisch, Industriehalden, Schutthaufen des Bergbaus. Beides, die Narben der Zivilisation und das Unberührte jenseits der Baumgrenze, steht konträr zur Vorstellung von Natur als einem tröstlich, wärmend den Menschen Zubestimmten; es verrät schon, wie es im Kosmos aussieht.«

Warum aber, wenn es dort so aussieht (und es sieht so aus, vor allem weiter hinten, wo oberhalb von 2000 Metern die Vegetation immer ärmlicher wird), wollen alle ins Fextal? Warum wollte Josef Giger dorthin? Unten, direkt hinter dem Felsrücken, auf dem das Waldhaus liegt, öffnet sich ein anmutiges Auf und Ab von Hügeln und Häusern, von Baumgruppen und Weiden mit dem fröhlich rauschenden Gletscherfluss dazwischen. Aber hier bleibt man ja nicht, denn in der Ferne locken oder drohen himmelhoch die Gletscher, die schneebedeckten Gipfel wie eine diffuse Prophetie. Man geht und geht, vorbei am Glockenklang der weidenden Kühe, stolpert übers Geröll, versinkt im Schwemmsand des Flusses, der hier oben kein Bett mehr hat, sondern sich in verzweigten Adern nach unten wirft, und je länger man geht, umso karger, Adorno-hafter wird alles, umso mehr streckt sich das Tal. Gut, man gewinnt an Höhe, der Gletscher zeigt sich deutlicher, aber dann? Hier ist man ganz allein, andere Mitwanderer sind auf der letzten Alm eingekehrt, haben aufgegeben. Das Tal hat kein Ende, es gibt auch keinen Ausgang, keinen Weg hinüber, wohin auch immer. Da steht man nun und sieht das Nichts.

Anzeige

Und alle pilgern sie hin, im Winter auf Skiern, im Sommer auf Rädern, rasten im Hotel Fex, sitzen in der Sonne und blinzeln ins Nirwana, in die Unbegreiflichkeit des Kosmos jenseits von Zivilisation und Natur. Dahinten, ganz weit hinten, wo es leuchtet, muss doch etwas sein, etwas Unirdisches, Außerirdisches, das uns erlöst. Aber es entzieht sich immerzu, man erwischt es nicht.

So dreht man sich denn um und wandert zurück, dem Waldhaus entgegen. Mit jedem Schritt nach unten wird es grüner, lieblicher, humaner, die Sonne wirft schon lange Schatten, die Füße schmerzen, der Magen brummt, man denkt an Sauna und Abendessen und Whisky – und an Josef Giger. Wie gut versteht man ihn jetzt! Wie gut, dass er es nicht geschafft hat!

 * Infos zum Hotel

 
Service