Biografie Das zerpulverte Leben

Ralph Dutlis Biografie Ossip Mandelstams verändert unseren Blick auf Leben und Werk des Dichters

Es gibt Augenblicke, in denen man diese Biografie des Dichters Ossip Mandelstam vor Schmerz beinahe zur Seite legen muss. Und es gibt Augenblicke, in denen man bei der Lektüre vor Glück die Verse, die der Verfasser so ausgiebig zitiert, fast singen möchte. Der schmerzhafteste Moment ist ohne Zweifel die Schilderung von Mandelstams elendem Tod. Kurz vor seinem achtundvierzigsten Geburtstag starb er am 27. September 1938 in einem Durchgangslager des Gulag bei Wladiwostok, unterwegs zu fünf Jahren Arbeitslager. Zur Sterbeszene sagt der Biograf Ralph Dutli zu Recht: „Es ist eine Szene, die aus Dantes Inferno stammen könnte, aus dem für Mandelstam wichtigsten Buch.“

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Vierzig Minuten hatten die vom Flecktyphus befallenen Gefangenen der Baracke 11 bei tiefsten Frosttemperaturen nackt im Vorraum eines Waschhauses ausharren müssen, die Kleider mussten sie für eine Desinfektions- und Entlausungsmaßnahme in den Hitzeraum reichen. „Als die Wäsche-Desinfizierung abgeschlossen war, wurde die Tür der Hitzekammer aufgerisssen und ein stechender Schwefelgeruch drang heraus. In dem Moment habe Mandelstam noch ein paar Schritte gemacht, den Kopf in den Nacken geworfen, sich ans Herz gegriffen und sei dann zusammengebrochen.“

Noch nie ist einem deutschen Publikum dieser Tod und jede Einzelheit des Weges zu ihm so genau und so taktvoll, so kenntnis- und ideenreich beschrieben worden wie in Dutlis Biografie. Wir kennen, wenn wir bei der Sterbeszene ankommen, Mandelstams so verschlungenes Verhältnis zum Tod. Wir wissen, dass schon der vierundzwanzigjährige Mandelstam anlässlich von Skrjabins Tod geschrieben hat: „Mir scheint, man dürfe den Tod eines Künstlers nicht von der Kette seiner schöpferischen Leistungen ausschließen, sondern müsse ihn vielmehr als das letzte, das Schlußglied der Kette betrachten.“

Wir kennen die Verse, in denen Marina Zwetajewa, mit welcher der fünfundzwanzigjährige Mandelstam eine heftige Liebe erlebte, noch vor der Revolution Mandelstams Verhaftung vorausgesehen hat: „Mit nackten Händen packen sie dich – Starrkopf! Gehetzt! / Von deinem Schreien wird die Nacht weithin hallen!“

Vor allem wissen wir, dass Mandelstam auf diesen Tod, den er so fürchtete, genauso hingesteuert hat wie das bolschewistische und stalinistische System, das diesen Dichter von allem Anfang an durch endlose Schikanen um Ruhe, Glück und Leben gebracht hat. Wiederum war es Marina Zwetajewa, die Mandelstams Wesen, das unvermeidlich zur Kollision mit dem so anderen System führen musste, früh erfasst hat: „Hier muß ich beifügen, daß Mandelstam von überall – seis vom Friedhof, vom Spaziergang, vom Jahrmarkt – immer nach Hause wollte. Und immer eher als der andere. Und von zu Hause unabänderlich – immer fort. Ich glaube, daß er, wenn er nicht schrieb (und nicht schrieb er – immer, das heißt: einmal in drei Monaten ein Gedicht) – sich schwertat. Mandelstam konnte ohne Gedichte auf dieser Welt nicht dasitzen, nicht gehen – nicht leben.“

Das klingt nach Unglück und war doch so oft und in den unwahrscheinlichsten Situationen das Gegenteil. Mandelstam besaß ein Talent, in der Tiefe der Verzweiflung seine Heiterkeit wiederzufinden. Dutli folgt hellhörig und mit spürbarer, aber nie überschießender Empathie Mandelstams Willen zur Intensität und zu ihrem lyrischen Ausdruck. Er zeigt, wie schwer es Mandelstam sich und anderen mit seinem überaus chaotischen und eigensinnigen Freiheitsstreben machte. Und er führt uns zu den Abschnitten eksta- tischen Glücks, die in diesem Leben nicht minder zahlreich sind als die Zeiten der Niedergeschlagenheit. Am stärksten spürbar wird dieses Glück wohl in Dutlis Schilderung der Reise nach Armenien, auf der Mandelstam nach fünfjährigem krisenhaftem Schweigen seine Sinne und seine lyrische Stimme wiederfand. Auf sie folgte das armenische Reisebild, nicht umsonst Bruce Chatwins Lieblingsbuch, und bald darauf das Gespräch über Dante, Mandelstams wichtigster und schönster Essay.

