Wie baut man eine Brücke über einen bisher unerforschten Graben? Die beste Strategie dürfte sein, das Bauwerk von beiden Ufern aus mit dem Ziel zu starten, sich in der Mitte zu treffen. Eine solche Brücke zwischen Hirnforschung und Didaktik stellt auch die so genannte Neurodidaktik dar, die in dem Artikel von Jochen Paulus, Lernrezepte aus dem Hirnlabor, so heftig kritisiert wird.

Doch anders als dies in Paulus’ Artikel suggeriert wird, ist diese Brücke für mich als Didaktiker kein die Pädagogik revolutionierender Angriff auf dieselbe, sondern ein auf interdisziplinäre Zusammenarbeit angelegtes Unterfangen. Der Begriff Neurodidaktik – den ich im Gegensatz zu Manfred Spitzer für durchaus zweckmäßig halte – umschreibt die Aufgabe, Zusammenhänge zwischen den neurobiologischen Bedingungen des Menschen und seiner Lernfähigkeit aufzudecken, um daraus Erkenntnisse für die Wissenschaft vom Lehren und Lernen zu gewinnen. Denn Lernen und neuronale Plastizität, so die aus der Hirnforschung stammende Schlüsselidee, stehen in einem unauflöslichen Zusammenhang.

Um ein von Paulus produziertes Missverständnis auszuräumen, sei vorweg gesagt, dass es völlig unmöglich ist, Unterrichtsmethoden, Erziehungsstile, Bildungsinhalte oder etwa die Frage nach dem besten Schulsystem ausschließlich aus Ergebnissen der Hirnforschung zu deduzieren. Eine Neurodidaktik besitzt aus erziehungswissenschaftlicher Sicht nur im Rahmen der Allgemeinen Didaktik eine Berechtigung.

Auch ist die Neurobiologie noch weit davon entfernt, verlässliche Angaben darüber machen zu können, wie sich etwa kognitive Fähigkeiten im Detail aus den Aktivitäten neuronaler Netzwerke entwickeln.

Daher ist Paulus zuzustimmen, wenn er beklagt, dass manche Hirnforscher allzu hastig Schnellschüsse auf die Pädagogik abfeuern. Gleichwohl – sonst wäre es unsinnig, den Brückenbau zu beginnen – weisen neurobiologische Ergebnisse schon heute auf allgemeine Zusammenhänge hin, die für die Fortentwicklung der Didaktik von Bedeutung sind. Das will die Neurodidaktik fördern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Schon im Kindergarten kann man Mathematik verstehen

Unstrittig ist, dass der Aufbau neuronaler Verknüpfungsmuster ein lebenslänglicher Prozess ist, der in seiner Beschleunigung jedoch mit dem Alter abnimmt. Dabei fördert Gehirnaktivität den Aufbau von Vernetzung und Passivität den Abbau. Hier liegt – auch wenn wir das ab einem gewissen Alter nicht mehr gerne hören – das neurobiologische Fundament der Volksweisheit "Was Paulinchen nicht lernt, lernt Pauline nimmermehr".

Wenn man sich solcher Argumentationen bedient, um sich für die in unserem Land fatal unterschätzte Kindergartenzeit einzusetzen, so ist das allemal legitim. Dementsprechend versucht unser Projekt "Zahlenland" im Auftrag des Baden-Württembergischen Kultusministeriums schon Vorschulkindern mathematisches Verständnis näher zu bringen. Eine von den Erziehungswissenschaften unabhängige Neurodidaktik könnte allerdings solch ein Konzept nie und nimmer schultern. Daher schöpft unser Förderkonzept seine Ideen aus verschiedenen Disziplinen: der Fachdidaktik, der Entwicklungspsychologie, der Elementarpädagogik und aus der "neurodidaktischen" Überzeugung, dass den Kindern die Chance geboten werden sollte, sich möglichst früh für die Vielfalt der Welt zu begeistern.