Said war ein wirkunsgmächtiger und umstrittener öffentlicher Intellektueller, dessen wissenschaftliche Arbeit mit seinem politischen Engagement Hand in Hand ging. In seinem berühmtesten Buch, "Orientalismus" (1978), entlarvte er die westliche Rede vom Orient als ein Werkzeug des Imperialismus und Kolonialismus. Der Orientalismus konstruiere den Orientalen als das Gegenbild des westlich-abendländischen Menschen, als sein "Anderes". Der Orientale werde als fauler, korrupter, rückständiger, fanatischer, böswilliger und seinem Sinnengenuß erlegener Typus dargestellt, um die politische Herrschaft des Westens über den Nahen Osten und seine imperialistische Ausbeutung zu rechtfertigen.Saids Buch hat eine enorme Wirkung entfaltet. Es wurde zum Gründungsdokument einer eigenen Richtung in den Kulturwissenschaften – den "postcolonial studies". Aber auch in den intellektuellen Schichten des Nahen Ostens machte es Schule. Es bot eine entlastende Erklärung für die kulturelle, politische und soziale Misere an, die auch Jahrzehnte nach der Entkolonialisierung noch in weiten Teilen der arabischen Welt herrscht. Man begann sich in der von Said beschriebenen Opferrolle einzurichten und kritisierte die westliche Kultur als rassistischen Überbau des Imperialismus.Als politischer Intellektueller – zum Beispiel in seinen regelmäßigen Artikeln für die ägyptische Zeitung Al Ahram – zeigte sich Said hingegen oft als scharfer Kritiker der arabischen Regime. Seine Stellung in New York erlaubte ihm eine Unabhängigkeit, von der die einheimischen Intellektuellen nur träumen konnten. So sprach Said stellvertretend auch immer wieder unbequeme Wahrheiten aus. Er konnte den Mangel an demokratischer Debatte und an Selbstkritik in der innerarabischen Öffentlichkeit zuweilen scharf geißeln. Yasir Arafat stand er eine Zeitlang sehr nahe, aber schon damals setzte er sich früh für eine Anerkennung des Existenzrechtes Israels ein. Er prangerte Ayatollah Khomeini in der Rushdie-Affäre an und verurteilte Tyrannen wie Saddam Hussain und Hafis El Assad, als sich viele arabische Kollegen noch zierten, die Übel in ihrer eigenen Welt zu benennen.Said war 1935 in Jerusalem geboren worden, als die Stadt noch unter der britischen Mandatsmacht stand, und er ist dort selbst und in Kairo aufgewachsen. Nach der Teilung Jerusalems im Jahr 1947 zog Saids Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, mit der Familie in die ägyptische Hauptstadt um. Der Vater hatte in Amerika gelebt und ließ seinen Sohn auf englischsprachigen Eliteschulen erziehen. Said wuchs im Milieu des episkopalischen Protestantismus auf. Unter seinen Klassenkameraden waren der künftige König Hussein von Jordanien und der Schauspieler Omar Sharif.Edward Said ging zum Studium in die USA, wo er über Princeton, Harvard und die Columbia Universität eine fabelhafte Karriere machte. Der große Kritiker Lionel Trilling, einer der führenden jüdischen "New York Intellectuals", zählte zu seinen Förderern. Ein Problem der von ihm begründeten Schule der Orientalismuskritik besteht darin, dass sie ihren eigenen Erfolg nicht wahrhaben will. Dass Klischees über den Orientalen weitgehend aus dem respektablen Diskurs verbannt sind, dass im Gegenzug die Verbeugung vor den großen kulturellen Leistungen des Islam zum guten Ton gehört, könnte man als Sieg der Kritik am Orientalismus verbuchen. Edward Said aber zeichnete bis zum Schluß ein immer düsteres Bild: Er sah die alte Feindschaft gegen "die Araber" und "den Islam" allerorten triumphieren, in den Medien wie auf der Straße. Ob sich manche Leser seiner Texte wohl fragten, wie es nur kommen konnte, dass Said in dieser offenbar unbelehrbar bornierten westlichen Kultur zum Professor an der Columbia-Universität und zu einem der angesehensten Intellektuellen werden konnte? Saids eigene Erfolgsgeschichte durfte im Bild nicht vorkommen - ganz so, als wäre sie ein Dementi seiner Theorie.Seine Theorie kommt heute vor allem von der Seite junger, reformerisch gesinnter Intellektueller aus der islamischen Welt unter Kritik. Sie hat es zwar ermöglicht, den "kolonialen Blick" umzudrehen und den Kolonisierer und seine Stereotypen ins Visier zu nehmen. Aber mit ihrem Angebot, alle Probleme der islamischen Welt auf "den Westen" abzuladen, hat die Orientalismuskritik auch einen großen Schaden in der geistigen Welt des Nahen Ostens angerichtet. Sie hat die große und ehrenwerte Tradition wohlwollender Orientalistik mit ihrer echten Liebe zum Anderen pauschal zum Büttel finsterer Kräfte der Geschichte gestempelt. Said, weder ausgebildeter Islamkenner noch Muslim, kannte sich in dieser Tradition auch nur sehr begrenzt aus. Seine Orientalismuskritik hat, wie seine Kritiker meinen, der nötigen Selbstkritik der modernen Muslime den Wind aus den Segeln genommen, indem sie einer "Belagerungsmentalität" Vorschub leistete, die nötige Reformen verhindert. Dies werfen ihm nicht nur alte Gegner wie etwa der von ihm geschmähte und denunzierte Bernard Lewis vor, sondern liberale Muslime wie Khaled Abou El Fadl, ein junger Professor für islamisches Recht in Los Angeles.Wer Edward Said in den letzten Jahren begegnete, traf einen verbitterten Mann, der den Glauben an die Möglichkeit eines Friedensprozesses aufgegeben hatte. Arafat sah er als Verräter an der palästinensischen Sache, nicht weil er zu wenige, sondern weil er zu viele Zugeständnisse gemacht habe. Said distanzierte sich vom Terror der Hamas, um ihn dann aber im gleichen Atemzug als Rebellion der Verzweifelten zu erklären, denen nun mal keine andere Wahl bleibe. Edward Said setzte am Ende seines Lebens in der Palästinafrage auf eine Strategie des je schlimmer, desto besser.Edwards Saids politisches Erbe bleibt am Ende zwiespältig. Für sein konkretes Engagement im Zusammenspiel mit seinem Freund Daniel Barenboim gilt das nicht. Immer wieder haben die beiden Liebhaber der Musik versucht, die Kunst als Brücke zwischen den verfeindeten Lagern zu nutzen – durch Konzerte und Veranstaltungen mit israelisch-palästinensischen Jugendorchestern. Said war selbst ein guter Pianist und lange Jahre auch ein kompetenter und leidenschaftlicher Musikkritiker. In der Hoffnung auf die heilende Kraft der Musik überlebte ein Kern jenes humanistischen Glaubens an Verständigung, der Edward Said irgendwann auf seinem Weg abhanden gekommen sein muss.