Neurodidaktik Rezepte statt RezeptorenSeite 2/2
Manfred Spitzer ist nicht der Erste, der fordert, dass gute Lehrer wissen müssen, wie Lernen funktioniert. In der Lehr-Lern-Forschung ist seit vielen Jahren bekannt, dass gute Lehrer das Vorwissen ihrer Schüler berücksichtigen sollten. Gute Lehrer wissen auch, auf welchen Missverständnissen bestimmte Fehler der Lernenden beruhen. Sicher schadet es nichts, wenn Lehrer die Rolle von Hippocampus und Mandelkern bei der Informationsverarbeitung kennen, aber dieses Wissen versetzt sie nicht in die Lage, ihren Schülern den Unterschied zwischen Masse und Gewicht oder die Bruchrechnung nahe zu bringen. Mit der Frage, wie Lehrer besser für Lernvorgänge bei ihren Schülern sensibilisiert werden können, befassen sich einige Projekte im Rahmen des Schwerpunktprogramms Förderung der Bildungsqualität an deutschen Schulen. Zur Verbesserung des schulischen Lernens benötigen wir keine neuen großen Theorien – die haben wir bereits –, sondern sorgfältige Einzelarbeit. Auch Fortschritte in der Medizin haben wir weniger einer allgemeinen Krankheitslehre zu verdanken als der akribischen Erforschung einer Vielzahl von Funktionsstörungen.
Was die Rolle der Emotionen beim Lernen angeht, bestätigt die Hirnforschung, was seit längerem bekannt ist: Angst ist ein schlechter Lehrmeister. Mit Drohungen und Strafen kann man unerwünschtes Verhalten unterdrücken, aber nicht den Erwerb von Kompetenzen fördern. Allein mit Spaß und guter Laune ist es aber auch nicht getan, wie Manfred Spitzer suggeriert. Die bei Timss und Pisa nachgewiesenen Defizite deutscher Schüler in der selbstständigen Anwendung schulischen Wissens lassen sich nicht mit Störungen in der Dopaminausschüttung erklären, sondern mit wenig anregendem Unterricht.
Aus internationalen Vergleichsstudien wie auch aus Schulexperimenten wissen wir inzwischen, wie man Schüler fesseln und bei der Stange halten kann: Man konfrontiert sie mit Anforderungen, für deren Lösung sie bereits Vorwissen mitbringen. Irrtümer und Fehler sind zugelassen und werden konstruktiv vom Lehrer genutzt. Auf diese Weise erhalten die Schüler Gelegenheit, ihr bestehendes Wissen zu erweitern und an spezielle Anforderungen anzupassen. Wie solche Lernumgebungen im Einzelnen zu gestalten sind, lässt sich nicht aus der Hirnforschung ableiten, sondern erfordert die Zusammenarbeit von Fachdidaktikern und Kognitionswissenschaftlern.
Dennoch – als Lehr-Lern-Forscherin sehe ich mit großer Spannung dem Tag entgegen, an dem die Methoden der Hirnforschung so weit ausgereift sind, dass wir sie im Klassenzimmer einsetzen können. Vielleicht reicht dann ja ein Blick in das Hirn, um zu erkennen, ob sich ein Schüler gerade in einer anregenden Lernumgebung befindet oder ob er mit einem Unterricht gequält wird, in dem er Definitionen und Merksätze lernen und über Seiten hinweg gleichförmige Übungen ausführen muss.
Elsbeth Stern ist Professorin für Psychologie und arbeitet am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zu Fragen des schulischen Lernens
- Datum 25.09.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.09.2003 Nr.40
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