"Wir wünschten ja, eine Erklärung zu finden, eine Art Zusammenhang, etwas, das das Ganze zusammenhängen lässt"

Per Olov Enquist, Der schwedische Wintermord

Stockholm

Nicht immer wiederholt sich Geschichte nur als Farce. Gelegentlich kommt es genauso schlimm wieder, noch grausamer, böser. Die Ermordung von Anna Lindh, der schwedischen Außenministerin, ließ sogleich an jene Februar-Nacht des Jahres 1986 denken, in der Olof Palme, Schwedens Ministerpräsident, auf offener Straße in Stockholm erschossen wurde.

Das zweite Trauma. Und die Wunde ging diesmal womöglich noch tiefer. Die 46 Jahre alte blonde Frau, politisch engagiert seit ihrer Schulzeit, überzeugte Feministin und Mutter zweier kleiner Söhne, die jeden Tag mit der Bahn die 100 Kilometer zwischen Nyköping und Stockholm hin- und zurückpendelte, war eine seltene Erscheinung im politischen Milieu nicht nur des Nordens. Auch auf europäischer Ebene fiel sie aus dem Rahmen, mit profilierten Ansichten, klugen Auftritten und ihrer herzlichen Offenheit. In Schweden war sie, obwohl sie für ihre Meinungen stritt, in allen sozialen Schichten und politischen Lagern beliebt.

Auch auf den Tod Palmes reagierte das Land mit Entsetzen und Empörung. Aber dieses Gefühl, wie jetzt bei Anna Lindh, ein Mitglied der Familie oder des engsten Freundeskreises verloren zu haben, war damals weniger verbreitet. Palme, ein politischer Führer mit faszinierender Ausstrahlung, konnte im Streit auch spalten. Im Milieu der Gegner, das wusste man schon zu Palmes Lebzeiten, reagierten viele auf seine Überlegenheit mit regelrechtem Hass, vor allem am rechten Rand der schwedischen Gesellschaft – die Aggressivität und Gewaltbereitschaft dort werden bis heute unterschätzt.