Film Die und wir

Michael Winterbottoms Berlinale-Gewinner „In This World“ – oder warum unser Kino zu sicher und zu klein ist

Sie kennen die Situation: Man sitzt mit Freunden in einem Restaurant beim Essen, da tritt eine dieser abgerissenen Gestalten an den Tisch und will etwas verkaufen: Blumen, Freundschaftsbänder oder irgendwelche Schnitzereien. Oft fühlt man sich gestört, belästigt, empfindet das Ganze als Nötigung. Manchmal kauft man etwas, um Ruhe zu haben, auch vor dem eigenen Gewissen. Es ist leicht, sich danach wieder dem Essen und der Konversation zuzuwenden, weil man hinter dem Gesicht zum Glück nicht das Schicksal des Menschen sehen kann, der da von Gast zu Gast geht.

Unendliche Mühsal: Jamal Torabi und Enayatullah als Flüchtlinge

Unendliche Mühsal: Jamal Torabi und Enayatullah als Flüchtlinge

Das ist eine der Szenen in Michael Winterbottoms Film, die uns auf erschreckende Weise den Spiegel vors Gesicht halten. Als Jamal, eine der beiden Hauptfiguren aus In This World, in einem italienischen Küstenort an die Tische der Restaurants tritt, haben wir ihn bereits auf einer langen Reise begleitet und kennen das Schicksal hinter dem Gesicht. Diese Kenntnis lässt unser eigenes Verhalten in solchen Situationen in einem veränderten Licht erscheinen. Plötzlich sind sie da, die so oft verdrängten, unbequemen moralischen Fragen. Michael Winterbottom braucht nicht viel, um sie zu stellen. Sein Film folgt einer so einfachen wie überzeugenden Dramaturgie. Es ist die Dramaturgie des Lebens, der Realität einer Region, die die Narben des Krieges trägt.

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Die Bombardierung Afghanistans durch die Amerikaner hat eine riesige Zahl von Menschen in die Flüchtlingslager nach Pakistan getrieben. Eine Million von ihnen leben allein in Peschawar, gleich hinter der Grenze. Dort beginnt Michael Winterbottoms Film, im lakonischen Tonfall einer BBC-Reportage, mit dokumentarischen Bildern und einem Sprecher, der die so nüchternen wie harten Fakten vermittelt. Noch bleibt alles in Distanz, wie im Fernsehen, man blickt auf die Menschen, nicht in sie hinein. Jamal und Enayat sind Vettern und schlagen sich in Peschawar durch. Wie alle träumen sie von einem besseren Leben, einer Zukunft jenseits von Krieg und Vertreibung. Enayat soll die Reise in dieses Leben antreten. Angeblich ist es in London zu finden. Aber Enayat kann kein Englisch, und so wird er von dem jüngeren Jamal begleitet. Der Weg ins gelobte Land führt Tausende Kilometer über den Iran, die Türkei, Italien und Frankreich. Gebirge, Meere und streng gesicherte Grenzen sind zu überqueren. Michael Winterbottom zeigt uns diese ganze beschwerliche und oft entwürdigende Reise in aller Ausführlichkeit. Dabei sieht sein Film häufig wie ein Dokumentarfilm aus und erzeugt damit eine Kraft, wie sie im gegenwärtigen Spielfilm ihresgleichen sucht.

Dennoch erweist sich das erzählerische Prinzip der Reisedramaturgie zunächst als durchaus problematisch. Es braucht seine Zeit, ehe aus den Protagonisten Charaktere werden, die der Geschichte auch dramatisches Profil verleihen. Als der kleine Jamal ausgerechnet den geliebten Walkman seines Vetters mit großspuriger Gestik zur Bestechung verscherbelt, ist man durchaus dankbar über diese dramaturgische Zuspitzung und die überraschende Öffnung der Geschichte hin zum Komischen.

Immer wieder sind die beiden auf die kostspielige Hilfe von Schleppern angewiesen, doch leider verrät der Film nicht, woher das Geld für diese aufwändige Reise stammt, die seinen Helden unsagbare körperliche und psychische Strapazen abverlangt. Tagelang sitzen sie auf staubigen Lastwagenladeflächen oder steigen bei klirrender Kälte über die schneebedeckten und scharf bewachten Berge des kurdischen Grenzgebietes zur Türkei. Die Bilder davon, mit Infrarotkamera aufgenommen, vermitteln einen vehementen Eindruck von der Physis des Vorgangs. Michael Winterbottom findet stets adäquate Mittel, um diese Reise glaubhaft zu erzählen, es sind raue Bilder aus einer rauen Wirklichkeit, die gerade deshalb eine starke emotionale Wirkung entfalten. Aus der Hand mit einer kleinen Digitalkamera aufgenommen und später auf Cinemascope aufgeblasen, bleibt der Film immer ganz nah an den beiden Protagonisten, man meint den Staub zu schmecken, die Hitze zu spüren und auch die Angst.

Aber Winterbottom ist durchaus kein Vertreter der reinen Schule. Er schneidet einfach Grafiken des Fluchtweges ein, um die Geografie der Ereignisse klarzustellen, und schreckt auch nicht davor zurück, seine kleine Geschichte mit einem manchmal schwülstigen Musikteppich aufzudonnern. Geschmackssache, das macht den Film nicht kaputt. Keineswegs.

