Tausend und ein Krieg (5) Ein schwacher Charakter
Bashir begrüßte mich von seinem baufälligen Balkon aus. Ein Kind im Arm, winkte er mir zu, während ich aus dem Wagen stieg. Bevor ich die Haustür erreichen konnte, war ich von einem Schwarm Kindern umgeben. Sie riefen: „Hello Mister! How are you Mister?!“ Das „R“ flatterte in ihrem Mund wie ein gefangener Vogel. Mit ihren kleinen Körpern, ihren zerrupften Kleidern und ihren kugeligen Augen versperrten sie mir den Weg. Bashir versuchte vergeblich, sie vom Balkon aus rufend zu vertreiben. Wenn ein Ausländer mit seinen festen, guten Schuhen durch den allgegenwärtigen Schmutz Sadr Citys stieg, musste er damit rechnen, Objekt ungezügelter Neugierde zu werden. In Bagdads Slum wirkte er wie der Abgesandte eines fremden Sterns.
Das mehrheitlich von Schiiten bewohnte Sadr City hatte immer in Armut gelebt, es kannte nichts anderes. Mit Saddam kam die Unterdrückung dazu. Wenn die Bewohner einmal aufbegehrten, schickte Saddam seine Schläger und Mörder. Er ließ die Aufständischen einsperren, foltern und töten, bis in Sadr City wieder Ruhe herrschte. Saddam war nun gestürzt. Die Amerikaner hatten Einwohnern zwar nicht Demokratie und Souveränität geschenkt, aber doch die Freiheit, Ausländer zu bestaunen; für einen kurzen Moment durften sie glauben, dass es ein Leben gab, das weniger bitter war als das ihre. Den Moment nutzten sie nach Kräften aus. Die Kinder hielten mich fest in ihrer scheuen Umklammerung. Schließlich kam Bashir die Treppe herunter. Er verscheuchte die Kinder und lud mich in das Haus. Im Wohnzimmer erwartete uns seine Frau.
„Guten Tag!“, sagte sie. Ich erwiderte den Gruß.
„Das ist Fatima“, sagte Bashir und wies mir einen Platz auf dem Sofa zu. Fatima machte sich am Abwasch zu schaffen, der in einer Ecke des Zimmers angebracht war. Es war eine große Überraschung, sie hier anzutreffen, und ich erwartete, dass sie bald hinter einem Vorhang verschwinden würde wie fast alle Frauen in diesem Land, wenn fremde Männer auftauchten. Aber sie blieb. Sie kochte Kaffee, setzte sich neben ihren Mann und mischte sich in die folgenden Gespräche ohne Scheu ein.
Ein Bekannter hatte mir Bashir empfohlen. Ich hatte ihn nach einem Mitglied der Baath Partei gefragt, nach einem, der aus Überzeugung dabei gewesen war, der aber in der Partei Saddams nicht Karriere gemacht hatte. „Wenn du so willst, suche ich einen kleinen Fisch.“
Mein Bekannter überlegte kurz und sagte dann: „Ich habe den richtigen für dich. Bashir, aus Sadr City. Er war mal der Lehrer eines meiner entfernten Verwandten. Ich glaube, er ist immer noch Baathist.“
So hatte ich zu Bashir gefunden. Er hatte sich für das Treffen zurechtgemacht. Er trug ein sorgfältig gebügeltes Hemd, eine frisch gewaschene Hose und auf Hochglanz polierte Schuhe. Der Scheitel war peinlich korrekt gezogen. Die Reinlichkeit, die er ausstrahlte, stand ganz im Gegensatz zu der ramponierten Wohnung, zu der abblätternden Farbe an den Wänden, dem rostigen Heißwasserboiler, den abgenutzten Möbeln.
Ich fragte das Ehepaar nach ihrem allgemeinen Befinden. Fatima antwortete: „Wir arbeiten nicht. Wir sind beide Lehrer. Die Schulen sind noch geschlossen. Außerdem heißt es, dass wir als Mitglieder der Baath nicht mehr arbeiten dürfen. Ob das eine endgültige Entscheidung ist, weiß ich nicht, aber so wurde es uns gesagt. Ich bin seit fünfzehn Jahren Kunstlehrerin. Jetzt haben wir kein Geld, keine Arbeit und keine Sicherheit.“
Sie hatte eine sehr kräftige Stimme. Bashir hatte großes Glück mit dieser Frau. Er saß auf einem Sessel mir gegenüber. Die Beine übereinander geschlagen hielt der den Oberkörper sehr aufrecht. Ich wandte mich ihm zu.
