Die Medizin ist so erfolgreich, dass heute jeder an ihren Segnungen teilhaben will, aber keiner sie mehr bezahlen kann. Über dieses Problem denken nach einer kürzlich publizierten Umfrage 86 Prozent aller Deutschen nach. In derselben Umfrage wurde aber auch gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen trotz des Pisa-Schocks bereits wieder aufgehört hat, über Bildung und Lernen nachzudenken. Dabei ist die Situation nach wie vor beinahe unverändert: In Deutschland ist Lernen in den Kindergärten (leider immer noch) umstritten, in den Schulen (nicht erst seit Pisa) unzureichend, an den Hochschulen reformbedürftig und in der beruflichen Weiterbildung älterer Arbeitnehmer (die künftig erst mit 70 in Rente gehen sollen) unverzichtbar, aber derzeit ineffektiv. Nun ist die Medizin deshalb so erfolgreich, weil sie seit etwa 200 Jahren für sich die Naturwissenschaften zur Grundlage gemacht hat. Die Idee ist einfach: Wer versteht, wie ein Motor funktioniert, kann ihn auch besser reparieren, und das trifft für Herz und Nieren gleichermaßen zu. Oder, um uns dem Thema zu nähern: Ein Trainer, der von Herz und Kreislauf, von Muskeln und Bändern etwas versteht, wird den Sportler besser fit machen können als ein Ignorant. Gewiss, gute Ratschläge und viel Erfahrung gibt es auch ohne Wissenschaft. Nur durch Wissenschaft wird jedoch aus Meinungen und subjektiven Erfahrungen gesichertes Wissen und folgerichtiges Handeln.

Lernen ist der Gegenstand der Gehirnforschung, und die Aufklärung seiner vielfältigen Mechanismen war Anlass genug für die Verleihung des Nobelpreises im Jahre 2000. Kennt man daher diese Zusammenhänge genauer, wird ein Lehrer, der weiß, wie das Lernen im Gehirn funktioniert, besser lehren können. Diese Einsicht wird nach meiner Erfahrung von vielen Lehrern begeistert aufgenommen, wenn sich auch manche Pädagogen vehement gegen sie wehren. Ihre Argumente hat Jochen Paulus in seinem Beitrag Lernrezepte aus dem Hirnlabor vorgebracht. Auf der Strecke bleiben dabei jedoch nicht nur Klarheit und Wahrheit, sondern vor allem jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation der Lernenden. Im Folgenden möchte ich darstellen, warum wir uns den Fehler, beim Lernen das Gehirn außer Acht zu lassen, nicht leisten können. Die Gehirnforschung hat als Grundlagenwissenschaft eine wesentliche Bedeutung für das Verdständnis des Lernens. Des Weiteren plädiere ich für eine empirische pädagogische Forschung, die den heute üblichen Standards der medizinischen Forschung folgt.

Das Gehirn lernt immer, es kann gar nicht anders

Paulus kritisiert zu Recht den Ausdruck "Neurodidaktik", ein unglücklich gewähltes Wort, etwa so sinnvoll wie "Neuromusik" oder "Neurofußball". Tatsache ist: Das Gehirn ist im Spiel, was auch immer wir tun. Daher lernt das Gehirn auch immer, nicht etwa nebenbei und wenn es gelegentlich mal sein muss, sondern es kann gar nicht anders, kann ohnehin nichts besser und tut auch nichts lieber! Dies zeigen alle Säuglinge – wir hatten noch keine Chance, es ihnen abzugewöhnen.

Zu Recht kritisiert Paulus auch die Tatsache, dass die Gehirnforschung in den USA um die Mitte der neunziger Jahre zu früh und vor allem zu stark vereinfacht – von "Synapsenpflege" redete kein ernst zu nehmender Neurobiologe – auf die Belange der Schulen angewandt wurde. Dies geschah allerdings nicht durch Neurowissenschaftler, sondern durch Pädagogen, denen ihr Fach selbst zu unwissenschaftlich vorkam und die daher Unterricht für die rechte Gehirnhälfte machen wollten oder ähnlichen Unsinn. Auch sind viele Synapsen nicht in jedem Fall besser als wenige. Das hat gerade die Gehirnforschung gezeigt. Ebenso lautet eines ihrer Ergebnisse, dass Lernen nicht nur in den ersten drei Lebensjahren erfolgt, sondern bis ins hohe Alter stattfindet.

Paulus sieht es mit kritischen Augen, dass "die Neurobiologen das Bekannte lediglich mit Befunden, was dabei im Gehirn vorgeht, untermauern". In der Medizin untermauert die Grundlagenforschung oft überlieferte Erfahrungen, klärt damit jedoch Ursachen und Mechanismen, mit ganz praktischen Konsequenzen: "Fingerhut ist gut gegen Wassersucht in den Beinen", wusste man schon vor hundert Jahren. Heute kennt man die Mechanismen der Herzinsuffizienz ebenso wie die wirksamen Inhaltsstoffe des Fingerhuts. Dies erlaubt Millionen von Menschen, trotz schwachen Herzens ein normales Leben zu führen, vor allem ohne das Risiko schwerer und mitunter tödlicher Nebenwirkungen bei Überdosierung, wie sie bei Fingerhutpräparaten früher häufig waren. Die Wissenschaft hat selten schnelle Patentrezepte, sondern stellt infrage, zeigt Mechanismen auf und bewirkt besseres Verstehen – mit Folgen für die Praxis.

Warum wir nur bei guter Laune lernen sollten

Betrachten wir als Beispiel die Forschungsergebnisse zu den Entwicklungsphasen des Gehirns. Diese haben die veralteten, in der pädagogisch-psychologischen Ausbildung jedes Lehrers leider noch immer tradierten Modelle abgelöst und uns ein, verglichen mit Freud oder Piaget, wesentlich differenzierteres Bild der kindlichen Entwicklung gelehrt. Die Phasen betreffen vor allem das Lernen, denn das Gehirn des Neugeborenen ist noch unfertig. Lernen findet also während der Gehirnentwicklung statt und funktioniert je nach Alter anders.