Die Reise von Istanbul nach Italien treten die Protagonisten gemeinsam mit anderen Flüchtlingen auf dem Seeweg im Container eines Lastwagens an. Über 40 Stunden dauert die Fahrt, und wer diese Szene gesehen hat, wird sie wohl niemals mehr vergessen können. Am Ende ist Jamal in London angekommen. Das Ziel seiner Wünsche ist desillusionierend trist. Die scheinbar bessere Welt ist kühl, die Menschen sind mit sich beschäftigt. Es gibt keinen Platz für solche wie ihn. In einer lakonischen Schrifteinblendung erfährt man, dass er ausgewiesen wird, sowie er volljährig ist. Doch wird die Reise, für die er auf dem Hinweg viele Wochen unendlicher Beschwernisse und Gefahren auf sich genommen hat, zurück nur wenige Stunden dauern – mit dem Flugzeug.

Im Herbst vergangenen Jahres bin ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Indien gereist. Ich hatte eine Einladung zu einem Filmfestival. Auf dem nächtlichen Weg zu meinem klimatisierten Hotel in Bombay sah ich die Menschen am Straßenrand auf dem nackten Boden schlafen. Sie legten sich einfach dort hin, wo ihr Weg sie am Ende des Tages hingeführt hatte. Graubraune Gestalten, kaum als Menschen zu erkennen, eher abgelegte Bündel am Wegesrand. Über viele Kilometer. Am Tag meiner Rückreise fuhr ich mit einem offenen, motorisierten Rikscha-Taxi vom nationalen zum internationalen Flughafen in Bombay. Das sind nur ein paar Kilometer. Es war später Abend, und ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken darüber gemacht, warum weiße Europäer in Bombay eigentlich keine Rikschas benutzen. An der ersten Kreuzung, wo wir halten mussten, sollte ich es erfahren.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ungefähr 15 bettelnde Kinder um das offene Fahrzeug standen, die Hände aufhielten und an mir herumzupften. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Indische Kollegen hatten mir dringend geraten, bettelnden Kindern nichts zu geben, weil sie häufig von ihren Familien instrumentalisiert werden und dadurch nicht zur Schule gehen. Die Kinder waren durchaus fröhlich und gar nicht devot, lachten mich an und strahlten eine Kraft und einen Optimismus aus, der mir so gar nicht zu ihrer schwierigen Lage zu passen schien.

Und ich? Ich saß defensiv in meiner Rikscha, hielt meine Sachen fest und war plötzlich der hässliche, reiche Europäer, der ich nie sein wollte. Hilflos kramte ich eine Tafel Schokolade raus, die ich noch dabei hatte. Eine Schokolade für 15 Kinder. Es gab keinen Ausweg. Was auch immer ich tat, alles schien irgendwie falsch. Etwas geben, um mein Gewissen zu beruhigen? Nichts geben und damit nicht wenigstens diesen paar Kindern helfen? Mir schien das Warten an der Kreuzung endlos. Als wir endlich weiterfuhren, winkten die Kinder überschwänglich hinterher, und mir ging es elend. Wenig später saß ich im Flugzeug, das mich nach Hause brachte in meine scheinbar so heile Welt, und es beschämte mich, dass ich darüber auch irgendwie erleichtert war.

Wieder in Berlin, stellte ich fest, dass mein Auto geklaut worden war. Ich stand mit meinem Gepäck auf der Straße und musste lachen. Es war eine aberwitzige Situation. Eben noch hatte ich über die ungerechten Verteilungsverhältnisse nachgedacht und schon war die Umverteilung in vollem Gange. Ich fand und finde es irgendwie tröstlich, mir vorzustellen, dass mein Auto jetzt irgendwo in Osteuropa herumfährt.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass Menschen zu uns kommen, um ihren Teil vom großen Kuchen abzubekommen, auch wenn es die zu Unrecht verpönten wirtschaftlichen Gründe sind, die sie zur Flucht treiben. Mit Sicherheit stehen wir erst am Anfang von Verteilungskämpfen ungeahnten Ausmaßes, deren Folge wachsende ausländerfeindliche Ressentiments sind.

Es gehört zu den Stärken dieses Films , dass er die durch Migration verursachte Kriminalität nicht totschweigt. Er zeigt sie als den Kampf von Menschen, die um ihre Existenz ringen. Als Jamal einer Touristin ihre Handtasche klaut, habe ich nur gehofft, dass er dabei nicht erwischt wird.

Michael Witterbottom hat mich beschämt. Ich drehe selbst Filme und bin nicht nach Afghanistan oder Pakistan gereist, um mich mit der Situation der Kriegsopfer zu beschäftigen. Ich bin einfach nicht auf die Idee gekommen. Kein deutscher Regisseur ist auf die Idee gekommen. Vielleicht ist unser Blick zu sehr auf die eigene Welt fixiert. Vielleicht fühlen wir uns zu sicher. Vielleicht denken wir zu oft, all dies gehe uns nichts an. Und das macht unsere Kunst dann klein. Zu klein für das, was um uns herum geschieht. In This World hingegen stößt uns schon im Titel darauf, dass das Leben ganz selbstverständlich auch aus Dingen jenseits unseres Horizonts besteht.

Der Regisseur Andreas Dresen lebt in Potsdam. Zuletzt drehte er den Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Halbe Treppe“ (Silberner Berlinale-Bär 2002) und „Nachtgestalten“ (1999)

 
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