Ingrid Kolb konnte es kaum fassen, als sie die Fragebögen korrigierte. Gefragt waren Namen von Nazis, die in Nürnberg zum Tode verurteilt worden waren. "Nicht wenige haben Hitler genannt." Die Bewerber sind nicht etwa Teilnehmer eines Schülertests, sondern 100 zumeist studierte Jungjournalisten, die bereits als die besten von rund 2000 Bewerbern eingeladen waren. "Auch die Frage nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges oder nach klassischer Musik bringt immer wieder grauslige Antworten", sagt Kolb.

Nicht nur die geringe Allgemeinbildung lässt die Leiterin der Hamburger Henri-Nannen-Journalistenschule erschaudern. "Dramatisch finde ich die zunehmenden Defizite in der Orthografie und der Grammatik." Der Genitiv zum Beispiel sei vielen eine unbekannte Größe. "Und das schleicht sich bis in die Überschriften von ansonsten ordentlichen Zeitungen", sagt Kolb. Die sprachlichen Mängel zeigten deutlich, dass die Bewerber immer weniger läsen. "Wer viel liest, weiß einfach, wann welcher Fall anzuwenden ist!"

Ob die Entwicklung objektiv messbar sei, könne sie nicht beurteilen, räumt die Schulleiterin ein. "Aber der ,gefühlte Stand‘ der Bildung ist gesunken."

Genau hier liegt das Problem. Viele Prüfer haben nur den "Eindruck", dass Studenten – oder generell Bewerber – immer dümmer werden. Wissenschaftlich zu belegen ist es nicht. Ungebildeter als wer genau? In welcher Altersgruppe genau? Welchen Ausbildungsstand vergleicht man? Welche Gebiete? Jedes Jahr gibt es neue Themen, die zur Allgemeinbildung gehören.

Beweisen kann es auch Rüdiger Hossiep nicht. Er ist Psychologe und Entwickler von Wissenstests an der Universität Bochum. "Aber ich glaube tatsächlich, dass es eine neue Qualität der Unwissenheit gibt. Ich halte es für eine Katastrophe, was sich an den Universitäten abspielt." Er habe zweifellos sehr gute Studenten, aber sie überraschten ihn immer wieder mit dem, was sie nicht wissen.

"Eine Personalleiterin hatte neulich einen Hochschulabsolventen im Bewerbungsgespräch, der offensichtlich keine Ahnung hatte, wer Simone de Beauvoir war", erzählt der Wirtschaftspsychologe. Das allein fand er noch verzeihlich. "Aber der junge Mann beharrte darauf, sie wenige Tage zuvor in einer Talkshow gesehen zu haben."

Auch die Studenten, denen Hossiep die Geschichte erzählte, wussten nichts mit dem Namen Simone de Beauvoir anzufangen. "Einer von ihnen sagte: Wenn die im Gespräch so was wissen wollen, dann will ich da gar nicht arbeiten."

Hossiep findet es nicht so schlimm, dass viele Studenten wenig wissen, sagt er. "Aber ich verlange, dass sie sich wenigstens kritisch selbst betrachten und neugierig bleiben und sich bemühen, Wissenslücken zu schließen." Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft hätten eine erschreckend unrealistische Selbsteinschätzung.