Kritiker Jünger der KunstreligionSeite 3/3
Während Reich-Ranicki seine Macht durch Unberechenbarkeit zu stabilisieren suchte, setzte Raddatz eher auf Berechenbarkeit. In den ideologisch aufgeladenen siebziger Jahren machte er das Feuilleton der ZEIT zum Medium des linken Zeitgeistes. Der Ruhm aber, den beide erlangt haben, hat auch damit zu tun, dass Medien nie nur Institutionen sind, sondern immer auch Zirkus. Jeder Zirkus braucht einen Clown, der mit seinen gespielten oder wirklichen Abstürzen das Publikum amüsiert. Die Clownskunst ist die höchste der Zirkuskünste, sie verbindet Weisheit und Dummheit, Tragik und Komik. Beide, Raddatz wie Reich-Ranicki, haben es darin so weit gebracht wie niemand sonst. Aber wenn sich das Publikum genug amüsiert hat, kommen die Dressurreiter.
Die Literatur hat sich von der moralischen Beweislast befreit
Es bleibt die Frage, weshalb Jüngere den beiden Veteranen des Literaturbetriebs nicht nachgefolgt sind. Falls es Versuche in dieser Richtung gegeben hat, so sind sie unbemerkt geblieben. Die Antwort ist einfach: Erstens hat sich die Bedeutung des literarischen Werks innerhalb des Kulturbetriebs verringert. Damals, als beide auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen, war die Literatur das zentrale Medium intellektueller Aufklärung und Selbstaufklärung. In ihr verständigte sich eine zunehmend politisierte Gegenöffentlichkeit, die den berühmten Hassausbruch von Franz Josef Strauß („Ratten und Schmeißfliegen“) als Bestätigung ihrer auch politischen Relevanz verstehen durfte. Heute benötigen die generell politisierten Feuilletons die Literatur nicht mehr in derselben Weise, was auch den Vorzug hat, dass eine von der ideologisch-moralischen Beweislast befreite Literatur sich leichter auf ihren ursprünglichen Auftrag besinnen kann. Es kommt hinzu, dass damals das literarische Leben überschaubar blieb, es gab vergleichsweise wenig neue Bücher und bedeutend weniger Medien. Die Aufmerksamkeit für einen neuen Roman von Böll, Grass oder Walser war ungleich größer als heute, und wer in den wenigen wichtigen Feuilletons die Macht hatte, der hatte sie wirklich. Reich-Ranicki hat zeitig erkannt, dass sich der Einfluss des geschriebenen Wortes mindern würde, und sich dem Fernsehen zugewendet, mit größtem Erfolg.
Zweitens aber sind die Biografien von MRR und FJR einmalig, in einem ebenso fürchterlichen wie großartigen Sinn. Niemand kann wünschen, sie ließen sich wiederholen. Beide haben sie auf seltsam ähnliche Weise die wundersame Blüte des deutschen Feuilletons möglich gemacht, keineswegs allein, aber doch in leitender und vorauseilender Rolle. Dass sie die besten Literaturkritiker ihrer Zeit gewesen seien, wird niemand behaupten. Es genügt, auf Kritiker wie Günter Blöcker oder Reinhard Baumgart zu verweisen, um zu sehen, dass MRR und FJR Meister der Machtentfaltung, aber nicht der subtilen ästhetischen Wahrnehmung sind.
Gute oder sehr gute Literaturkritiker hat es danach oftmals gegeben, und es gibt sie heute in größerer Zahl als damals, in der vergangenen, scheinbar großen Zeit. Aber keiner mehr hat Anspruch auf die vakante Position des Großkritikers erhoben. Der nachfolgenden Generation, aufgewachsen im bescheidenen und beschützenden Gehege der Bundesrepublik, wäre es kaum in den Sinn gekommen, sich selber wichtiger zu nehmen als die Aufgabe, die sie zu erfüllen hatte. Sie nahm sich auf ganz andere Weise ernst: indem sie ihre Selbstverwirklichung nicht mit ihrer beruflichen gleichsetzte.
- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
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