arbeitsvermittlerSchluss mit Jux und Langeweile

Das größte Arbeitsamt der Republik wird zur Agentur. Auf den Fluren verschwinden die Warteschlangen, der Druck auf die Arbeitslosen steigt. Was bleibt, ist Bürokratie von Wolfgang Gehrmann

Erst hat Dagmar Sasse ein paar Auswahlkriterien auf dem Bildschirm angeklickt, nämlich "Alter", "letzte Vorsprache", "arbeitslos" und "Leistungsempfänger". Dann führt sie den Cursor auf "zählen" und sagt: "Sehen Sie, mit jedem Arbeitslosen unter 25 Jahren haben wir in den vergangenen drei Monaten wenigstens einmal gesprochen. Damit haben wir unsere Vorgabe erreicht."

Das zu prüfen, hatte sie unter dem Stichwort "Kontaktdichte" für diesen Freitagnachmittag in ihren Outlook-Kalender eingetragen. Die Kontrolle der gesteckten Ziele ist neuerdings zu ihrer dringendsten Pflicht geworden. Dagmar Sasse leitet den Berufsbereich I 61 in der Dienststelle Wandsbek des Hamburger Arbeitsamtes, das gerade dabei ist, sich im Zuge der Hartz-Reformen von einer Behörde in eine Agentur zu verwandeln: Die Ämter sollen kostenbewusster arbeiten, schneller Jobs vermitteln, endlich die Arbeitslosigkeit senken. Deutschlands größtes Arbeitsamt ist überdies bundesweit als Modell für den Einsatz neuer Methoden des Controlling ausersehen.

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Wenn sie von den Reformen berichtet, gebraucht Dagmar Sasse Begriffe wie case management und back office . Doch häufiger spricht sie von "ermessenslenkenden Weisungen, Abteilungsverfügungen, Durchführungsverordnungen, Rundbriefen, Erlassen". Es falle schwer hinterherzukommen, sagt sie, "immer neue Vorschriften und neue Kassenlagen, nach denen wir operieren müssen. Die Kollegen haben es nicht leicht, auf dem Stand zu bleiben." Sie selbst kümmert sich als Arbeitsberaterin vor allem um Berufsrückkehrerinnen, Fortbildungen und Umschulungen. Zudem führt sie die Fachaufsicht über ein Team, das Arbeitslose aus dem Baugewerbe, der Chemie oder aus Wach- und Textilberufen betreut: vier Vermittler und drei Mitarbeiter im so genannten Kundenbüro.

Dagmar Sasse kann auf dem PC die Beratungstermine ihrer Vermittler sehen, und das ist wichtig, denn: "Wir arbeiten nur noch auf Termin." Die Zeiten, in denen Arbeitslose auf den Fluren Schlange stehen mussten, sind in Wandsbek vorbei. Für die Kunden – so heißen die Arbeitslosen nun im Amtsgebrauch – ist das angenehm. Die Berater und Vermittler allerdings bleiben oft ungeplant allein an ihrem Schreibtisch, denn 20 Prozent der Kunden halten Verabredungen nicht ein.

Geändert hat sich nach dem Eindruck von Dagmar Sasse aber vor allem, dass die Ökonomie Einzug ins Amt gehalten hat und parallel mit ihr allseitiger Druck. Druck von oben auf die Mitarbeiter. Druck von der Kundschaft auf die Arbeitsamtsleute. Vor allem aber Druck, den die Behörde auf die Arbeitslosen ausübt.

Bauingenieur, 62 Jahre, ohne Chancen: Erst mal prüfen

"Alles ist jetzt budgetiert", sagt die Teamchefin, "und man überlegt sich, ob man einem Kunden eine Umschulungsmaßnahme über 24 Monate gewährt, weil man damit ja schon den Etat des nächsten Jahres belastet. Wir müssen den Kunden oft Dinge abschlagen, und die nehmen uns das persönlich übel."

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