Interview „Ich bin ein doppelt Fremder“
Manche müssen auf die Bühne, um herauszufinden, wer sie sind. Ein Gespräch mit dem großen Theaterschauspieler Ignaz Kirchner
„Ich habe die Autobiographie von Ignatius von Loyola gelesen. Verglichen mit ihm ist jeder Eroberer willensschwach.“
Aus E. M. Ciorans „Cahiers 1957–1972“,
zitiert von Ignaz Kirchner, der eigentlich Hans-Peter Kirchner heißt
die zeit: Herr Kirchner, welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit bewahrt?
Ignaz Kirchner: Ich habe sehr früh schon viel gespielt. Ich musste im wahrsten Sinne des Wortes spielen, weil ich ein sehr strenges Elternhaus hatte. Meine Eltern haben mich einerseits überwacht und andererseits verwahrlost. Ich habe, ohne zu zögern, Geld gestohlen und bin heimlich ins Kino gegangen. Ich konnte mit keinem Menschen über die Filme sprechen. Ich habe die Filme nachgespielt, bin durch Wuppertal gezogen und kam mir wie ein Cowboy vor. Ich bin mit fünfeinhalb Jahren zum ersten Mal ins Wuppertaler Theater gegangen und habe Peterchens Mondfahrt gesehen. Danach beschloss ich, Schauspieler zu werden.
zeit: Wie alt waren Ihre Eltern, als Sie am 13. Juli 1946 auf die Welt kamen?
Kirchner: Ich war ein spätes Kind. Meine Mutter war 43 Jahre alt und der Vater ein Jahr jünger. Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und habe immer allein gespielt. Ich bin ein Zufallskind. Das kann man wirklich sagen, weil mein Vater homosexuell war – und meine Mutter lesbisch. Ich mache mir keinen Kopf mehr, warum ich geboren wurde. Ich bin in die Welt hinausgeworfen worden. Ich habe bis zum Tod meiner Eltern auf die Frage, wie ich entstanden bin, keine Auskunft bekommen. Meine Mutter hat sich mit ihrer Freundin meinen Vater ausgesucht. Sie sind zum Tanztee in den Wuppertaler Hof gegangen. Mein Vater arbeitete dort als Oberkellner, sah wohl sehr gut aus. Er war einmal auch Direktor eines Hotels in Maria Laach. Maria Laach liegt bei Bonn und hat ein altes Benediktinerkloster, ein schönes Anwesen mit einer wunderbaren Basilika und einem Hotel. Mein Vater wurde fristlos entlassen, weil er ein Verhältnis mit einem Lehrling hatte. Das Verhältnis hatte er gebeichtet. Mein Vater war sehr naiv. Er glaubte, ein Beichtgeheimnis ist ein Beichtgeheimnis.
zeit: War Ihre Mutter reich?
Kirchner: Meine Mutter war zu der Zeit wohlhabend. Sie hatte zwei Geschäfte geerbt und war dadurch eine gewisse Attraktion für den Oberkellner. Die Freundin meiner Mutter war das Hausmädchen. Sie hat mich bis zum sechsten Lebensjahr großgezogen. Sie ist danach nach Kingsville, Ontario, ausgewandert und wurde in Kanada Kinderschwester. Als meine Mutter gestorben ist, war der Paragraf 175 schon aufgehoben. Ich habe zu meinem Vater gesagt, er soll doch nun sein Leben leben. Mein Vater hat sich eine Papstaudienz gekauft, die damals 15000 Mark kostete. Von Rom aus fuhr mein Vater nach Kingsville und heiratete das Kindermädchen. Diese Frau wurde meine zweite Mutter. Sie hat mir einmal gesagt, dass mein Vater homosexuell ist. Ich mochte die zweite Mutter, sie war gut zu mir. Nach längerem Nachdenken würde ich heute sagen, dass mein Vater eine sehr stark narzisstische Persönlichkeit war.
zeit: Ihr Vater war katholisch. Und Ihre Mutter?
Kirchner: Jüdisch. Meine Mutter war protestantisch erzogen worden, aber als die Nationalsozialisten ihre Gesetze erließen, wurde auf den Ursprung gegangen. Mein Opa mütterlicherseits war Jude, ein assimilierter Jude. Meine Verwandten mütterlicherseits sind während des Zweiten Weltkriegs nach Marseille gegangen. Meine Mutter hat dort die Kriegsjahre verbracht.
zeit: Wie war Ihre Mutter?
