DBEVon deutschem Ruhm

Das Beispiel der populären "Deutschen Biographischen Enzyklopädie" zeigt, wie die NS-Karrieren etlicher Wissenschaftler auch heute noch vertuscht und verschwiegen werden. Eine Stichprobe von Ernst Klee von Ernst Klee

Die zehn roten Bände der mit ihren 60000 Lebensläufen vom frühen Mittelalter bis in unsere Zeit sind ein nützliches Werk. Ob in der gebundenen Ausgabe des Münchner Wissenschaftsverlages K. G. Saur oder in der Taschenbuchversion von dtv – die steht in allen Redaktionen und hat sich dort wie in den Seminaren der Universitäten, in den Bibliotheken wichtiger Institutionen, aber auch in vielen Privatgelehrtenstuben unentbehrlich gemacht. Dabei bieten die fast 7000 Seiten nur wenige Originalbeiträge. Die meisten Kurz- und Kürzestbiografien sind geraffte Übernahmen aus anderen Werken, aus Spezialhandbüchern wie dem Künstlerverzeichnis Thieme-Becker zum Beispiel oder Bautz’ Kirchenlexikon, oder sie berufen sich auf die Mutter aller deutschen biografischen Nachschlagewerke, die von 1875 bis 1912 in 56 Bänden erschienene , die legendäre die 26300 Lebensabrisse enthält.

Der erste Band der Deutschen Biographischen Enzyklopädie erschien 1995, herausgegeben von dem Germanisten Walther Killy; vom vierten Band an zeichnet der Göttinger Historiker Rudolf Vierhaus verantwortlich. Hinzu kommt ein wissenschaftlicher Beirat und ein vielköpfiger Kreis namentlich genannter Mitarbeiter für die einzelnen Fakultäten beziehungweise Felder des Ruhms. Denn in diesem Werk, dem laut Auskunft des Verlags K. G. Saur "in deutscher Sprache in diesem Jahrhundert nichts Vergleichbares zur Seite gestellt werden kann", stehen die "Großen der Vergangenheit" und jene, "die in ihrer Zeit bemerkenswert waren und wert sind, in Erinnerung behalten zu werden". Es geht also nicht nur um nüchterne Information, sondern auch um deutschen Ruhm, um den Einzug ins Pantheon, respektive nach Walhall.

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Dabei ist die DBE zunächst einmal eine nützliche Sache, keine Frage. Wer die Lebensdaten oder die Werke eines Künstlers oder eines Physikers, eines Diplomaten oder Kirchenmannes vergangener Jahrhunderte sucht, wird erstklassig bedient. Etwas anders allerdings sieht es im Falle gewisser Zeitgenossen oder Fastzeitgenossen aus. Besonders wenn ihre Schaffensjahre in die NS-Ära fallen – da ist bei der Benutzung der DBE Vorsicht angebracht. Ja, just am Beispiel dieses genau 50(!) Jahre nach Kriegsende begonnenen Werkes erweist sich, wie schwierig, wie unbedarft und bodenlos verlogen der Umgang mit den NS-Verbrechen hierzulande immer noch ist, vor allem da, wo es nicht um die Protagonisten des Regimes geht, um Hitler oder Himmler (deren Steckbriefe hier natürlich nicht fehlen), sondern um ihre stillen Helfer.

Einige Stichproben quer durch die zehn Bände ergeben jedenfalls ein trübes Bild. So gehört, fangen wir in der schönen, bunten Welt der Vögel, bei den Ornithologen, an, zu den 60000 angeblich wichtigsten Deutschen seit karolingischer Zeit der 1888 in Salzburg geborene und 1977 dort auch verstorbene Eduard Tratz, Titularprofessor der Zoologie. Laut DBE war Tratz Vogelkundler auf Helgoland, an der Adria-Vogelwarte in Brioni und schließlich Direktor des Naturkundemuseums Haus der Natur in Salzburg. Weit interessanter als diese Daten sind jene, die komplett unterschlagen werden: Tratz war SS-Obersturmbannführer und sein Haus der Natur in der Salzburger Hofstallgasse 1 eine Lehr- und Forschungsstätte des SS-Ahnenerbes. Die vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler begründete Vereinigung zur Verbreitung des Germanenkults finanzierte spinnerte Runenforscher wie verbrecherische Mediziner und ihre KZ-Versuche. Tratz gehörte zum Beirat des Entomologischen (insektenkundlichen) Instituts des SS-Ahnenerbes im KZ Dachau.

