Er gehört zu den Menschen, denen man beim Denken buchstäblich zusehen kann. Christian Petzold gibt keine Interviews im klassischen Sinne. Er entwirft Gedanken- und Assoziationsflächen, deren Echos und doppelte Böden ihn manchmal selbst überraschen. Fast scheint es, als wolle er am liebsten zum wohlgeordneten Bücherregal seines Arbeitszimmers stürzen, um das eine oder andere Zitat gleich vorzulesen. Petzold erzählt begeistert, lebhaft, mit literarischen, philosophischen und soziologischen Anspielungen – und doch strebt alles an diesem Regisseur nach Reduktion. "In meinen Filmen muss alles so einfach wie möglich sein", sagt Petzold, ein Germanist, der seine Abschlussarbeit über Rolf-Dieter Brinkmann schrieb und erst danach an der Berliner Filmhochschule dffb studierte. Tatsächlich ergeben seine Arbeiten eine Bildsprache, deren schlichte Klarheit und Abstraktionskraft in der deutschen Kinolandschaft allein auf weiter Flur stehen.

Als Petzold vor zwei Jahren für seinen RAF-Film Die innere Sicherheit den Deutschen Filmpreis gewann, trat ein anderes deutsches Kino zum ersten Mal ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Es ist ein Kino der Ruhe und Konzentration, dessen Bilder sich zu einer Art Gedankenraum zusammenfügen. So entstand in Die innere Sicherheit das abstrakte Gemälde einer Generation, die fast schon schemenhafte Skizze einer in sich vergrabenen Linken, die jeden Anschluss an die Gesellschaft verloren hat. Die 68er-Utopien, der deutsche Herbst und die neue Resignation sind zu einer Kleinfamilienstruktur zusammengeschmolzen. Als einziger Schutz bleibt den Helden das Auto, ein Beziehungskokon, der ruhelos über die deutschen Autobahnen rast.

Auch in Petzolds Film Wolfsburg bestimmt das Auto die symbolische Ordnung. Als Metapher und Erzählraum, von dem alles Weitere ausgeht. Auf die zentrale Stellung des Wagens angesprochen, schießen Petzold die Fernseherlebnisse einer Düsseldorfer Vorstadt-Kindheit der sechziger Jahre durch den Kopf: "Die Lieblingsserie meiner Eltern war ein Vierteiler namens PS, die Geschichte eines Autohauses. Die Figuren sahen aus wie Nachtschwestern im Krankenhaus. Sie trugen weiße Kittel, das Auto war krank, kam in die Werkstatt und wurde repariert. Damals ging es noch nicht so sehr um Stil, sondern um Fortbewegung. Das Auto war wirklich noch ein Volks-Wagen."

Inzwischen ist das Auto zum Fetisch und Ausstellungsstück geworden. Die Autohäuser in Petzolds neuem Film sehen mit ihren verglasten Fassaden aus wie moderne Museen, das Wageninnere wird zum luxuriös ausgestatteten Wohnraum. Zu Beginn sehen wir Benno Fürmann als Verkäufer eines Autohauses über eine Landstraße fahren. Schwerelos gleitet sein Wagen über die makellos geteerte Allee, während er sich über die Freisprechanlage mit seiner Freundin streitet. Wolfsburg ist ein Film über Schuld und Sühne, doch Petzold stellt das Auto als Weltwahrnehmungsapparat ins Zentrum. "Im Grunde sind es nur noch Filtersysteme, die sich um den Autofahrer auftürmen", sagt er. "Der Fahrer sieht die Welt durch die Windschutzscheibe wie durch einen Film. Es gibt Musikanlagen von Bose, die uns beschallen, als säße man in einem Konzertraum. Es gibt Freisprech- und Navigationssysteme, Pollenfilter, Einbauten, die alle Außengeräusche herunterdämmen. Die reale Umgebung ist am Verschwinden, während das Fahren selbst durch eine Art Traumraum fiktionalisiert wird."

In Wolfsburg gerät dieser Traumraum abrupt in Kollision mit der äußeren Welt. Fürmanns Autoverkäufer überfährt ein Kind und begeht Fahrerflucht. Statt sich zu stellen, versucht er die verzweifelte Mutter des Opfers kennen zu lernen. Er lädt sie zum Essen ein, besorgt ihr einen besseren Job – und verliebt sich in sie. Außerstande, von seiner furchtbaren Schuld zu sprechen, probt er das Geständnis allein im Auto. Benno Fürmann und Nina Hoss spielen diese bleischwere, wortkarge Romanze mit traumwandlerischer Klarheit. Seltsamerweise wirken die Schauspieler in Petzolds Filmen immer eine Spur freier, klarer und klüger als in anderen Filmen. "Schauspieler", sagt Petzold, "sind keine Dienstleister, sondern Teil eines größeren Gesamtzusammenhangs." Vor Dreharbeiten hält er stets eine Art Seminar ab. Zwei Tage Filme, Ideen, Comics, Gedanken, Bücher zum Film und seinen Figuren: "Wenn die Schauspieler das Wesentliche verinnerlicht haben, dann können sie Worte so weit wie möglich durch Gesten ersetzen." Schon in Petzolds vorherigem Film Toter Mann bestritt Nina Hoss ganze Dialoge, und es sind tatsächlich Dialoge, mit ein paar stummen Kopfbewegungen. Wenn Fürmann in Wolfsburg nach der Fahrerflucht nach Hause kommt, wirkt er allein durch seine Körpersprache wie ein Fremdkörper im luxuriösen Ambiente seines Bungalows. "Wohnungen", sagt Petzold, "werden in meinen Filmen immer komplett gebaut, damit es um einen Lebensraum geht, nicht um eine Kulisse." Auch die Autostadt ist in seinem Film mehr als nur Hintergrund, obwohl die Schornsteine des VW-Werks nur in einer einzigen Einstellung ins Bild ragen. "50 Prozent aller Arbeitsplätze hängen vom Auto ab, und es ist doch kein Zufall, dass in Momenten von Krisen, etwa Krisen des Sozialstaats, Automanager wie Hartz gerufen werden, um die Gesellschaft zu retten."

Wolfsburg als Labor der Bundesrepublik. Petzold selbst fährt einen alten 190er Daimler, "einen Türken-Mercedes, mit dem man in Kreuzberg wunderbar untertauchen kann, weil den hier jeder fährt". An dem Berliner Stadtteil gefällt ihm vor allem der idiosynkratische Umgang mit den deutschen Automobilmythen. "Es gibt hier Mercedes-Lackierungen, die sich kein Ingenieur im Traum vorstellen kann. Zitronengelb mit Grasgrün gemischt. Dazu eine Lichtleiste und Alu-Felgen, die es nur in der Türkei gibt." Wenn man ihm so zuhört, wird schlagartig klar, wie sehr das deutsche Kino Petzolds genauen Blick braucht. Allein schon, um zu erkennen, dass wir längst die Autogesellschaft sind, als die wir uns nur ungern sehen wollen.