Die Pauke dröhnt unheilvoll, der Krieg kommt aus der Luft, er heult im chromatischen Tremolo der Streicher und in der dumpfen Tiefe der Tuba, die Menschen heben ihre Stimme zum Himmel, aus dem sie Rettung erhoffen: "Hilf uns Gott", ein gespreizter, vom schmerzenden Intervall der kleinen None umfangener Akkord. Dann erscheint ein Mann in der Musik. Er spielt ein Klavierkonzert, 69 Takte lang prasselnde Oktaven, wilde Läufe, und in Takt 52 ist sein Name verborgen, er steht über den Noten in der Partitur: "Kreiten". Gleich wird der Chor zehn Takte lang applaudieren, es ist der letzte Beifall für den 26-jährigen Pianisten. Fünfeinhalb Monate später, am 7.September 1943, wird er gemäß Roland Freislers Todesurteil in Berlin hingerichtet, denn er hatte es – dummerweise vor Missgünstigen – gewagt, Adolf Hitler einen Verbrecher zu nennen und Deutschlands Untergang zu prophezeien.

Karlrobert Kreiten war eine der größten Pianistenhoffnungen Deutschlands im 20. Jahrhundert. Er gewann Wettbewerbe (einen sogar vor Dinu Lipatti) und eroberte Europa im Sturm. Claudio Arrau, sein Mentor, meinte einmal, Kreiten hätte der legitime Nachfolger Walter Giesekings und Wilhelm Kempffs werden können. In den achtziger Jahren brandete die Erinnerung an Kreiten auf, als der Journalist und TV-Moderator Werner Höfer unsanft daran erinnert wurde, wie kaltherzig er 1943 in einem Nazi-Brandartikel Kreitens Verurteilung gerechtfertigt hatte; Höfer musste seinen Frühschoppen fortan als Privatier trinken.

Jetzt, 60 Jahre nach dem Galgen von Plötzensee, wurde Kreiten ein tönendes Requiem nachgereicht. In der Tonhalle seiner Heimatstadt Düsseldorf erklang die Uraufführung von Kreiten’s Passion, einem Oratorium des 1932 geborenen Niederländers Rudi Martinus van Dijk. Der souveräne Bariton Andreas Schmidt ist an diesem Abend Karlrobert Kreiten, er erlebt und singt ihn als Monodram. Er hofft und schreibt beruhigende Briefe nach Hause, er hat Angst und macht sich Vorwürfe, seiner Lehrerin nicht in die USA gefolgt zu sein, er ruft Gott an und geht am Ende seinen letzten Gang aus der Zelle. Hilfe gibt es nicht, selbst Wilhelm Furtwängler kann ihn nicht retten. Im Chor steckt die gesichtslose Masse des Publikums, der Denunzianten, der Gestapo und schließlich einer stummen Gemeinde, die nicht aus noch ein weiß und einen vierstimmigen Choral singt, der auf einem unaufgelösten Akkord stehen bleibt.

Van Dijk hat den musikalischen Fortgang mit lauter effektvollen Motiven behängt. Es gibt, gewissermaßen als atmosphärische Wegmarken, ein "Angstmotiv" und ein "Todesmotiv". Wenn die Harfe Galgen spielt, rauscht das "Erhängungsmotiv"; wenn Hitlers Schergen ihre Phrasen skandieren, erleben wir den "Diktatur-Rhythmus" und das "Verräter-Motiv"; wenn Kreiten pianistische Trockenübungen macht, rattern Sechzehntelnoten aus dem Etüdenkatalog. Wir hören, naturalistisch ins Orchester transponiert, das Kratzen seiner Schreibfeder und den Hammer des Richters. Bisweilen erinnert das Kopfthema aus Franz Liszts Es-Dur-Konzert daran, dass wir es bei Karlrobert Kreiten mit einem äußerst virtuosen jungen Pianisten zu tun haben.

Die Partitur steckt also voller Verweise, und irgendwann bemerkt man, dass Illustration hier alles, Reflexion aber sehr wenig ist. In van Dijks Gefängnis ist alles Trostlose, Würgende, durch Hoffnung kurz Gelichtete ausgeblendet, man darf gar nicht an Dallapiccolas Der Gefangene oder Janá‡eks Aus einem Totenhaus denken, es herrschen eine sehr mäßige Moderne und eine verstörende Betriebsamkeit der Einfälle, aber es sind Einfälle von gestern, die Musik besitzt keine Dimension von dem, was sie darstellen will. Der Resonanzraum weitet sich allenfalls in die extreme Höhe, weswegen der Chor des Düsseldorfer Musikvereins oft genug in den oberen Hilfslinien des Notensystems unterwegs ist und sich dort hörbar unwohl fühlt. Wie so vieles ist auch der Einsatz des Xylofons vorhersehbar – das mittlerweile klassische Schreibtischtäter-Instrument. Die lautesten Schurken werden den Blechbläsern der (von John Fiore geleiteten) Düsseldorfer Symphoniker zugeordnet und müssen als brutale Gestapo wüten. Wenn van Dijk gar nichts mehr einfällt in seinem Soundtrack für den tragischen Künstler und die bösen Nazis, breiten die Streicher den gnädigen Mantel von Liegetönen aus. Und über Einzelheiten aus Heinrich Riemenschneiders Libretto breiten wir den gnädigen Mantel des Schweigens.