Auch sein Kollege Günther Niethammer zählt der Enzyklopädie zufolge zu den großen oder doch wenigstens bemerkenswerten Deutschen. Der Ornithologe kam 1908 im sächsischen Waldheim zur Welt und starb 1974 in Morenhoven bei Bonn. Über ihn heißt es: "N. wurde 1933 in Leipzig mit der Arbeit Anatomisch-histologische und physiologische Untersuchungen über die Kropfbildung der Vögel promoviert. Seit 1957 war er Professor in Bonn. 1967 wurde N. Präsident der Deutschen Ornithologengesellschaft." Unerwähnt bleibt, dass der Vogelkundler SS-Obersturmführer war. 1942 veröffentlichte er sein Opus Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz. Niethammer hatte 1940/41 und noch einmal im Sommer 1942 im KZ Auschwitz Dienst getan. Danach war er an der Lehr- und Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen des SS-Ahnenerbes tätig.

Von den Vogelkundlern zu den Dichter-Kennern: Auch hier, bei den Germanisten, gibt es Überraschungen. So wird uns zum Beispiel Josef Otto Plassmann, 1895 im münsterländischen Warendorf geboren und 1964 in Celle verstorben, durchaus korrekt als Philologe und Historiker vorgestellt. Seine Stationen: 1943 Dozent für Germanenkunde in Tübingen, 1944 außerordentlicher Professor der deutschen Volkskunde in Bonn, nach 1945 "freier Forscher auf seinen Spezialgebieten mittelalterliche Mystik", zum Beispiel der "altflämischen Frauenmystik". Gänzlich unerwähnt indes bleibt, dass der Frauenmystiker 1929 der NSDAP beigetreten war und es in Heinrich Himmlers Schutzstaffel zum Obersturmbannführer brachte. Er zeichnete als Herausgeber der "Monatshefte für Germanenkunde" Germanien und war Abteilungsleiter im Rassenamt der SS, im Persönlichen Stab des Reichsführers-SS und Leiter der Lehr- und Forschungsstätte für germanische Kulturwissenschaft und Landschaftskunde des SS-Ahnenerbes.

Ähnliche Retuschen finden sich bei dem Juristen Johannes Heckel, 1889 in Kammerstein bei Schwabach geboren und 1963 in Tübingen gestorben. Er wurde, heißt es über ihn, "1928 o. [ordentlicher] Prof. des öffentlichen Rechts, insbesondere Kirchenrechts in Bonn und erhielt 1934 den gleichen Lehrstuhl an der Univ. München, wo er bis zu seiner Emeritierung 1957 wirkte." Nicht erwähnt: Heckel war Ende 1933 Rechtsberater des Reichsbischofs Ludwig Müller geworden, eines glühenden Nazis, der die evangelische Kirche "gleichschalten" sollte. Heckel saß zudem im Beirat der Forschungsabteilung Judenfrage im Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland in Berlin. Dies war eines der widerlichsten antisemitischen Hetz-Institute des "Dritten Reiches" (Institutsleiter Walter Frank, laut Rudolf Heß der "bahnbrechende Historiker unserer Bewegung", endete im Mai 1945 durch Suizid). Heckel, selbstredend Mitglied der NSDAP und des NS-Dozentenbunds, wurde 1951 Präsident des Verfassungs- und Verwaltungsgerichts der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland.

Der Bischof, der Dietrich Bonhoeffer denunzierte

In dem Artikel wird auch sein Bruder Theodor erwähnt. Der Theologe war 1934 von Bischof Müller zum Leiter des Kirchliches Amtes für auswärtige Angelegenheiten ernannt worden und trug seither den Titel Bischof. Er denunzierte bereits 1936 den später hingerichteten Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als "Staatsfeind". Nach Kriegsende organisierte Theodor Heckel Hilfssendungen an deutsche Kriegsgefangene in der UdSSR und war Stadtdekan in München. Den Titel Bischof behielt er bis zu seinem Tod 1967 bei.

