Roman Das kleine, runde Loch im HimmelSeite 2/2

Der harte Blick nach innen

Oder anders: „Das Körperbewußtsein dient nur in zweiter Linie dazu, das andere Geschlecht anzulocken, in erster Linie geht es darum, möglichst wenig Schmerzen zu haben.“ In die Sorge um sich muss auf einmal die Alterung als entscheidender Faktor einbezogen werden. Alter ist immer eine Kränkung, besonders für jene, die sich bereits mit der ewigen Jugend abgefunden hatten, weil die Machtpositionen bis auf weiteres von den Helden der Revolte besetzt bleiben. Man darf sich also nach innen wenden und ein verändertes Verhältnis zur Zeit suchen. Ist es verwunderlich, dass dieses Buch von Vanitas-Motiven überquillt?

Wer es liest, dem wird auch klar, warum es „den Roman“ der geburtenstarken Jahrgänge nie geben kann. Diese Generation, die ein skrupulöses, wenn nicht notorisch experimentelles Verhältnis zu sich pflegt, wird nie einen strammen auktorialen Erzähler zur Welt bringen. Dass diese Generation eines Tages eine Große Erzählung von sich entwerfe, ist ein fern liegender Gedanke. Man hätte sich für das Buch einen splendideren Auftritt vorstellen können denn als Nummer 2438 der – vierzigjährigen – edition suhrkamp, aber diese Buchreihe ist schließlich das geistige Archiv jener Generation. Warum übertreiben?

Sicher, es gibt die Augenblicke des Glücks und die kleinen profanen Erleuchtungen: in der Musik, beim Gehen, im Himmel über Berlin oder wenn der Wind in Chicago um einen braust. Es gibt aber auch das Grauen des Alltags. Gar nicht gut kommt ein Pärchen weg, das seine schlabbrige Turnschuhfrische schon nach Kräften inszenieren muss: „Die Erotik eines Matjesfilets ist ihr eigen, während seine erotische Ausstrahlung der eines von einem Hund eingespeichelten und dann liegengelassenen kurzen dicken Aststücks entspricht.“ Das klingt gar nicht sanft. Das Buch begnügt sich nicht mit ironisch getönten Polaroids, hier und da regiert ein kräftiger Strich. Gelegentlich macht sich sogar die Strenge klassischer Vorbilder geltend, Montaignes oder der französischen Moralisten. In Wahrheit härtet der Blick nach innen den Menschen.

Durch Das Loch im Brot blickt der Leser auf vielerlei Symptome eines entdramatisierten Lebens. Politische Ansprüche, erotische, pädagogische oder diätetische – die meisten Utopien wurden stillschweigend zurückgenommen. Das ist so, wenn man älter wird. Aber darunter sind auch Anzeichen eines echten Dramas auszumachen. Die mit so viel moralischer Emphase ins Erwachsenenleben entlassenen Post-68er haben erkennen müssen, dass die Ordnung der Welt keineswegs den Ordnungen entspricht, an die sie glaubten, weder der Hermeneutik des Gesprächs noch irgendeiner Machtkritik noch einer Diskursethik. Die kulturellen Versprechungen trogen, die Welt geht weiter ihren Gang. Und jenseits des Lochs im Brot wartet auch nicht die ökologische Mutter, die am Ende ihre Arme öffnet und die Dinge regelt. Denn wahr ist auch: „Die Natur ist nicht sozialdemokratisch.“

Iris Hanika: Das Loch im Brot Chronik; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 171 S., 8,50 ¤Das Loch im BrotBelletristikChronikIris HanikaBuchSuhrkamp Verlag2003Frankfurt a. M.8,50171
 
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Roman | Literatur | Chicago | Auschwitz | Berlin
  • Artikel-Tools präsentiert von:

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Parteivorsitz Linke zerfleischt sich im Führungsstreit
    2. Energiewende Merkel gesteht Versäumnisse beim Netzausbau
    3. IWF-Chefin Lagarde findet harte Worte für die Griechen
    4. EM-Testspiel Deutschland verliert 3:5 gegen die Schweiz
    5. Kinderbetreuung Die Wähler werden für dumm verkauft
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Anzeige
    Service