Das Kopftuch-urteil Emanzipation, islamische ArtSeite 2/2

Die Antwort hat fünf Buchstaben: Islam. Nach dem Verglühen der Leuchtfeuer von gestern, arabischem Nationalismus und Sozialismus, haben viele junge Ägypter die Religion entdeckt. Frauen tragen das Kopftuch so stolz wie die Männer den Gebetsfleck auf der Stirn. Auf Gleichberechtigung übrigens legen die meisten Studentinnen großen Wert. Sonst wären sie nicht an der Universität. Graubärtige Paschas mit Harem sind out. Islam ist jung, schick, cool. Manche Freitagsprediger umweht das Flair von Rockstars. Die Religion ist zur Modebewegung geworden – und zum offenen Protest gegen das als korrupt verrufene Regime von Amerikas Gnaden.

Dabei droht eine der letzten kopftuchfreien Bastionen Ägyptens zu wanken: die Egypt Air. Eine Stewardess der staatlichen Fluglinie hat gegen das Kopftuchverbot an Bord geklagt. Sie kämpft für die Freiheit, sich zu verhüllen.

In Saudi-Arabien, das die Scharia zur Grundlage allen Rechts gemacht hat, kann von derlei Freiheit nicht die Rede sein. Die ungeschriebene Kostümvorschrift ist der Ganzkörper-Schleier in makellosem Schwarz. Die kleine, viel begaffte Freiheit beschränkt sich auf die Form des Augenschlitzes – wenn sie sich den erlaubt. Geht in Riad eine saudische Frau ohne Verhüllung auf der Straße, muss sie damit rechnen, von staatlichen Sittenwächtern für ihren schamlosen Aufzug gerügt zu werden. Der Rest ist Sozialkontrolle, und die Frauen passen sich an.

Im Königreich hat die wahhabitisch-sunnitische Elite ihren Puritanismus triumphal durchgesetzt. Druckt eine liberal gesonnene Zeitung mal eine saudische Frau mit unverhülltem Gesicht, agitieren die Religiösen beim Innenministerium. Es ist existenzgefährdend, die Sittenwächter öffentlich herauszufordern. Doch die Gedanken und Gespräche sind frei. Sie kreisen mehr noch als anderswo um das, was man nicht sieht: die Frauen hinter dem Schleier. Wie sehen sie wohl aus? Hängt die Moral am Tuch allein? Welchen Sinn hat die Kopfbedeckung in Riad, wenn man sie jenseits der Landesgrenzen ablegen darf?

Das haben viele muslimische Länder gemeinsam: Das Kopftuch ist der Stoff, aus dem längst eine breite gesellschaftliche Diskussion entstanden ist. Je nachdem, wo man ist, klagt man für oder gegen staatliche Gängelung, für islamische Besinnung oder gegen religiöse Bevormundung, für kollektive Moral oder die individuelle Entscheidung. Klar ist nur eines. Kein Außenstehender vermag mit Sicherheit zu deuten, warum eine Frau sich bedeckt. Denn das Kopftuch passt, auch gut zusammengefaltet, in keine Schublade.

 
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