die zeit: Herr Köhler, werden die Entwicklungsländer künftig mehr Einfluss im Internationalen Währungsfonds (IWF) und in der Weltbank erobern, nachdem sie sich in den Verhandlungen über den Welthandel erstmals geschlossen den Forderungen der Industrieländer widersetzt haben?

Horst Köhler: Die Entwicklungsländer haben schon bisher Einfluss. Die meisten Entscheidungen werden bei uns im Konsens getroffen und nicht dadurch, dass sich die Industrieländer mit ihrer Stimmenmehrheit durchsetzen. Dennoch können die Handelsgespräche in Cancún eine Zäsur bedeuten – wenn auf beiden Seiten die Einsicht obsiegt, dass die Volkswirtschaften aufeinander angewiesen sind und wechselseitig voneinander abhängen. Tragfähige Lösungen sind nur durch Kooperation und Interessenausgleich möglich. Ich hoffe, dass Cancún als Weckruf verstanden wird, der beide Seiten aufrüttelt.

zeit: Das klingt sehr friedlich. Schließlich ist die Verhandlungsrunde erst einmal gescheitert. Wenn die Dritte Welt aufbegehrt, kann sie dann auch Währungsfonds und Weltbank sprengen?

Köhler: Das kann ich nicht ausschließen. Aber ich rechne nicht mit einem Megakonflikt. Die vernünftigen Führer der Entwicklungsländer werden nicht auf Konfrontation setzen. Die Brasilianer, die eine Art Sprecherrolle übernommen haben, sind keine Ideologen, die in Nord-Süd-Konfliktszenarien früherer Jahrzehnte zurückfallen. In ihrem Land verfolgen sie eine im Grunde konservative Wirtschaftspolitik, allerdings verbunden mit starken sozialen Zielen. Ich halte dies für den richtigen Ansatz.

zeit: Für die armen Länder aber war und ist der IWF immer noch der Zuchtmeister.

Köhler: Das wird oft so dargestellt. Aber fair und sachlich betrachtet, ist es doch Aufgabe des IWF, zu sagen, was ökonomisch funktioniert und was nicht. Das wirkliche Problem ist weniger, dass der IWF von Entwicklungsländern zum Sündenbock gemacht wird. Das wirkliche Problem ist, dass die Wähler in den entwickelten Ländern immer noch nicht richtig erkannt haben, dass Wohlstand in Deutschland oder den Vereinigten Staaten auch davon abhängt, dass es in Afrika oder Brasilien den Leuten besser geht.