Schon diese ersten Proben zeigen, dass es um mehr geht als um flüchtige Auslassungen. Hier wird geschönt und retuschiert, beziehungsweise es werden Schönungen und Retuschen aus anderen Lexika unkritisch übernommen, dass sich die Zeilen biegen – vor allem bei solchen "Persönlichkeiten", die nach 1945 ihre Karriere fortsetzten.

Ein Beispiel dafür ist der Staatsrechtler Ulrich Scheuner. Scheuner wurde 1903 in Düsseldorf geboren und starb 1981 in Bonn. Die Deutsche Biographische Enzyklopädie beruft sich in seinem Fall auf ein Standardwerk, auf das Internationale Biografische Archiv Munzinger, eine Loseblattsammlung, deren Lebensläufe in der Regel von den Porträtierten selber gegengelesen werden. Zwar sind die Stationen von Scheuners Karriere während der Nazizeit in anderthalb Zeilen festgehalten ("1933 o. Prof. an der Univ. Jena. 1940 ging er als Ordinarius an die Univ. Göttingen, 1941 nach Straßburg"), doch Weiteres über sein Schaffen in diesen Jahren, vor allem an der nationalsozialistischen "Kampfuniversität" Straßburg, einer Hochburg brauner Wissenschaft, erfahren wir nicht.

1936 hat kein geringerer als Werner Best, zu dieser Zeit stellvertretender Leiter des Geheimen Staatspolizeiamts, Scheuners Rechtsauffassung gewürdigt. Am 12. Juni schreibt Best an die Staatspolizeistellen und die Politischen Polizeien der Länder: "In der Anlage übersende ich die auszugsweise Abschrift einer im Reichsverwaltungsblatt vom 23. Mai 1936 S. 437 erschienenen Abhandlung des Oberverwaltungsgerichtsrats Prof. Dr. Scheuner Die Gerichte und die Prüfung politischer Staatshandlungen zur gefälligen Kenntnisnahme. Der Ansicht des Verfassers, dass die Nachprüfung von politischen Staats- und Verwaltungshandlungen den Gerichten im Nationalsozialistischen Führerstaat in jedem Fall entzogen ist, ist beizutreten."

Kein Wort über die Euthanasie-Propaganda

Scheuner kommt 1947 beim Zentralbüro des Evangelischen Hilfswerks in Stuttgart unter, schon 1950 ist er wieder Professor, jetzt an der ehrwürdigen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. 1954 wird er Mitherausgeber des mehrbändigen Handbuchs Die Grundrechte.

Ein weiterer, von der DBE in ihre Spalten aufgenommener Deutscher, "wert, in Erinnerung behalten zu werden", ist der Jurist Hans Reschke, 1904 in Posen geboren und 1995 in Mannheim gestorben. 1934 wurde er Landrat des Kreises Höxter, 1939 des Kreises Recklinghausen. Seine verschwiegenen NS-Daten: 1933 NSDAP, Kreisfachberater für Kommunalpolitik, Kreisschulungsbeauftragter der NS-Handwerks-, Handels- und Gewerbe-Organisation (NS-Hago), Mitglied im Bund Nationalsozialistischer Deutscher Juristen. Nach amerikanischen Unterlagen ( List of SS-Officers, Berlin Document Center, 1946) war er SS-Untersturmführer und arbeitete für Himmlers Sicherheitsdienst (SD).

Für die Zeit nach dem Krieg allerdings sprudeln die DBE- Daten nur so. 1949 ist Reschke Geschäftsführer des Instituts zur Förderung öffentlicher Angelegenheiten in Frankfurt am Main. 1951 wird er Hauptgeschäftsführer der kommunalen Arbeitsgemeinschaft Rhein-Neckar, dann der Industrie- und Handelskammer Mannheim. Von 1956 bis 1972 ist er Mannheims Oberbürgermeister. Hinzugefügt sei: Nebenamtlich war Reschke Präsident des Städteverbands Baden-Württemberg, im Präsidium des Deutschen Städtetages, Vorsitzender des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Senator der Max-Planck-Gesellschaft, Vizepräsident der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung. 1972 erhielt er das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Nicht ganz so diskret geht es zu, wenn die erinnerungswerte Persönlichkeit in der Bundesrepublik keinen rechten Anschluss mehr an ihre NS-Laufbahn fand. So sind im Fall des alten Kämpfers Wilhelm Meinberg, 1898 in Wasserkurl bei Dortmund geboren und 1973 in Kamen gestorben, die Karrierestationen genannt: Er war Mitglied der NSDAP-Fraktion im Reichstag, Reichsobmann des Reichsnährstands, landwirtschaftlicher Gaufachberater der NSDAP, stellvertretender Reichsbauernführer und "Sonderbeauftragter für den Transport der Kohle". Nach dem Kriege wurde er Vorsitzender der Deutschen Reichspartei (DRP). Sein SS-Rang als Gruppenführer bleibt allerdings ebenso unerwähnt wie die vielleicht für die Nachgeborenen nicht ganz uninteressante Tatsache, dass die DRP Vorläuferin der NPD war.