Kirchner: Meine Mutter war der Vater. Sie hatte sich einen gepflegten Schnurrbart stehen lassen. Sie war darauf ungeheuer stolz, und mir war ihr Bart mehr als peinlich. Dieser Schnurrbart war der Ausdruck des Vaters. Deswegen scheitert an mir eine Psychoanalyse, weil die Verhältnisse, in denen ich aufgewachsen bin, unmöglich zu analysieren sind. Freud mit seinem Ödipuskomplex greift bei mir nicht. Das ist viel, viel komplizierter.
zeit: Hat Ihre Mutter Männerkleidung getragen?
Kirchner: Nein. Meine Mutter war ganz in Schwarz angezogen. Schwarze Kleidung fand ich noch akzeptabel, aber sie hat auch Loden getragen. Ich habe deswegen eine Aversion gegen Loden. Ich erzähle Ihnen ein Beispiel vom Verhalten meiner Mutter – daran können Sie den Quellapparat eines Menschen erkennen. In Andernach wurde eine Kinderoper aufgeführt, die auch im Südwestfunk übertragen wurde. Ich war sehr stolz auf die Übertragung. Ich habe in der Aula meiner Schule den Prinzen Tulipan gespielt und gesungen. Meine Mutter sagte nach der Aufführung, dass sie noch nie einen so hässlichen Prinzen gesehen habe.
zeit: Sie waren nicht Ihr Prinz?
Kirchner: Nee. Bevor ich das Haus verließ, hatte ich meine erste Freundin. Meine Mutter sagte zu mir: „Weißt du, wenn du Frauen brauchst und Bedürfnisse hast, kommst du zu mir, ich gebe dir Geld. Aber eines wäre mir lieber gewesen – du wärst wie dein Vater homosexuell geworden, dann hätte ich dich nie verloren. Wir hätten bis zum Lebensende zusammenbleiben können.“ Vielleicht wollte meine Mutter ein Kind haben, um es im schlimmsten Sinne zu erziehen und zu binden.
zeit: Wie hat sich Ihr Vater dazu verhalten?
Kirchner: Überhaupt nicht. Mein Vater war ein armer, schwacher Mann, der von meiner Mutter erpresst wurde. Sie müssen sich vorstellen, in einem Land, in dem Homosexualität verboten war, lebte mein Vater mit einer Frau zusammen. Ein guter Tarnfaktor. Mein Vater kam in viele schlimme Situationen, die meine Mutter gedeckt hat. Mein Vater hatte immer Angst vor Entdeckung. Meine Mutter war wirklich eine starke Persönlichkeit. Es bestand zwischen meinen Eltern ein ungeheures Bildungsgefälle.
zeit: Ihre Mutter wollte ein sehr schönes Kind haben?
Kirchner: Ja. Ich war bis zum achten, neunten Lebensjahr auch bildhübsch. Danach kam die Phase des Stopfens. Weil ich so dünn war, kam ich in Heime an der Nordsee und in den Alpen. Ich wurde richtig gestopft, wie eine Stopfgans. Nur Fressen. Wenn ich nicht mehr konnte, habe ich das Essen in die Tasche gestopft, bin aufs Klo gegangen, habe das Essen in die Klomuschel geworfen. Ich wurde immer dicker. Meine Mutter hat mir immer viel Kuchen gegeben.
zeit: Waren Ihre Träume voller Gewalt?
Kirchner: Nee. Viel schlimmer, meine Taten waren voller Gewalt. Meine Mutter hatte aus der Verwandtschaft ein altes Holzpferd geschenkt bekommen, eine Antiquität auf vier Rädern, mit einem Schweif aus echtem Pferdehaar. Es muss sehr teuer und wertvoll gewesen sein. Gemeinsam mit einem Freund habe ich dieses Pferd geschlachet. Wir haben das Pferd mit der Laubsäge zerteilt, in den Garten getragen und vergraben. Ich habe mich an meinen Eltern auf die furchtbarste Weise gerächt. Wir hatten zu Hause einen Zierflügel. Nur zu Weihnachten spielte meine Mutter auf diesem Flügel. Mit fünf Jahren habe ich in den Flügel geschissen, weil ich mich über meine Mutter so geärgert hatte. Ich wusste, die Weihnachtsfeier wird die Katastrophe, und sie wurde es auch. (lacht)
zeit: Mit zehneinhalb Jahren kamen Sie nach Vorarlberg zu den Jesuiten ins weltberühmte Internat Stella Matutina. Wie war dort die Erziehung?
