technik Schaltkreis in der Milchtüte

Im Supermarkt der Zukunft wird jedes Produkt per Funk registriert und der Kunde durchschaut

Was wird am häufigsten gestohlen? Teure Klamotten, edle Parfums, wertvolles Computerzubehör? Weit gefehlt. Ganz oben auf der Liste der meistgeklauten Produkte stehen – Rasierklingen. Offenbar sehen viele Verbraucher nicht ein, warum sie acht Euro für vier kleine Metallblättchen bezahlen sollen. Deshalb werden Rasierklingen in vielen Supermärkten besonders gesichert. Bei der britischen Supermarktkette Tesco wurde im Frühjahr ein ganz ausgeklügeltes Antidiebstahlsystem getestet: Sobald ein Kunde eine Klingenpackung aus dem Regal nahm, schoss eine versteckte Kamera ein Foto von ihm. Beim Bezahlen an der Kasse wurde er wiederum abgelichtet. Wenn die Packung nie an der Kasse ankam, besaß der Laden gleich ein Fahndungsfoto vom Täter.

[Grafik: Wie der Einkauf mit über Funk registrierten Waren funktioniert: Eine Illustration von Niels Schröder www.niels-schroeder.de für DIE ZEIT (800 kb)]

Möglich wurde das durch eine neue Technik mit dem Namen RFID (Radio Frequency Identification), bei der jede Packung eine eigene Identifikation erhält, die per Funk abgefragt werden kann. Verbraucherschützer zeigten sich allerdings wenig begeistert, sondern entsetzten sich vielmehr über die orwellsche Überwachung der Kunden. Die amerikanische Verbraucherorganisation Caspian (Consumers Against Supermarket Privacy Invasion and Numbering), die ein ähnliches Kontrollsystem auch bei der US-Handelskette Wal-Mart entdeckte, rief zum Boykott von Gillette-Produkten auf. Der Konzern machte einen Rückzieher und versprach, in den nächsten zehn Jahren auf die Verfolgung einzelner Produkte im Laden zu verzichten.

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Das war ein herber Rückschlag für die RFIDTechnik, die bald alle Supermärkte und Warenhäuser erobern soll. Dabei verspricht sie nicht weniger als eine Revolution des Handels: Wenn jedes Produkt eine Individualität erhält, weiß der Hersteller oder Händler zu jedem Zeitpunkt, wo es sich gerade befindet, wie viele Packungen noch in welchem Supermarktregal liegen und wann ihr Haltbarkeitsdatum abläuft. Dem Konsumenten wird dabei vor allem versprochen, dass er an der Kasse nicht mehr Schlange stehen muss – er soll künftig nur noch seinen Wagen an einem Lesegerät vorbeischieben, das quasi telepathisch sämtliche Waren erfasst. Die Kassiererin müsste nicht mehr jedes Produkt in die Hand nehmen und einscannen, sondern wirklich nur noch kassieren. Seit einem halben Jahr wird die schöne neue Warenwelt bereits in einem „Future Store“ der Metro-Kette geprobt – wobei sich noch einige Tücken zeigen (ZEIT Nr. 24/03).

Aber bis auch im Supermarkt um die Ecke das Warten ein Ende hat, wird noch einige Zeit vergehen. „Mein Tipp: Sie werden dieses Erlebnis nicht vor 2013 haben“, räumt Kevin Ashton ein. Der jugendlich wirkende, in Werber-Schwarz gekleidete Engländer muss es wissen. Er ist Direktor des Auto-ID Center, jener Organisation, die der RFID-Technik zum Durchbruch verhelfen soll. „Das Auto-ID Center will die Welt verändern“, heißt es unbescheiden in den Prospekten des wohl einmaligen Forschungskonsortiums, das von 100 Firmen finanziert wird. Es residiert am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge und unterhält Ableger in allen Erdteilen. Seit 1999 arbeitet Kevin Ashton, der zuvor Produktmanager bei Procter&Gamble war, hier an der Vision, die heute allgegenwärtigen Strichcodes abzulösen.

