Fünf Minuten läuft man vom Alexanderplatz, schon ist Berlin zu Ende. Schwalben durchziehen den weiten Himmel, die Luft ist lau und der Friede so vollkommen, dass man meint, die Stadt habe sich selbst vergessen. Einst war dies das Zentrum, hier an Mühlendammbrücke und Klosterstraße hatte vor vielen hundert Jahren das urbane Puckern und Brausen begonnen, hier wurde Berlin zu Berlin, zu einem Ort der ewigen Umwälzung – und irgendwann, vor ein paar Jahren, zu einer Dämmerstätte. Von einer Tradition der Veränderung wollte niemand mehr etwas wissen. Zum Glück aber gibt es ja die Traditionsbewussten, Leute wie den Architekten Rem Koolhaas. Mitten im pittoresken Dösen hat er eine Art Stadtkraftwerk entstehen lassen: Es ist die neue Botschaft der Niederlande, zum kleineren Teil. Zum größeren ist es eine Botschaft an Berlin.

Seit langem schon verbindet Koolhaas eine Hass-liebe mit dieser Stadt. 1991 hatte man ihn in eine Jury berufen, die über den Potsdamer Platz entscheiden sollte, und er wollte sich stark machen für eine Architektur, die mehr ist als stumpfer Fassadengehorsam, mehr auch als Skulpturenspektakel. Bald aber stellte sich heraus, dass sein Wagemut nicht erwünscht war. Er fühlte sich als Alibi missbraucht, verließ die Jury und wütete öffentlich gegen das "kleinbürgerliche, altmodische, reaktionäre, unrealistische, banale, provinzielle und vor allem dilettantische Bild der Stadt", das da entstehen sollte.

Ein Lehrkörper für Berlin

Die Mitarbeiter der holländischen Botschaft, die in der kommenden Woche mit dem Einzug beginnen, werden also kein gewöhnliches Haus vorfinden, sondern einen Lehrkörper. Hier sollte, ja musste Koolhaas allen zeigen, welche Chancen Berlin damals vertan hatte. Er entwarf eine Idealstadt auf der Grundfläche von 17 mal 17 Metern, einen gläsernen Würfel, in dem alle Theorien und Erfahrungen des 59Jährigen zusammenfließen. Von außen allerdings ist von dieser Fülle kaum etwas zu sehen, fast unscheinbar steht das Haus am Ufer der Spree. Die meisten anderen Staaten nutzten den Umzug von Bonn nach Berlin, um sich architektonisch aufzudonnern: England macht auf schrillen Pop, Österreich liebt es aufgedunsen und patinasatt, und Mexiko demonstriert Modernität mit einer schrägen Marmorfassade. Alle wollen sie etwas Besonderes sein, Fremdkörper, Häuser aus der Ferne.

Holland hingegen gehört dazu. Ganz selbstverständlich scheint sich die Botschaft ins Berliner Blockraster einzuordnen. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass irgendwas nicht stimmt mit diesem Bau. Man wundert sich über das riesige Schaufenster im ersten Stock, über diese Glasschlange, die das feine Ebenmaß der Fassade durchbricht, und vor allem über die Lücken rund um den Kubus. Da entfaltet sich ein eigentümliches Spiel aus Rahmen und Kern, Schneise und Körper: Genau genommen zerfällt das Eckgebäude in zwei Teile, in den zentralen Würfel und in eine Art Paravent, der an zwei Seiten den Bau gegen die Anrainer abschirmt. So gelingt es Koolhaas, den städtischen Vorschriften zu genügen und zugleich auszuscheren, er respektiert den Blockrand und errichtet doch einen Solitär. Die Botschaft ist ihr eigener Nachbar, sie geht auf Distanz zu sich selbst.

Koolhaas liebt solche Paradoxien. Er will das eine tun und das andere nicht lassen, und so baut er eine exterritoriale Zone und verwandelt sie gleichwohl in öffentlichen Raum. Auch andere Botschaften verstehen sich nicht länger als Geheimkammern der Diplomatie, sondern suchen das breite Publikum, fast als wären sie die Tourismuszentralen ihrer Länder. Doch niemand öffnet sich so weit wie die Holländer. Kein Zaun wehrt den Besucher ab, stattdessen lockt ein asphaltierter Weg, der sich zwischen Würfel und Paravent nach oben windet. Auf ihm kann man das Haus zur Hälfte umwandern, eingefangen in einer Schlucht aus Alu und Glas. Dann weitet sich die Enge, man blickt auf die Spree, fast als sähe man aus einem Grachtenhaus hinab auf die Amstel.

Sonst erinnert nur wenig an die Heimat der Botschaft. Auf den steilen Stiegen des Hauses oder in den extraschmalen Gästezimmern (untergebracht im Paravent) lässt sich Holland zwar körperlich erahnen. Doch hat Koolhaas ganz bewusst auf jede Art von Identitätsgetümel verzichtet. Statt Symbole aufzustellen, repräsentiert er sein Land durch einen radikal ambivalenten Begriff von Moderne. In diesem ist die Vernunft ebenso aufgehoben wie die Unvernunft, Klarheit genauso wie lodernder Irrsinn.

Offenbarung und Geheimnis, dies Wechselspiel der Gegensätze durchzieht den Bau, er gibt sich nach außen streng und beherrscht und verliert im Inneren jede Kontrolle. Geschosse verspringen, Fußböden geraten ins Gleiten, und vor allem die Treppe entwickelt ein furioses Eigenleben. Sie ist kein Haus im Haus, sondern durchzieht als wild mäanderndes Band die acht Etagen, fast 200 Meter lang und rundum mit Aluminiumplatten verkleidet. Dieser technoide Wurm ringelt sich im Kern des Gebäudes, treibt im nächsten Moment vor bis zur Fassade, durchstößt sie und setzt sich als erkerartiger Flur fort, um dann wieder ins Zentrum des Hauses zurückzufinden. Wer diesem Weg folgt, erlebt einen rasanten Wechsel der Perspektiven: Mal schaut man quer hinaus auf die Spree, dann steil hinunter, vielleicht in jenes Zimmer, in dem man eben noch war. Durch Fotos lässt sich der räumliche Springfluss nicht erfassen, man muss in ihn eintauchen. Und bald schon fühlt man sich in jene "Mitte der Welt" versetzt, die Harry Mulisch in seinem Roman Die Entdeckung des Himmels als ein Haus beschreibt, "das zwar eine Innenseite hat, aber keine Außenseite".