Kirchner: Gut. Wenn man gelernt hat, die Struktur eines Internates zu erkennen und einigermaßen – jüdisch würde man sagen – taff ist, kommt man in einem Internat gut klar. Wer das nicht konnte, ist untergegangen. Eine Menge Mitschüler haben das Internat nicht verkraftet. Ich habe im Internat viel gelernt. Das Wichtigste war – zu überleben. Ich hatte gute Lehrer und bekam eine wirklich gute Ausbildung. Im Internat habe ich sehr viel gelesen, zum Beispiel Hermann Hesse. Bereits im Alter von zwölf Jahren habe ich nachmittags aus Spaß Balladen auswendig gelernt und sie auch gespielt. Ich war Mess-diener. Zwischen zwölf und dreizehn Jahren habe ich, abgesprochen mit meinem Freund, vor einer Messe in den Wein uriniert. Ich sagte mir, wenn bei dieser Wandlung etwas passiert, gibt es Gott wirklich. Ich hatte Todesangst. Es war einer der aufregendsten Momente in meinem Leben. Es ist nichts passiert.
zeit: Dachten Sie, dass Gott Ihnen erscheint?
Kirchner: Ja, vielleicht am Kreuz. Dass Jesus auf einmal mahnend die Hand erhebt. Dass ich umfalle, dass es blitzt und donnert. Manchmal denke ich an dieses Erlebnis, wenn ich in Ödipus in Kolonos sage: „Welch Ende winkt? / Das ängstigt mich! Denn nicht ohne Grund / prescht das heran, nicht ohne Zusammenspiel mit dem Unglück.“ (lacht) So hätte es sein müssen.
zeit: Haben Sie in Ihrer Gymnasialzeit auch die Exerzitien des Ignatius von Loyola gemacht?
Kirchner: Nein. Ich habe zu Ignatius von Loyola eine starke Beziehung. Denn ich heiße gar nicht Ignaz, sondern Hans-Peter Kirchner. Das steht in meinem Pass. Als ich auf die Schauspielschule kam, habe ich mir sofort den Namen Ignaz zugelegt. Ich fand Ignatius von Loyola einen tollen Mann.
zeit: Was hat Sie am Gründer des Jesuitenordens so berührt?
Kirchner: Berührt ist in diesem Zusammenhang nicht das richtige Wort. Der Machtwille von Ignatius von Loyola hat mich sehr fasziniert. Ignatius von Loyola hat für die ganze Welt ein Programm ausgearbeitet, wie das Christentum verbreitet werden kann. Ich kann mich nicht dauernd umbenennen, sonst würde ich mich heute Franz nennen. Franziskus ist mir heute viel näher.
zeit: Wann haben Sie mitbekommen, dass Ihr Vater homosexuell und Ihre Mutter lesbisch ist?
Kirchner: Mit 15 Jahren. Ich bin in Büchereien gegangen und habe mich über Homosexualität informiert. Ich hatte einen guten Buchhändler in Andernach. Nolte hieß er – er war überhaupt ein guter Mann. Ich musste oft von der Schauspielschule nach Hause fahren, weil ich von meiner Mutter immer erpresserische Telegramme bekam, dass sie im Sterben liegt. Meine Mutter hat mir gesagt, wenn du in Andernach bleibst, sterbe ich nicht. Ich bin nicht in Andernach geblieben, und meine Mutter ist gestorben. Ich fühlte mich am Tod meiner Mutter schuld. Wenn man 23 Jahre alt ist, drängt man dieses Schuldgefühl weg. Um dieses Schuldgefühl aufzuarbeiten, habe ich zwei Gesprächstherapien gemacht. Bei sehr guten Ärzten in Hamburg und Wien. Diese Ärzte wollten mich nie analysieren. Ich wäre auch nicht auf die Couch gegangen. Ich wäre wie Samuel Beckett geflohen.
zeit: Beckett hat aber Mitte der dreißiger Jahre ein Jahr lang eine Psychoanalyse gemacht.