Dennoch dämpft er allzu große Hoffnungen. „Vorher muss die Technik so ausgereift sein, dass man drahtlos vernetzte Computer auf Bananen und Kaugummipäckchen unterbringen kann.“ Der Begriff „Computer“ ist dabei ein bisschen übertrieben. Die „intelligenten“ Etiketten, um die es geht, sind zwar richtige Chips, genauer gesagt so genannte Transponder, bestehend aus einem Schaltkreis und einer Antenne. Aber ihre Intelligenz beschränkt sich darauf, dass sie immer dann, wenn sie von außen ein entsprechendes Signal bekommen, per Funk eine Nummer aussenden. Das oft verbreitete Bild von der vernetzten Welt, in der alle Gegenstände miteinander reden, ist daher ein wenig schief. „Was sollen sie sich auch erzählen?“, fragt Ashton. „Die Cola-Dose soll nicht mit anderen Dosen reden, sondern mit dem Computer, der die Logistikkette überwacht. Und sie soll lediglich ihren Namen sagen.“

Logistik ist das richtige Stichwort. Denn die Chips werden nicht eingeführt, um den Verbrauchern den Einkauf bequemer zu machen. Es geht vor allem um die Optimierung des Vertriebs. Die im Auto-ID Center vereinigten Handelsketten verkaufen 500 Milliarden Produkte pro Jahr – und sie wollen sie effektiver verkaufen. „Logistik ist nicht so sexy wie Roboter, die Geschirr spülen“, sagt Ashton – aber es ist vielleicht das erste Mal, dass eine Branche versucht, einen technologischen Wandel per Konsens zu gestalten, und nicht, indem verschiedene Systeme miteinander konkurrieren. Auch kleine Technologiefirmen können für einen Mindestbeitrag von 50000 Dollar Mitglied im Center werden. Sie verzichten auf alle Patente an den eingebrachten Erfindungen, dafür gewinnen sie Kontakt zu möglichen Kunden und sind von Anfang an dabei auf einem riesigen Zukunftsmarkt.

Seine erste Aufgabe hat das Center bereits erfüllt: die Standardisierung des Electronic Product Code (EPC). Damit wird jedes Produkt, das einen RFID-Chip enthält, identifizierbar. Hätte schon heute jede Getränkedose eine solche Nummer, so wäre die absurde Zettelwirtschaft mit den Pfandquittungen nach der Einführung des Dosenpfands in Deutschland wohl ausgeblieben. Jeder Händler könnte sofort feststellen, ob eine Dose bei ihm gekauft worden ist oder nicht.

Aber ein Chip auf jedem Produkt – das ist noch Zukunftsmusik. Denn die heute verfügbaren Minischaltkreise kosten rund einen Euro. Doch selbst ein Preis von zehn Cent wäre indiskutabel für eine Branche, die ihre Stückkosten mit Zehntelcents kalkuliert. Bis auf weiteres werden die Chips noch mit der herkömmlichen Siliziumtechnik gefertigt. Richtig billig werden sie erst, wenn es „elektronische Tinte“ gibt, mit denen der Hersteller die Siliziumstrukturen von Chip und Antenne gleich aufs Produkt druckt. Dann wird vermutlich auch eine Zeitung gleich mit Chip versehen aus der Druckerpresse kommen.

Aber das dürfte einer der letzten Schritte sein. Bei RFID gibt es kein „Alles oder nichts“. Man kann mit teuren Produkten, etwa Textilien, anfangen. In einem gerade gestarteten Pilotprojekt, in dem zwei Fraunhofer-Institute mit der Kaufhof AG und dem Textilunternehmen Gerry Weber zusammenarbeiten, wird der gesamte Weg der Ware vom Hersteller in Asien bis zur Verkaufstheke verfolgt. „Wenn auf einer Kiste steht, dass da zehn Pullover drin sind, dann mussten Sie das bisher glauben“, sagt Michael Wagner vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Die Funktechnik soll es möglich machen, an jedem Punkt der Lieferkette auch durch den Karton hindurch jedes einzelne Kleidungsstück zu registrieren, ohne es überhaupt anfassen und anschauen zu müssen.

