Neurodidaktik Medizin für die PädagogikSeite 3/3

Dennoch impliziert Paulus mit seiner fehlgehenden Spitze die richtige Idee: Eines der besten Modelle für die Art, wie Wissensfortschritt in praktisches Handeln umgesetzt werden kann, ist die Medizin. Sie hat ihr hohes Niveau erreicht, weil sie sich als evidence based medicine von Meinungen („Experte X meint, dies werde schon helfen“) zum wissenschaftlich Bewiesenen bewegt hat („Studie Y zeigt, dies hilft am besten“). Ebenso wie man in der Medizin zwischen Wirkungsmechanismus und klinischer Wirkung unterscheiden muss, sollte auch in der durch Gehirnforschung informierten Pädagogik zwischen Mechanismen des Lernens einerseits und der Effektivität von Lernprogrammen und -umgebungen andererseits unterschieden werden. In der Medizin ist es eine Sache, zu wissen, in welche biochemischen Stoffwechselwege eine Substanz eingreift, und eine andere , zu wissen, bei wie vielen Patienten mit der Erkrankung X die Substanz besser hilft als eine andere.

So sollte man auch in der Pädagogik verfahren: Es gilt nicht nur, die Grundlagen von Lernprozessen mithilfe der Gehirnforschung aufzuspüren, sondern auch, die sich hieraus ergebenden Schlussfolgerungen auf ihre Anwendbarkeit, Wirksamkeit und vielleicht auch Nebenwirkungen hin „klinisch“ – das heißt in der Praxis des Lehrens – zu überprüfen. Im Handeln zeigt sich, was wirkt und was nicht, welche Theorie taugt und welche nicht, welche Vorgänge wichtig sind und welche randständig. Die Theorie allein zeigt dies nicht; nur wer auch heilt, hat Recht.

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Besseres Selbstverständnis dank Gehirnforschung

Die Gehirnforschung zum lebenslangen Lernen darf nicht im Bereich der Theorie verbleiben. Aus diesem Grund muss es neben der Grundlagenforschung auch anwendungsorientierte Forschung geben. Diese gelingt, wie in der Medizin, häufig am besten, wenn sie von denen gemacht wird, die auch die Grundlagen untersuchen – oder zumindest im engen Austausch mit ihnen. Anwendungsforschung allein reicht hierzu nicht aus: Sie ist nur beschreibend, nicht aber innovativ. Auch in der Medizin gibt es entsprechende Versorgungsforschung; man kann beispielsweise nachlesen, dass eine einfache Blinddarmentzündung im europäischen Vergleich in Deutschland mit der vergleichsweise größten Wahrscheinlichkeit tödlich verläuft. Daraus lässt sich jedoch gerade nicht ableiten, wie man künftig einen Blinddarm am besten behandelt, sondern allenfalls, in welchem Gesundheitssystem wo Schwachstellen lagen.

Fassen wir zusammen: Die Gehirnforschung zeigt nicht nur, dass wir zum Lernen geboren sind und gar nicht anders können als lebenslang zu lernen. Sie zeigt auch Bedingungen erfolgreichen Lernens in verschiedenen Lebensphasen. Sie ermöglicht uns damit ein besseres Selbstverständnis im besten Sinne des Wortes. Es ist an der Zeit, dass wir dieses Verständnis unserer selbst für die Gestaltung von Lernsituationen nutzen. Wir können es uns einfach nicht länger leisten, unsere wichtigste ökonomische Ressource – die Gehirne der Menschen – zu behandeln, als wüssten wir nichts über deren Funktion. Es gilt, das heute bereits Machbare auch tatsächlich umzusetzen, um uns allen, den Jungen und Alten, besseres Lernen und damit ein besseres Leben zu ermöglichen.

Manfred Spitzer leitet die Universitätsklinik für Psychiatrie in Ulm und gründet jetzt ein Institut für Gehirnforschung und lebenslanges Lernen

 
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