Kirchner: Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr spielen kann. Ich muss in diesem Zusammenhang auf Jean Renoir zu sprechen kommen. Renoir ist für mich einer der größten Filmemacher überhaupt. Kennen Sie seinen Film Die goldene Karosse? Eine Schauspieltruppe wird von einer Prinzipalin geführt. Während eines Gastspiels lernt Anna Magnani drei Männer kennen: einen Revolutionär, einen Adeligen und einen Stierkämpfer. Alle drei Männer werben um sie, aber sie entschließt sich zu keinem. Am Ende des Films sagt der älteste Schauspieler der Prinzipalin wörtlich: „Du bist nicht gemacht für das, was man das Leben nennt. Dein Platz ist unter den Schauspielern, den Akrobaten, den Mimen, den Clowns, den Gauklern. Dein Glück findest du nur auf der Bühne während zweier kurzer Stunden, wenn du deinen Schauspielerberuf ausübst, das heißt, wenn du dich selbst vergisst. Durch die Figuren, die du verkörperst, entdeckst du vielleicht die wahre Camilla.“ – Das ist eine der treffendsten Beschreibungen des Berufes. Dieser Ratschlag, sich selbst zu vergessen, um zum Ich zu kommen, ist groß. Die goldene Karosse war die Summe eines ganzen Lebens.
zeit: Wie haben Sie als junger Mann die Frage der ersten Liebe gelöst?
Kirchner: Ich bin nach dem Abitur von zu Hause ausgezogen und habe in Bonn Buchhändler gelernt. Meine erste Geliebte war meine Ausbilderin. Sie war 43 Jahre alt, über 20 Jahre älter als ich. Als ich mit ihr nach Hause kam, sagte meine Mutter, ob ich denn jetzt total wahnsinnig geworden wäre, eine gewisse Perversion hätte. Ich habe ihr erwidert, dass ich diese Frau liebe. Meine Mutter meinte, das wäre nicht normal. Ich habe daraufhin gesagt, wir haben die Landesnervenklinik Andernach, wir fahren da hin und befragen Fachleute. Ich bin sehr aufgeregt in die Aufnahme gekommen. Ich habe gleich gesagt: Es gibt hier ein Problem, das ist meine Mutter, das bin ich, ich bin neunzehneinhalb, ich liebe eine 43-jährige Frau. Ich habe nur eine Frage: Ist das normal, oder ist das nicht normal? Meine Mutter hat gesagt: Sie merken doch, wie aufgeregt dieser Junge ist, können Sie ihn nicht hierbehalten? Ich habe mich noch mehr aufgeregt. Danach war ich zum ersten und zum letzten Mal in einer geschlossenen Abteilung. Ich fing zu spielen an, weil ich raus wollte. Nach neun Tagen wurde ich entlassen. Menschen in wirklichen Notsituationen bekommen mehr Kraft als sonst. Es ist durch Studien bewiesen, dass in Kriegszeiten die Selbstmorde zurückgehen. Auch in den Konzentrationslagern des „Dritten Reiches“ – seltsamerweise stiegen die Selbstmorde nicht an. Aber allein schafft man es trotzdem nicht. Man muss glückliche Mächte haben. Glückliche Mächte – das ist der Buchhändler gewesen, der 30 Jahre älter als ich war.
zeit: Was war die Diagnose für die Einweisung?
Kirchner: Höchster Erregungszustand. Ich wurde mit Tabletten behandelt, und danach hatte ich drei Gespräche mit einem klassischen, furchtbaren Psychiater. Das hatte Auswirkungen auf meine Biografie. Wenn Sie einmal gucken, welche Programme ich allein gemacht habe. Das fängt bei Herbert Achternbuschs Ella an, in Bremen habe ich Liebst du mich? von Roland D. Laing gemacht und später Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann.
zeit: Sie fühlten sich in Ihrer Jugend zu Mao Tse-tung hingezogen.
Kirchner: Ich hatte eine verblendete politische Phase. Ich war ein Jahr lang in einer marxistisch-leninistischen Gruppe, bis ich erkannte, dass mir diese Form der Welterklärung zu einfach ist. Ich habe aber ein Jahr lang jeden Monat die Peking-Rundschau gelesen. Und dieses kleine rote Buch haben wir jede Woche einmal studiert. Die Mao-Bibel war simpel, eine Bibel der Armen.
zeit: Stimmt es, dass Sie Gläser gegessen haben, um Ihr Schauspielstudium zu finanzieren?
