Erzählung GespenstervertreibungSeite 2/2
Ein deutsches Bruderpaar. Wie groß ist die Schnittmenge zwischen dem Umriss des einen, des guten Deutschen, und dem des anderen, des bösen Deutschen? Das ist die Frage. Sie wird insofern beantwortet, als Uwe Timm das abgebrochene Leben von Karl Heinz Timm ja tatsächlich in vielen Punkten fortsetzte, Kürschner wurde, was der Bruder vorhatte, und in das Geschäft des Vaters einstieg.
Das alles, das Brudermotiv, der Topos vom Nazi als Normalmensch, ist nicht sensationell neu. Auch gedanklich bewegt sich der Text in seinen essayistischen Passagen zur soldatischen Männlichkeit, zum autoritären Charakter, zur genealogischen Psychologie, im Rahmen des Erwartbaren. Sein Hauptmerkmal ist vielmehr das Antisensationelle. Es fehlt diesem wohl Uwe Timms persönlichsten, heikelsten Buch auf höchst sympathische, anrührende Weise alles Manifesthafte, alles Demonstrative, den Leser Bedrängende. Und es fehlt ihm auf verblüffende Weise das Zerrissene. Es entsteht aus einer Situation erheblicher Problematik. Und findet zu einer so ruhigen, gleichmäßigen, beinahe unauffälligen Gestalt des Ausdrucks, wie sie gemeisterte Abschiede und verarbeitete Trennungen hervorbringen. Eine größere Harmonie zwischen der Nähe subjektiv-identifikatorischer Aneignung und der Distanz historischer Beurteilung, mithin zwischen Poesie und Aufklärung, ist kaum denkbar. Die Gespenstervertreibung ist – auch dies gilt für das Leben wie für die Literatur – im besten Fall ein Vorgang der Entneurotisierung. Wie es diesen vorführt und vollzieht, das ist das Interessante an diesem Buch. Es spiegelt eine Bewältigungsfähigkeit, die von Verdrängung so frei ist wie von Verdammung.
Der Zeitpunkt, zu dem dieses Buch erscheint, nach den Auseinandersetzungen um deutsche Kriegseinsätze, ist nicht zufällig, denn es waren Auseinandersetzungen, in denen sich die deutsche Gesellschaft als uneins, aber daneben als beruhigend unneurotisch in ihrem Verhältnis zum Kriegerischen erlebte. Man spürt diese Bewusstseinslage bei Timm. Und ebenso kein Zufall ist die Ähnlichkeit der Haltung Uwe Timms, Jahrgang 1940, mit der etwa gleichaltriger Schriftsteller wie Jürgen Becker, Dieter Forte, auch Alexander Kluge. Sie alle haben den Zweiten Weltkrieg in ihrer Kindheit oder Jugend gerade noch erlebt, sie sprechen wie Zeitzeugen und Nachgeborene in einem.
Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003; 160 S., 16,90 ¤Am Beispiel meines BrudersBelletristikUwe TimmBuchVerlag Kiepenheuer & Witsch2003Köln16,90160- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



