Der Musiker Konrad Latte, vor der drohenden Deportation nach Auschwitz in den Berliner Untergrund geflüchtet, berichtete ein halbes Jahrhundert später dem Schriftsteller Peter Schneider, er habe für seine Rettung mehr als vier Dutzend Helfer gebraucht: an die 50 Menschen, deren Verschwiegenheit, deren Zuverlässigkeit, deren Opferbereitschaft für ihn eine Frage auf Leben und Tod war. Wenigstens 10000, vielleicht 15000 deutsche Juden haben, nach Wolfgang Benz’ vorsichtiger Schätzung, nach dem Beginn der Deportationen – es gab zu jenem Zeitpunkt noch an die 170000 Juden in Deutschland – den Häschern in die Illegalität zu entkommen versucht. 3000 bis 5000 überlebten, davon etwa 1500 in Berlin. Vielleicht ist es halbwegs realistisch, 20 Mitwisser und Helfer für jeden der Untergetauchten zu vermuten. Wenn dies zutrifft, hätten sich immerhin etwa 300000 Deutsche um die Rettung von Nachbarn, Freunden, Fremden bemüht, die von der Vernichtungsmaschine bedroht waren.

Eine dürftige Minderheit unter sechzig bis siebzig Millionen. Zum andern: kein geringes Aufgebot der Menschlichkeit, der Solidarität, des Mutes, des Widerstandswillens. Ein Rätsel, warum die deutsche Gesellschaft nach dem Ende des „Dritten Reiches“ so lange gezögert hat, sich auf dieses Vermächtnis zu berufen – nach dem ersten Schock der Entnazifizierung, als jeder „Blockwart“ behauptete, wenigstens einem Juden geholfen zu haben.

Warum hernach das fast betretene Schweigen? Warum wurden die Berichte der Überlebenden – ob von Inge Deutschkron oder Hans Rosenthal oder Michael Degen – nicht mit einem kollektiven Seufzer der Erleichterung aufgenommen? Warum wurde Kurt R. Grossmanns generöse Arbeit Die unbesungenen Helden – Menschen in Deutschlands dunklen Tagen (1957) nur in Berlin mit der gebotenen Aufmerksamkeit begrüßt (wo immerhin die Jüdische Gemeinde und, dank der Initiative des Justizsenators Lipschitz, auch die Stadt die tapferen Bürger zu ehren begannen)? Warum hielt die verlegene Stille so beharrlich an?

Eine kollektive Beklemmung, weil das Beispiel der Retter bewies, wie viel mehr hätte getan werden können? Die Risiken waren beträchtlich: Im schlimmsten Fall drohte die Einweisung in ein KZ oder ein Zuchthausurteil, wie Beate Kosmala im fünften Band der Buchreihe Solidarität und Hilfe (Mitherausgeberin Claudia Schoppmann) des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung nachwies. Wolfgang Benz, der Leiter des hoch respektierten Instituts, stellte nun im Prolog des zusammenfassenden Werkes Überleben im Untergrund nüchtern fest, dass im gesamten Reichsgebiet nicht ein einziges Todesurteil wegen „Judenbegünstigung“ gefällt worden sei (anders als in Polen und den anderen besetzten Gebieten Osteuropas und auf dem Balkan).

Womöglich erzwang eine uneingestandene Schuld über die versäumte Pflicht des Anstands, vielleicht eine wortlose Scham, die wir nicht in unser Bewusstsein treten ließen, jene merkwürdige Reserviertheit, die erst durch Steven Spielbergs großen Film Schindlers Liste aufgebrochen wurde. Es wäre zu wünschen, dass die Übersicht, die Benz und seine Mitarbeiter in 19 Berichten und Untersuchungen zu einer Art Gesamtbild verwoben, nun endlich die so lange verstellten Horizonte aufschlösse: für die schwindende Generation der Zeitzeugen, für die Generation der Söhne und Enkel, die sich seit 1968 etwas zu flott, zu rabiat, in der Regel auch risikolos im antifaschistischen Widerstand übten, den die Eltern versäumt hatten, endlich und vor allem für die unbefangenen Enkel, für die das „Dritte Reich“ an den Horizont der Geschichte entrückt ist.

Sie werden es schätzen, dass sich Benz schon in den ersten Sätzen jeder verklärenden Heroisierung entgegenstellt. Vielmehr wollen er und seine Ko-autoren „die Alltäglichkeit und die Mühsal des Überlebens im Untergrund“ in unser Bewusstsein rücken, und Benz lässt keinen Zweifel daran zu, dass „die Anstrengung, ihr Überleben zu organisieren, in erster Linie Sache der Juden selbst“ gewesen ist – „ebenso der Mut und das Geschick, extreme Situationen zu meistern, die Todesangst, die Verzweiflung, die Isolation, die existentielle Not“. Nur eine kleine Minderheit konnte sich „zum Risiko des Lebens in der Illegalität“ entschließen, „ohne Ausweisdokumente, ohne Lebensmittelkarten, damit ohne Anrecht auf Nahrung, Kleidung, Obdach, Schutz vor Bomben“, stets von der Furcht vor der Denunziation gejagt, der Angst auch vor den jüdischen „Greifern“, die im Auftrag der Gestapo versteckte Schicksalsgenossen aufspürten, weil sie meinten, durch den Verrat die eigene Haut retten zu können.