Kirchner: Nein. Zum Glasessen kam ich durch Ernst Rowohlt. Rowohlt wollte Bücher verlegen. Er ist nach Berlin gereist und hat sich ins Romanische Café gesetzt. Am Nebentisch saß Else Lasker-Schüler, die er aber nicht kannte. Er hat ein Glas gegessen und hatte sofort die ganze Aufmerksamkeit für sich. Rowohlt beschreibt, wie man ein Glas essen muss. Ich habe das nicht geglaubt und habe es zu Hause genau nachgemacht. Man muss Glas gut zermahlen, weil Glas aus Sand ist. Das Glasessen hat mir viel erspart (lacht). Da ich auch frech bin, wurden mir schon öfter Schläge angedroht. In solchen Situationen habe ich immer in ein Glas gebissen. Die Leute wurden sehr freundlich.
zeit: Ihr Bruch mit dem Kommunistischen Arbeiterbund Deutschland (KABD) kam, als Sie in Brechts Mann ist Mann spielten.
Kirchner: Ich war am Kasseler Theater engagiert und bekam meine erste große Rolle, den Packer Galy Gay. Aber mir wurde davor auch schon eine enorme Aufgabe gestellt. Ich musste beim Kinderstück Balle, Malle, Hupe und Artur erreichen, dass im Bühnenbild rechts und links dieses berühmte Poster zu sehen war, das zum ersten Mal im Kursbuch abgedruckt war: Ein kleiner Chinese zieht eine Rübe aus dem Feld. Er schafft es nicht. Es kommt ein zweiter Chinese hinzu und hilft ihm. Es kommt ein dritter, und zu dritt schaffen sie es. Ich hatte durchgesetzt, dass im Staatstheater Kassel dieses Bild in sechs Meter Größe hing. Ich bekam von der KABD die Aufgabe, den Galy Gay nicht zu spielen (lacht), weil Mann ist Mann als ein revanchistisches Stück gesehen wurde. Ich wollte die Rolle spielen und fand das Stück nicht revanchistisch. Ich wurde schnell hinausgeworfen.
zeit: Sie spielten Mitte der siebziger Jahre in Stuttgart den Bräutigam in Bertolt Brechts Kleinbürgerhochzeit. Als ich Fotos von der Alfred-Kirchner-Inszenierung sah, habe ich Sie auf den ersten Blick nicht erkannt.
Kirchner: Ich war früher sehr dick, wog 120 Kilo, habe gern und viel gegessen. Privat fand ich das widerlich, abstoßend, weil es schwere Nachteile hatte. Man hat keine Freundinnen bekommen. Für den Berufswunsch fand ich das Dicksein hervorragend, weil es so wenig gute dicke Schauspieler gibt. Auf der Schauspielschule fand ich es toll, weil ich der einzige Dicke war. Dicke Schauspieler fand ich großartig, Hans-Dieter Zeidler zum Beispiel. Ich habe Köche gespielt, komische Rollen. Als Dicker kriegt man keinen Hamlet. Ich bin vom Fleisch gefallen, als eine Frau mich in der Stuttgarter Zeit verlassen hat. Diese Frau habe ich sehr geliebt. Ich habe mich so aufgeregt, dass ich nicht mehr essen konnte. Danach sah ich so aus, wie ich jetzt bin.
zeit: Es war ein schwieriger Beginn am Burgtheater, als Sie 1986 mit Peymanns Bochumer Ensemble nach Wien kamen.
Kirchner: Als ich nach Wien kam, kannte ich mich hier nicht aus. Es ist toll, dass in Österreich die Kunst so wichtig genommen wird. Was man in diesem Land findet, findet man in Deutschland nicht und umgekehrt, würde Thomas Bernhard sagen. In der Mark Brandenburg hätte Schnitzler seine Stücke nicht schreiben können. Als in Österreich über Waldheim diskutiert wurde, spielten wir Mein Kampf von George Tabori. Solche Beschimpfungen wie in Österreich habe ich nirgends bekommen. Hier war und ist der Antisemitismus teilweise größer als in Deutschland. Es ist auch lohnender, dagegen zu kämpfen. Wenn gewisse Heurigen-Portionen im Blut sind, wird mir gesagt, ich soll doch den Hut abnehmen. – Warum? – Hüte haben nur Juden auf. – Hier sitzt einer. – Ja, eben, dann nehmen Sie ihn doch ab!
zeit: Einer Ihrer schönsten Rollen ist für mich Ihr Jago in George Taboris Othello von 1990.