Besonders wunderlich wird es bei den Ärzten. Die DBE -Einträge zu dieser Berufsgruppe sind übrigens noch einmal separat in einer zweibändigen Biographischen Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner zusammengefasst, 2002 ebenfalls bei K.G. Saur erschienen und herausgegeben von dem Kieler Medizinhistoriker Dietrich von Engelhardt, der auch im Beirat der DBE sitzt. Er dürfte wissen, dass von allen Berufsgruppen die Mediziner mit Abstand am häufigsten der NSDAP und anderen Nazi-Organisationen beigetreten sind (allein an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität 75 Prozent aller Hochschullehrer der medizinischen Fakultät).

In Engelhardts Mediziner-Enzyklopädie wie in der Deutschen Biographischen Enzyklopädie tauchen Nazi-Ärzte auf, ohne ihre NS-Funktionen überhaupt zu erwähnen. Ein Beispiel ist Hellmuth Unger, 1891 in Nordhausen geboren und 1953 in Freiburg gestorben. Unger, ursprünglich Augenarzt, arbeitete als Funktionär im NS-Gesundheitswesen. Er war unter anderem Schriftleiter der Zeitschrift Neues Volk (Organ des Rassenpolitischen Amts der NSDAP) und Pressereferent des Reichsärzteführers. Hervorgetreten ist er als Co-Autor des Propagandafilms Erbkrank und als Autor des Romans Sendung und Gewissen zur Propagierung der Euthanasie. Unger war an der Planung der Kinder-Euthanasie beteiligt, also an der planmäßigen Ermordung behinderter Kinder.

Wegen seiner einschlägigen Verdienste betrieben 1944 die Reichskanzlei und Hitlers Bevollmächtigter für das Gesundheitswesen, SS-Obergruppenführer Karl Brandt, Ungers Ernennung zum Professor. Dies scheiterte allerdings wegen seiner früheren Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Nach 1945 war der Beinahe-Professor als Arzt und Autor tätig. Ungers enzyklopädische Bedeutung liegt in seinem Anteil an der mörderischen NS-Medizin, genau dies aber wird unterschlagen.

Selbst ranghohe SS-Mediziner finden sich zwischen den bedeutendsten Deutschen und wichtigsten Ärzten wieder – wie der Internist Alfred Schittenheim (richtig: Schittenhelm), 1874 in Stuttgart geboren und 1954 in Rottach-Egern gestorben. Schittenhelm war von 1934 an Ordinarius in München. In der DBE (wie in der Biographischen Enzyklopädie deutschsprachiger Mediziner) heißt es: "S. beschäftigte sich u. a. mit der Schilddrüse und dem Jodstoffwechsel." Dass er SS-Standartenführer war und 1944 zum Führungskreis des NS-Dozentenbunds gehörte, erfährt der Leser nicht.

Ein anderes Beispiel ist der Internist Wilhelm Nonnenbruch, 1887 in München geboren und 1955 in Höxter gestorben. Er war zunächst Professor der Deutschen Karls-Universität in Prag. 1939 wurde er Parteigenosse und Professor in Frankfurt am Main. Nonnenbruch brachte es zum SS-Sturmbannführer. Er wurde 1945 amtsenthoben. Von 1950 an leitete er die Weserberglandklinik in Höxter. In beiden Enzyklopädien "befasste sich [N.] vor allem mit Stoffwechsel- und Nierenkrankheiten".

