Als Kognitionspsychologin verfolge ich die Fortschritte in der Hirnforschung mit großem Interesse und überdenke viele meiner Arbeiten vor diesem Hintergrund neu. Bauchschmerzen bereiten mir jedoch die sorglos verteilten vermeintlich guten Ratschläge von Neurobiologen zur Verbesserung des schulischen Lernens. Dies gilt auch für die Artikel von Manfred Spitzer und Henning Scheich in der vergangenen Ausgabe der ZEIT.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit schulischem Lernen hat jenseits der (Hirnforschungs-)Labors eine lange Tradition in der Psychologie, der Pädagogik und den Fachdidaktiken. Auch wenn die Erkenntnisse aus dieser Art von Lehr-Lern-Forschung eher bescheiden sein mögen, kann ich noch keinen Beitrag der Hirnforschung erkennen, der darüber hinausgeht. Die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung der Neurobiologie in der Didaktik mutet daher ein wenig an, als ob man die Frage, warum Menschen in bestimmten Teilen der Erde hungern müssen, mit der Erforschung der Stoffwechselprozesse im Körper beantworten wolle.

Gleichzeitig sehe ich mit Sorge, dass die aus der Hirnforschung abgeleiteten Erkenntnisse so allgemein sind, dass sie bei der Umsetzung in die schulische Praxis der Willkür Tür und Tor öffnen. Gerade dieser Tendenz versucht die Lehr-Lern-Forschung entgegenzuwirken, indem sie die Bedeutung des Inhaltswissens beim Lernen betont. Es ist ein gefährlicher Irrtum, zu glauben, man könne Gesetzmäßigkeiten, die beispielsweise beim Lernen sinnloser Silben gefunden wurden, ohne weiteres auf das Aneignen von Fremdsprachen allgemein übertragen. Und die von Scheich und Spitzer angesprochenen Themen wie Frühförderung, Lehrerwissen und Emotionen kann man auch ohne einen oft pseudowissenschaftlichen neurodidaktischen Überbau in die schulische Praxis umsetzen.

Menschen lernen immerzu – Laufen, Sprechen, Zählen, Lesen, Integralrechnen. Alle diese Lernvorgänge gehen mit chemischen Veränderungen im Gehirn einher. Allerdings hat uns die Natur unterschiedlich darauf vorbereitet. Laufen, Sprechen und selbst das Zählen kleinerer Mengen können Menschen auch ohne institutionelle Unterstützung lernen, da genetische "Start-up-Mechanismen" dies erleichtern. Kinder übernehmen binnen weniger Jahre die Alltagssprache ihrer Mitmenschen – nach einem Plan, der weitgehend intern gesteuert ist. Auch viele Aspekte des kindlichen Sozialverhaltens werden auf diese privilegierte Weise gelernt.

Wie sich solche Lernprozesse im Einzelnen vollziehen, ist noch unklar, und selbst die Frage, wie die angeborenen Grundlagen des Spracherwerbs genau aussehen, wird gegenwärtig kontrovers diskutiert. Klar hingegen ist, dass uns die Natur nicht auf den Erwerb der Schriftsprache oder des naturwissenschaftlichen Denkens vorbereiten konnte. Dieses Wissen entwickelte sich erst im Laufe der Kulturgeschichte.

Sind Kinder dafür in einem bestimmten Alter besonders lernbereit, wie uns einige Vertreter der "Neurodidaktik" glauben machen wollen? Auch wenn dies für manche Bereiche wie die Alltagssprache zutreffen mag, spricht – allen gegenwärtig weit verbreiteten Mythen zum Trotz – nichts für eine höhere allgemeine Lernfähigkeit im Kindesalter. Vieles spricht sogar dagegen: Das kindliche Gehirn scheint eher auf die Abwehr von zu großer Komplexität als auf das Aufsaugen von Information ausgerichtet zu sein.

Angst ist ein schlechter Lehrmeister – Spaß alleine hilft auch nicht weiter

Dies stellt keineswegs die Notwendigkeit einer Frühförderung infrage. In unserer Gesellschaft müssen Kinder innerhalb eines Jahrzehnts Wissen erwerben, dessen Entwicklung die Menschheit Jahrhunderte oder Jahrtausende gekostet hat. Das kann nur gelingen, wenn die zur Verfügung stehende Zeit durch professionellen Unterricht effizient genutzt wird. Zur Vorbereitung des mathematischen Denkens sollte man aber nicht mit Kindergartenkindern das Einmaleins üben, sondern sie für Muster und quantitative Anordnungen in ihrer Umgebung sensibilisieren, die sich später mithilfe mathematischer Symbolsysteme abbilden lassen. Solche Übungsprogramme werden derzeit erfolgreich in Zusammenarbeit zwischen Mathematikdidaktikern, Psychologen und Pädagogen entwickelt und evaluiert. Auch das Projekt "Zahlenland" (siehe nebenstehenden Artikel) gehört dazu, und es würde bestimmt nicht an Qualität verlieren, wenn es sich seines "neurodidaktischen Überbaus" entledigen würde. Sing- und Sprechspiele bereiten nachweislich für das Lesen vor, denn sie verdeutlichen Kindern die fonologische Struktur ihrer Muttersprache. Ein schlichtes Credo für Frühförderung kann also heißen: Nutze die Zeit – aber unbedingt auf kindgemäße Weise.