Kirchner: Meine Lesart von Jago ist bis dahin noch nicht gespielt worden. Es gibt sie auch noch nicht veröffentlicht. Tabori hat zu mir gesagt, auf diese Lesart wäre er nie gekommen. Ich habe Jago als einen Menschen gespielt, der unfähig ist, sich selbst zu lieben, und wegen der fehlenden Selbstliebe jemand anderen nimmt, den er eigentlich auch lieben möchte. Othello ist ein anderer Teil von Jagos Ich. An Othello hat mich überhaupt nicht die Herrschaftsform interessiert, dass ein Untergebener, ein Zukurzgekommener sich darüber aufregt, dass ein Schwarzer den Posten bekommt.
zeit: In Wilhelm Reichs Rede an den kleinen Mann, die Sie im Lauf der Jahre oft gespielt haben, wird die Frage nach der jüdischen Identität ziemlich schonungslos gestellt.
Kirchner: Ich bin ein doppelt Fremder. Ich wurde, wie bereits gesagt, in die Welt hinausgeworfen und bin Jude. Ein doppelt Fremder ist die beste Voraussetzung, um Schauspieler zu werden. Ich schraube mich in die Rollen hinein. Eine Amerikanerin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass to screw der Ausdruck für Geschlechtsverkehr ist. Ich war darüber zuerst erschrocken. Wenn die Vereinigung mit der Rolle gelingt, bin ich mir am nächsten. Ich ist der andere. Wenn ich es geschafft habe, mich in Jago hineinzuschrauben, bin ich bei mir und habe gleichzeitig Distanz zur Figur. Ich bin ein Identitätsspieler.
zeit: Von Bertolt Brecht gibt es eine besondere Sicht des Schauspielers: „Will der Schauspieler nicht Papagei oder Affe sein, muss er sich das Wissen der Zeit über das menschliche Zusammenleben aneignen, indem er die Kämpfe der Klassen mitkämpft.“
Kirchner: Ich finde Brecht so gut, dass ich glaube, er würde das heute anders sagen. Denn wo ist heute die Klasse? Brecht würde heute über den Kapitalismus schreiben, nicht über Globalisierung. Der folgende Satz von Erich Mühsam ist mir näher als der Brecht-Satz. Mühsam hat vom Schriftsteller gesprochen, aber ich nehme diesen Satz fürs Theater: „Die Aufgabe des Künstler ist es, leidenschaftlich am Leben teilzunehmen und diese Leidenschaft in seiner Kunst zum Ausdruck zu bringen.“ – Ich glaube, dass man als Schauspieler und Künstler heute anders kämpfen muss. Ich habe vor kurzem Die neuen Herrscher der Welt von Jean Ziegler gelesen. Es ist mir doch sehr bedenklich geworden, wie ohnmächtig wir sind. Dieser Gewalt müssen wir etwas entgegensetzen.
zeit: Woran denken Sie?
Kirchner: An die Kunst. Ödipus in Kolonos, Antigone – zum Beispiel. In Grübers Ödipus in Kolonos am Wiener Akademietheater ist die Form der Zerstörung sehr präsent. Was für ein tolles Bühnenbild von Anselm Kiefer! Der ganze Balkan sieht so aus. Aus einer Betontreppe ragen ein Gitter und die Verstrebungen von Stahlstangen. Am Boden liegen zerbrochene Stufen. Kiefer und Grüber haben eine Abstraktion von Zerstörung geschaffen. Der Boden, das kann man wahrscheinlich nicht sehen, ist geharkt, am Anfang ganz gleichmäßig. Grüber hat einmal gemeint, am Ende des Stückes könnte man durch die Spuren wie in einem japanischen Garten eine Geschichte erkennen.
zeit: „Was bleibt von all diesem Elend?“, wie es in Becketts Letztem Band heißt, das Sie 1999 gemeinsam mit Ursula und Gert Voss inszenierten?
Kirchner: Es wäre schön, wenn ein Gewitter und die Himmelsmächte mir anzeigen würden, dass es Zeit zum Sterben ist. So zu sterben, wie Ödipus stirbt, ist ein Traumtod.
- Datum 25.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.09.2003 Nr.40
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