Zu den Großen der Heilkunde soll ebenfalls der Zahnmediziner Eugen Wannenmacher gehören, 1897 in Aufen bei Donaueschingen geboren und 1974 in Münster gestorben. Über ihn ist zu lesen: "Seit 1929 a. o. [außerordentlicher] Prof. an der Univ. Berlin, folgte er 1955 einem Ruf an die Univ. Münster. W. beschäftigte sich mit der Histologie und der Pathohistologie des Gebisses, der Biologie des Kauorgans sowie mit der Behandlung und Verhütung von Parodontose und Karies." Diese Beschäftigung unterscheidet ihn kaum von einem normalen Zahnarzt. Der Unterschied liegt in der unterschlagenen Nazikarriere: Wannenmacher war SS-Sturmbannführer, Angehöriger der Dienststelle Reichsarzt-SS und im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Karl Brandt.

Sogar der Internist und SS-Hauptsturmführer Kurt Gutzeit, am 2. Juni 1893 in Berlin geboren, zählt für die DBE zu den wichtigsten Deutschen seit dem frühen Mittelalter. Gutzeit wurde 1934 Ordinarius der "Grenzlanduniversität" Breslau, war Parteigenosse und im NS-Dozentenbund. Er denunzierte 1938 den nationalsozialistischen Rektor Martin Staemmler wegen dessen Kontakte zum Chirurgen Karl Heinrich Bauer, der eine "Vierteljüdin" geheiratet hatte: "Es ist geradezu ein unerträglicher Zustand, dass dieser Einfluß eines jüdisch versippten Fakultätsmitglieds […] durch die Persönlichkeit des Rektors zur Geltung gebracht wird."

Gutzeit war zudem Beratender Internist beim Heeressanitätsinspekteur. Er hielt bei "bösartigen Störern" in der Wehrmacht KZ-Internierung für angebracht und koordinierte Übertragungsversuche von Hepatitis, die Leberschädigungen erzeugten. 1944 schreibt er über einen Arzt, der ihm bei Versuchen an jüdischen Kindern aus Auschwitz zu zögernd vorging: "Komisch, wie schwer [bei Versuchen] der Schritt vom Tier zum Menschen ist, aber schließlich und endlich ist das letztere ja doch die Hauptsache." 1944 wurde Gutzeit das Ritterkreuz zum Kriegsverdienstkreuz mit Schwertern zuteil.

Die Spätfolgen der Persilscheinliteratur

Nach 1945 kehrte der SS-Hauptsturmführer nicht mehr an die Universität zurück, leitete vielmehr das Sanatorium Herzoghöhe in Bayreuth und danach die Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen. Im Sommer 1957 bemühte sich die Marburger Philipps-Universität, "den aus Breslau vertriebenen Ordinarius" wenigstens zum Honorarprofessor zu machen. Vor der Ernennung starb Gutzeit am 28. Oktober 1957 in einer Marburger Klinik. Die Todesanzeige in der Waldeckischen Landeszeitung bittet um Spenden an die Stille Hilfe, eine Hilfsorganisation für inhaftierte Nazitäter.

In den ersten Jahren nach dem Krieg versuchten die Alliierten, Nationalsozialisten in führenden Positionen aus ihren Ämtern zu entfernen. Die so genannte Entnazifizierung setzte eine gigantische Lügenliteratur in Gang, im Volksmund "Persilschein-Ausstellen" genannt. Fast jeder bescheinigte fast jedem alles. So verwandelten sich Hitlers Parteigenossen zu Mitläufern und "inneren" Widerstandskämpfern. Gutzeits Entnazifizierungsverfahren endete beispielsweise im Herbst 1948 in München. Auch hier finden sich die üblichen Persilschein-Geschichten, wonach er beispielsweise Weihnachtsfeiern in der Klinik toleriert habe. Gutzeit wurde "als Vertreter hohen Menschentums" laufen gelassen.

Die Deutsche Biographische Enzyklopädie spiegelt diese Entnazifizierung gerade im Wissenschaftsbereich aufs Schönste. Es gibt keine Nazis mehr. Selbst die ranghöchsten Mediziner in Himmlers Schutzstaffel, die Elite des Naziterrors, kommen als ehrbare Ordinarien zu Lexikon-Ehren.

Das Fälschen von Biografien mag juristisch kein Verbrechen sein. Ein Verbrechen an den vertriebenen oder in den Suizid getriebenen jüdischen Wissenschaftlern ist es allemal – und eine Verhöhnung der Millionen Menschen, die während der Naziherrschaft gequält und ermordet wurden.

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