„Man hat mir erzählt, dass sie Mitglied der Baath Partei sind. Halten sie immer noch daran fest!“
„Aber natürlich“, antwortete Bashir. Er zuckte mit dem Mundwinkel.
„Ich werde immer Mitglied der Baath bleiben!“
„Trotz Saddam?“
„Natürlich, er hat doch die Baath verraten. Das ist kein Grund, nicht mehr an sie zu glauben. Ich kann doch nicht aus meiner Haut. Ich bin mit 16 Jahren beigetreten. Das kann man nicht mehr ändern.“
Durch Bashirs Körper ging ein Ruck. Er fühlte sich durch meine Fragen offensichtlich angegriffen und versteifte sich noch mehr.
„Wer hat sie denn zur Baath gebracht?“
„Es war ein Nachbar. Ein guter Mensch. Ich mochte ihn sehr. Er war Mitglied der Baath. Und eines Tages hat er mich mitgenommen. Dann habe ich mich eingeschrieben.“
Er bat Fatima, das Dokument, das er damals unterschrieben hatte, aus dem Nebenzimmer zu holen. Sie kamen binnen kürzester Zeit wieder zurück. Offensichtlich hielten sie große Ordnung in der Wohnung. Fatima drückte mir ein Formular in die Hand. Es enthielt die üblichen Angaben: Namen, Adresse, Familienstand, Beruf und dann ganz unten den Satz: „Ich erkläre, dass ich keiner anderen Partei angehöre. Ich weiß, dass bei der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu einer anderen Partei die Todesstrafe angewandt wird“ Es folgte Bashirs Unterschrift.
Die Baath war eine Kaderpartei, organisiert nach den Prinzipien der Konspiration und Geheimhaltung. Es war eine Art Orden. Wer ihr beitrat, der kam nicht mehr davon. Bashir ging nach seinem Beitritt durch die Knochenmühle der Partei. Er gab mir eine kleine Einführung.
„Es gab verschiedene Kategorien in der Baath. Zuerst war man Sympathisant, dann unterstützender Sympathisant, dann Mitglied, und schließlich Vollmitglied!“
„Was waren sie am Ende?“
„Ich war Vollmitglied.“
„Seit wann waren sie das?“
„Sei 1992“, antwortete Bashir.
Er hatte sechzehn Jahre lang gebraucht, um die Vollmitgliedschaft zu erwerben. Dazwischen lagen zahllose Stunden, in denen er für die Partei an Aufmärschen teilnahm, an Demonstrationen, in denen er Feste organisierte und Essen für das einfache Volk, in denen im eigenen Viertel nach dem Rechten sah, in denen er auf Patrouille ging, nachts wenn das Regime sich unsicher fühlte.
Die Partei hatte sich selbst ja immer als politisch-militärische Organisation gesehen. Sie musste immer wachsam sein, und mit ihr musste Bashir immer bereit sein, bei Tag und bei Nacht. Die Partei verlangte das. Bashir folgte ihr.
Er zählte alle seine Parteiaktivitäten leidenschaftslos auf, wie eine lange Kette von Vergeblichkeiten, denn jetzt, das schien er sagen zu wollen, musste er einsehen, dass ihm all die Bemühungen nichts gebracht hatte, kein Geld, keinen Einfluss, keine Macht. Denn darum ging es ihm. Er machte keinen Hehl daraus. Natürlich, er glaubte an die Ideale der Partei, aber er erwartet sich auch materielle Vorteile. Er wollte einen Ausweg aus Sadr City finden, einen Weg hinaus in ein Leben in relativem Wohlstand. Die Partei sollte ihm das geben. Sie hatte es ihm nicht gegeben, und nun war er bitter enttäuscht, ratlos und störrisch zugleich.
Ich fragte ihn nach den Prinzipien der Baath, nach ihren politischen Grundzügen.
„Freiheit! Unabhängigkeit! Souveränität! Sozialismus!“ Er streckte vier Finger aus.
„Wie sah es mit politischen Schulungen aus. Wurde euch auch Unterricht gegeben?“
„Was meinen Sie damit?“
„Ich meine zum Beispiel: Einführung in die Prinzipien der Partei, ihre Geschichte, ihre Wurzeln, allgemeine Ideengeschichte…“
Bashir verstand die Frage offensichtlich nicht. Er murmelte etwas von „Versammlungen, Treffen“ und brach dann ab. Nach einigen Sekunden des Schweigens begann er eine Geschichte zu erzählen.