Dass Verbraucherorganisationen nicht begeistert sind von der schönen neuen Warenwelt, ist verständlich. Denn ein RFID-Chip spuckt seine Information an jeden aus, der ihn über ein Lesegerät mit der richtigen Frequenz anfunkt – auch nachdem der Kunde den Laden verlassen hat. Der unsichtbare Chip in Textilien etwa soll in Zukunft auch die Wäsche in der Maschine überstehen. Wird unser ganzes Hab und Gut Informationen wie Kleider- und Schuhgröße in die Welt posaunen? Und wenn die Europäische Zentralbank ihre Pläne wahr macht, die größeren Banknoten mit RFID-Chips zu versehen – kann der Taschendieb dann unser Portemonnaie daraufhin scannen, ob sich der Diebstahl lohnt? Wird man den Aufenthaltsort von Menschen verfolgen können, indem man in den Dateien der bald ubiquitären Lesegeräte nach den Spuren ihrer Schuhe sucht? Der Journalist Simson Garfinkel forderte in der Zeitschrift Technology Review bereits einen RFID-Grundrechtekatalog für Verbraucher.

Manche der Ängste sind schon aus technischen Gründen übertrieben. So ist die „Fernabfrage“ der Chips sehr eingeschränkt – die Reichweite wird maximal einen Meter betragen. Und allzu verräterisch ist die Information auch nicht: Von den 24 Ziffern des EPC verweisen sieben auf den Hersteller. Was sich hinter den restlichen Ziffern verbirgt, steht in der Datenbank des Herstellers oder des Händlers, die nicht öffentlich zugänglich ist. Und eine Verknüpfung zur Person des Kunden kann allenfalls ein Laden herstellen, bei dem der Kunde mit einer Karte bezahlt hat.

Beim Auto-ID Center weiß man, dass die öffentliche Meinung über das Tempo der Revolution entscheiden wird. Das Institut hat umfangreiche Interviews mit Verbrauchern, aber auch mit Meinungsmachern geführt, um die Akzeptanz der Radiochips zu testen. Die Ergebnisse sind nicht gerade ermutigend: Weltweit war die Reaktion der Verbraucher eher negativ. Die Befragten sahen keinen persönlichen Nutzen für sich, dafür erkannten sie deutliche Gefahren. „Ich würde mich nackt fühlen, wenn die Leute wüssten, was ich trage“, war eine beispielhafte Reaktion. Die Deutschen hatten zudem noch Angst vor „Elektrosmog“ (die aufgrund der geringen Sendeleistung der Chips wohl unbegründet ist). Andererseits sagten die meisten Befragten, dass sie auch nicht aktiv gegen die Einführung der Chips protestieren würden – so empört waren sie dann doch nicht.

„Die Leute sind besorgt bei der Vorstellung, mit Gegenständen herumzulaufen, die Daten aussenden“, sieht auch Kevin Ashton ein. Deshalb wird es wohl eine „Kill-Option“ geben: die Möglichkeit, den Chip an der Kasse für immer zu deaktivieren. Damit entfallen aber auch die fantastischen Möglichkeiten, die sonst gern als Vorteil für den Verbraucher gepriesen werden: die Tiefkühlmahlzeit, die automatisch die Mikrowelle richtig einstellt, der Kühlschrank, der selbstständig Milch bestellt, wenn der Vorrat zur Neige geht, oder die Waschmaschine, die warnt, sobald die Hausfrau empfindliche Textilien in die Kochwäsche gibt.

Wenn die neue Technik ihr Big-Brother-Image nicht loswird, muss sie nicht nur mit grummelnden Verbrauchern rechnen, sondern auch mit Aktivisten, die sich mit Hacker-Methoden wehren. Ebenfalls am MIT haben drei Forscher bereits eine Waffe erfunden, die sie Blocker Tag nennen: einen leicht modifizierten Chip, der gleichzeitig alle möglichen Code-Nummern simulieren kann. Er überfordert die Lesegeräte völlig und legt sie schließlich lahm. Dann muss die Kassiererin die Beträge doch wieder von Hand eintippen.

[Abstract]

 
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