Philosophie Wie aus dem Stegreif
Die „Dialektik“ des Philosophen Schleiermacher erlebt ihre kritische Edition
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768 bis 1834), begnadeter Prediger an der Berliner Charité, Publikumsmagnet, Weggefährte der Jenaer Frühromantiker, maßgebender Übersetzer Platons, „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“, Begründer einer allgemeinen Theorie des Verstehens („Hermeneutik“), nicht einzuschüchternder Einmahner einer Konstitution beim preußischen König – er war auch ein bedeutender Philosoph. Doch will man ein philosophisches Hauptwerk von ihm kaufen, so ist der Umfang der angebotenen Buchrücken in einigen Zentimetern zu messen. Schlägt man eines dieser Bücher auf, zum Beispiel die oder den so fällt das Auge auf eine Sammlung (meist) nummerierter Notate, die nicht ausformuliert sind. So verhält es sich auch mit dem, was uns von Schleiermachers philosophischem Fundamentalwerk, der geblieben ist.
Das hängt mit einer Eigentümlichkeit des Schleiermacherschen Vortrags zusammen. Der rhetorisch genial begabte Hochschullehrer war ein Mann des gesprochenen Worts. Aus dem platonischen dialégesthai, der „Kunst der Gesprächsführung im reinen Denken“, wollte er das Unternehmen seiner Dialektik rechtfertigen. Nun hat der Dialog sein Maß an der Sache selbst, nach der sich das Denken zu richten hat – nicht umgekehrt. Ein typisch dialektischer Konflikt entsteht, wenn verschiedene Denker/Sprecher nicht bloß unterschiedlich, sondern widersprechend denken. Und das können sie nur unter der Voraussetzung der „Selbigkeit“ eines Gegenstandes, dem nicht nur unterschiedene (aber logisch gleichermaßen mögliche), sondern widersprechende Bestimmungen („Prädikate“) beigelegt werden. Aus gegenstandsfixierenden („referierenden“) und gegenstandsbestimmenden („prädikativen“) Handlungen ist mithin der dialektische Dialog aufgebaut.
Erst wer die Kargheit seiner handschriftlichen Kollegnotizen mit einer (wie immer fragwürdigen) studentischen Nachschrift vergleicht, ermisst die stupende mnemotechnische Begabung des Autors, der hoch komplexe Gedanken in einer fabelhaften Ordnung wie aus dem Stegreif entwickelte. Schelling pflegte stets abzulesen, und Schleiermachers ungeliebter Berliner Kollege Hegel stammelte und verwirrte sich in barocken Tournüren. Der Erfolg war auf Schleiermachers Seite: Weder Fichte noch Hegel hatten je annähernd so volle Auditorien wie Schleiermacher.
Die Dialektik ist Schleiermachers philosophisches Hauptwerk – oder wäre es gewesen, wenn ihn nicht ein jäher Tod an wechselnden Plänen der Ausarbeitung für den Druck gehindert hätte. So hat denn Schleiermachers treuer Schüler Ludwig Jonas, um den Preis einer „Augenkrankheit“, Ordnung in die insgesamt sechs nachgelassenen Konvolute von Notizen – entsprechend den sechs Vorträgen der Dialektik in den Jahren 1811, 1814/15, 1818/19, 1822, 1828, 1831 – zu bringen gesucht und seine Zusammenstellung 1839 (als Bd.III/4.2 der Sämtlichen Werke des Meisters) erstediert. Die Mängel dieser Ausgabe sind rasch bemerkt worden: Zwar hat Jonas sinnvollerweise Schleiermachers Notizen zum Kolleg von 1814/15, die allen späteren Vorträgen der Dialektik kompendienartig zugrunde lagen, zum „Grundtext“ seiner Edition gemacht. Doch hat er hie und da Ausdrücke modifiziert (oder falsch gelesen), die Interpunktion (die bei Schleiermacher nur angedeutet ist) frei gesetzt und unter dem Haupttext Auszüge aus Vorlesungsnachschriften verschiedener Jahre angefügt, gelegentlich ergänzt durch eigene, oft hilfreiche interpretatorische Einschübe.
Diese Mängel sind nun durch Andreas Arndt – die weltweit erste philologische Autorität – in einer zweibändigen historisch-kritischen Edition ausgeräumt worden. Der erste Band enthält alle bekannten Schleiermacherschen Handschriften in chronologischer Folge, der zweite bietet Vorlesungsnachschriften zu sämtlichen Kollegs (außer dem des Wintersemesters 1814/15, für das schon Jonas keine hatte auffinden können), darunter erstmals vollständige zu den Kollegs von 1811 und 1818/19. Den ersten Band betreffend, muss man nüchtern urteilen, dass Arndts zuverlässigerer Text kaum Formulierungen bietet, die von dem Jonasschen interpretationsrelevant abweichen. Freilich sind später (besonders von Bruno Weiß und H. Zimmermann-Stock) aufgefundene, allerdings auch schon bekannte Aufzeichnungen hinzugetreten.
Erst mit dem zweiten Teilband wird Neuland erschlossen. Die in Transkription, Textkritik und Kommentierung investierte Arbeit mehrerer Beteiligter ist nicht hoch genug zu rühmen. Zumal durch den Druck der ausführlichen Nachschrift 1818/19 sind Formulierungen hinzugetreten, die dunkle Basis-Theoreme und die Datierung ihrer Konzeption durchsichtiger machen: über das Verhältnis von Religion und Philosophie, „transzendentem Grund“ und „Gefühl“, Gott und Welt. Doch ist die Neuausgabe so selektiv, wie Arndt es früheren Editoren vorwirft. Ihnen standen Nachschriften zur Verfügung, auf die die Kritische Gesamtausgabe nicht mehr zurückgreifen kann. Auch sie hatten „die jeweils beste“ ausgewählt. Wie Odebrecht ergänzt Arndt den Wortlaut einer Nachschrift durch Formulierungen aus anderen, ja er vermutet, der unbekannte Schreiber der Vorlesung 1818/19 habe selbst eine (unkontrollierbare) Nachschriften-Kompilation hergestellt.
So bleibt der Schluss, dass die kritische Ausgabe keine vollständige Alternative zum Wortlaut der mangelhaften bisherigen bietet. Damit ist aber nicht allein der hoch verdiente Editor, es sind künftige Forschergenerationen herausgefordert. Mögen sie durch grundstürzend neue Einsichten in den Gehalt von Schleiermachers Dialektik alle Unkenrufe beschämen.
- Datum 18.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39
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