„In meiner Schule gab es einen Direktor, der völlig unqualifiziert war. Er hat die Schüler und die Lehrer schlecht behandelt. Eines Tages habe ich als Mitglied der Partei einen Brief an die höheren Parteiorgane geschrieben, in denen ich sie auf die unhaltbaren Zustände in der Schule aufmerksam machte. Alle kannten mich als einen ehrlichen Mann, deshalb hatte der Brief große Bedeutung. Ich konnte einiges bewegen. Zwei Tage später klopfte der Schuldirektor an meine Tür. Unter Tränen bat er mich, den Brief zurückzuziehen. Ich würde sonst sein Leben zerstören. Ich lehnte ab. Ich habe nämlich nur die Wahrheit gesagt. Und ich bin ein ehrlicher Mann!“
„Was ist mit dem Schuldirektor danach geschehen?“
„Er ist versetzt worden“, sagte Bashir und fügte dann mit unterdrückter Wut in der Stimme hinzu: „Aber es ist später auf einen noch einflussreicheren, besser dotierten Posten gekommen!“
Es schien die Enttäuschung seines Lebens zu sein. In dieser Geschichte konzentrierten sich all die verschenkten Jahre mit der Baath. Es war Bashir nicht einmal gelungen, einen schlechten Schuldirektor zu verdrängen!
Bashir trat 1976 der Baath Partei bei, drei Jahre später sollte Saddam die volle Macht an sich reißen. Saddam aber hatte die Baath längst schon vorher korrumpiert, und sie in eine Terrormaschine verwandelt. Für alle die am großen Rad des Massenmordes mitdrehten, hielt sie beste Aussichten bereit. Auf der einen Seite gab das Blut, auf der anderen das Geld; hier Paläste Saddams, dort seine Gefängnisse.
Bashir war irgendwo hängen geblieben, wo es weder das eine noch das andere gab. Er war ein Fußsoldat einer Partei, die sich massenhafter Verbrechen schuldig gemacht hatte, aber er schien darüber nicht entsetzt zu sein, sondern vielmehr verbittert über die nicht eingehaltenen Versprechungen auf eine besseres Leben. Seine kleinen Vorteile schienen ihm wichtiger als alles andere. Sollte man von Schuld reden? Verwicklung? Verantwortung?
Der Tag ging dem Ende zu, aber es war immer noch heiß draußen. Bashir beklagte die Hitze in der Wohnung. Er hob beide Arme in die Höhe und sagte: „Wir wohnten unter dem Dach. Im Sommer ist es unerträglich. Wir versuchen gerade, in die Wohnung im ersten Stock einzuziehen.“
Fatima nickte zustimmend. Sie wirkte jetzt müde und angestrengt. Die beiden Kinder hatten sich mit schläfrigen Augen auf das Sofa gelegt. Es war nichts Besonderes geschehen an diesem Nachmittag nichts, was körperliche oder psychische Anstrengung abverlangt hätte. Und doch war alle Kraft verschwunden, aufgesogen von der gnadenlosen, unstillbaren Gier von Sadr City.
Wenige Tage später kam ich noch einmal zurück. Ich war in der Gegend, und wollte aus Neugier Bashir noch einmal treffen. Ich klopfte an seine Tür, aber niemand öffnete. Ich wartete eine Weile. Ein Nachbar kam die Treppe hoch und fragte: „Suchen Sie Bashir?“
„Ja“, antwortete ich.
„Er ist umgezogen“, sagte Nachbar und drückte die Tür auf. Das Wohnzimmer, in dem ich vor ein paar Tagen gesessen mit Bashir und seiner Frau gesessen war, stand nun vollkommen leer – bis auf das Holzgerippe des Sofas war alles verschwunden.
„Ist es ihm gelungen, in die untere Wohnung zu ziehen?“
Der Nachbar nickte. Als wir die Treppen hinuntergingen, kamen wir an Bashirs neuer Wohnung vorbei. Die Tür war mit einem dicken Vorhängeschloss abgesperrt.
Der Nachbar sagte: „Bashir ist zu einem Cousin aufs Land gefahren.“
„Und wann kommt er wieder?“
„Das kann ich nicht sagen“, der Nachbar verzog seinen Mund. „Bei Bashir kann man das nicht wissen. Der ist jetzt ein bisschen verwirrt. Er war immer schon ein schwacher Charakter.“ Der Nachbar verabschiedete sich und verschwand in seiner Wohnung, ohne mir erklärt zu haben, was er damit meinte.
- Datum 17.07.2003 - 14:00 Uhr
- Serie cvd
- Quelle ZEIT.de 24.9.2003
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