Das Kopftuch-urteil Emanzipation, islamische Art
In muslimischen Ländern werfen sich junge Frauen massenhaft das Kopftuch über. Dahinter steht nicht immer Unterdrückung. Die Verhüllung signalisiert auch Protest und Freiheitswillen
Das Kopftuch – ein Symbol des Zusammenpralls der Kulturen? Der Baumwolle gewordene Gegensatz von christlichem Abendland und muslimischem Orient? Von westlicher Emanzipation und orientalischer Unterdrückung? So mögen es manche gern sehen. Tatsache ist jedoch, dass das Kopftuch nicht nur im Westen Familien, Schulen und Ministerien aufwühlt. Es ist (nebst einiger Nationalflaggen) das umstrittenste Stück Stoff in der islamischen Welt. Säkulare Muslime sehen darin keine Zierde, sondern ein Zankobjekt, religiöse die trostreiche Umsetzung von Gottes Willen.
Denn wer unbedingt will, kann unter anderem aus der 33. Sure des Korans ein Kopftuchgebot für die Frau herauslesen: „Prophet, sage deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen, wenn sie ausgehen, ein Gewand überziehen. Damit man sie als ehrbare Frauen erkenne und nicht belästige.“ Eindeutig? Na ja. Wen wundert’s da, dass die Muslime streiten. Die einen sehen unterm Kopftuch reaktionäre, nicht religiöse Traditionen stecken, die anderen wähnen die „Scham“ der Frau verhüllt, die Dritten sagen, soll doch jede herumlaufen, wie sie will. Schauen wir uns an, wie drei muslimische Länder mit dem Tuch des Anstoßes umgehen.
Tarnkappe der Weiblichkeit
In der Türkei, einem streng laizistischen Staat, befand kürzlich der Religionsminister der wertekonservativen AKP-Regierung: „Der Koran spricht nur von Bescheidenheit. Ob man ein Kopftuch tragen muss, ist eine Frage der Interpretation.“ Die Kleiderordnung der Türkei allerdings hat der kemalistische Staat lange vor dem Amtsantritt der AKP festgelegt. Frauen dürfen in öffentlichen Gebäuden kein Kopftuch tragen, nicht in Ministerien, nicht im Parlament, nicht an Universitäten. Theologische Fakultäten? Keine Ausnahme.
Dafür hat nicht jede Türkin Verständnis. Die Ehefrau des Außenministers Abdullah Gül zum Beispiel hat vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gegen das eigene Land geklagt, um an einer türkischen Universität mit Kopftuch studieren zu dürfen. Eine Klage gegen staatliche Bevormundung, für das Kopftuch. Emanzipation auf Türkisch.
Im Istanbuler Stadtteil Fatih, einer Hochburg der Islamisten, gehört Emanzipation nicht zum Alltag. Manche nutzen hier ihr Kopftuch, um eine politische Botschaft zu transportieren, andere haben familiäre Gründe. In der prallen Sonne sitzen Frauen mit festgezurrten Tüchern auf Parkbänken, einige tragen den çar≠af , der nur die Augen freilässt. Ein Mädchen hat ihr Kopftuch kunstvoll über Hals und Schultern verwoben. Nach wenigen Minuten im Gespräch wird klar, dass der Vater das Kopftuch und den langen Rock gewünscht hat, alles in der schönen, wenn auch nicht gerade sommerlichen Farbe Schwarz. Er glaubt seine Tochter so geschützt vor fremden Blicken und dem Gerede der Nachbarn. Für die Tochter hat das Kopftuch zwei Seiten. Nach außen ist es die verordnete Tarnkappe der Weiblichkeit. Doch nach innen gewendet, gibt ihr das Tuch überhaupt erst die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft zu zeigen. Der Vater würde sie sonst nicht gehen lassen.
In Ägypten, dessen Verfassung sich unter anderem auf islamisches Recht beruft, macht der Staat dem Bürger keine Vorschriften, was er auf dem Kopf zu tragen hat. Ob im Parlament oder an den Universitäten: Ein Turban tut es, ein Kopftuch, eine Baseballmütze oder auch – gar nichts. Seit einigen Jahren jedoch greifen junge Frauen massenhaft zum Kopftuch. An den Universitäten fällt das besonders auf. Da studieren mehr Frauen als Männer, recht fortschrittlich also, aber gern mit Tuch. Wie passt das zusammen?
Viel begaffte Augenschlitze
Die Antwort hat fünf Buchstaben: Islam. Nach dem Verglühen der Leuchtfeuer von gestern, arabischem Nationalismus und Sozialismus, haben viele junge Ägypter die Religion entdeckt. Frauen tragen das Kopftuch so stolz wie die Männer den Gebetsfleck auf der Stirn. Auf Gleichberechtigung übrigens legen die meisten Studentinnen großen Wert. Sonst wären sie nicht an der Universität. Graubärtige Paschas mit Harem sind out. Islam ist jung, schick, cool. Manche Freitagsprediger umweht das Flair von Rockstars. Die Religion ist zur Modebewegung geworden – und zum offenen Protest gegen das als korrupt verrufene Regime von Amerikas Gnaden.
Dabei droht eine der letzten kopftuchfreien Bastionen Ägyptens zu wanken: die Egypt Air. Eine Stewardess der staatlichen Fluglinie hat gegen das Kopftuchverbot an Bord geklagt. Sie kämpft für die Freiheit, sich zu verhüllen.
In Saudi-Arabien, das die Scharia zur Grundlage allen Rechts gemacht hat, kann von derlei Freiheit nicht die Rede sein. Die ungeschriebene Kostümvorschrift ist der Ganzkörper-Schleier in makellosem Schwarz. Die kleine, viel begaffte Freiheit beschränkt sich auf die Form des Augenschlitzes – wenn sie sich den erlaubt. Geht in Riad eine saudische Frau ohne Verhüllung auf der Straße, muss sie damit rechnen, von staatlichen Sittenwächtern für ihren schamlosen Aufzug gerügt zu werden. Der Rest ist Sozialkontrolle, und die Frauen passen sich an.
Im Königreich hat die wahhabitisch-sunnitische Elite ihren Puritanismus triumphal durchgesetzt. Druckt eine liberal gesonnene Zeitung mal eine saudische Frau mit unverhülltem Gesicht, agitieren die Religiösen beim Innenministerium. Es ist existenzgefährdend, die Sittenwächter öffentlich herauszufordern. Doch die Gedanken und Gespräche sind frei. Sie kreisen mehr noch als anderswo um das, was man nicht sieht: die Frauen hinter dem Schleier. Wie sehen sie wohl aus? Hängt die Moral am Tuch allein? Welchen Sinn hat die Kopfbedeckung in Riad, wenn man sie jenseits der Landesgrenzen ablegen darf?
Das haben viele muslimische Länder gemeinsam: Das Kopftuch ist der Stoff, aus dem längst eine breite gesellschaftliche Diskussion entstanden ist. Je nachdem, wo man ist, klagt man für oder gegen staatliche Gängelung, für islamische Besinnung oder gegen religiöse Bevormundung, für kollektive Moral oder die individuelle Entscheidung. Klar ist nur eines. Kein Außenstehender vermag mit Sicherheit zu deuten, warum eine Frau sich bedeckt. Denn das Kopftuch passt, auch gut zusammengefaltet, in keine Schublade.
- Datum 25.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.09.2003 Nr.40
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