Aber brauchen Mandelstam-Leser all diese biografischen Details überhaupt? Was fügen sie Mandelstams Stimme bei, die wir dank Dutlis Übersetzungen in der von ihm edierten und annotierten zehnbändigen Ammann-Ausgabe von Mandelstams Werken auch in Deutsch in ihrem ganzen Reichtum von Tonfällen und Einfällen hören können? (Der Rezensent hat übrigens eine leise Tendenz, die Sprachkunst des Übersetzers Dutli, seine die Wortstellung kaum je missachtende rhythmische Präzisionsarbeit, seine klanglichen Inventionen, die Weite und den Witz seines Vokabulars, sein Gefühl für Modulationen eher höher zu stellen als das meiste, was uns derzeit als deutsche Literatur erreicht.) Hat nicht Mandelstam schon 1922 darauf hingewiesen, „die Europäer“ seien „aus ihren Biographien herausgeschleudert worden wie Billardkugeln“, und sah er nicht bereits damals für den Roman keine andere Zukunft, „als die Geschichte der Zerpulverung der Biographie als einer Form der persönlichen Existenz, sogar mehr als eine Zerpulverung: ein katastrophaler Untergang der Biographie“?

Was also soll ein so konventionelles Genre zum Verständnis einer Lyrik beitragen, die ihre Koordinaten so ganz und gar aus dem Imaginativen bezog, aus dem dialogischen Maskenspiel mit Ovid und Ariost, mit Dante, den Impressionisten und Charlie Chaplin? Hat nicht Mandelstam selbst die Biografie gegen den Strich gebürstet, als er in seiner autobiografischen Prosa Das Rauschen der Zeit schrieb: „Ich will nicht von mir selber sprechen, sondern dem Zeitalter nachspüren, dem Heranwachsen und Rauschen der Zeit. Mein Gedächtnis ist allem Persönlichen Feind.“ Sagte er nicht auch: „Der besitzlose Intellektuelle braucht keine Erinnerungen, es soll ihm genügen, von den Büchern zu erzählen, die er gelesen hat – und fertig ist seine Biographie.“ Und hat uns Dutli diese Geschichte von Mandelstams fortzeugender Lektüre nicht schon in seinem wunderbaren Mandelstam-Buch Als riefe man mich bei meinem Namen erzählt?

Dutli referiert in einem klugen einleitenden Kapitel all diese Bedenken. Er praktiziert eine von ihm „Werkbiographie“ genannte Engführung von Gedichten, Briefen, Zeugnissen und Lebensereignissen, bei der alle methodologischen Bedenkenträger das schiere Grausen kriegen müssen. Er schert sich keinen Deut um den theoretizistischen terminologischen Klingklang, mit dem die Literaturwissenschaften neuerdings Denken simulieren – er legt einfach los. Man ist über sechshundert Seiten von Dutlis schneller, muskulöser, warmer und farbiger Sprache so gefangen, dass man seine Bedenken vergisst.

In dieser Sprache gibt es weder Klischiertes noch Langfädiges, weder Ungefähres noch Trockenes. Auch die biografiefeindlichen Liebhaber des Autonomen werden sich der Kraft und dem Anziehenden von Dutlis Charakterschilderung nicht entziehen können. Man trifft nicht so oft einen Dichter, der aus seinem Judentum flieht und doch den ersten Antisemiten, der ihm entgegentritt, sogleich zum Duell fordert. Man liest selten so hautnah, was es mit dem oft so leichtfertig verwendeten Wort Stalinismus auf sich hat.

Man trifft selten einen Menschen, der so angstgetrieben ist und sich mit so viel Mut und Verwegenheit über seine Ängste hinwegsetzt. Es gab wenige Lieben wie die zwischen Ossip Mandelstam und seiner Frau Nadeschda. Und fast an einer Hand kann man die Dichter abzählen, die im Ersten Weltkrieg dem Nationalismus nicht erlagen und ihre Auffassung so vortrugen, dass kein Verdacht der Gesinnungsästhetik auf sie fallen kann. „Was habt in Reims ihr meinem Bruder angetan“, fragt in Mandelstams erstem Antikriegsgedicht der Dom von Köln, als im September 1914 die deutschen Streitkräfte die Kathedrale von Reims zerstört hatten.

Und doch reicht die Tragweite dieser Lebensbeschreibung entschieden übers bloß Biografische hinaus. Man liest nach Dutli Mandelstam anders als zuvor. Denn dieser Werkbiograf bringt einem subtil nahe, wie sehr Mandelstam die geläufigen Antinomien unseres Dichtungsverständnisses sprengt. Ob seine Gedichte autonom oder engagiert seien, ob sie aus dem Tag kommen oder ihm sich entwinden – das sind unangemessene Fragen an eine Lyrik, die immer all das zugleich ist.

Kaum ein Gedicht, das nicht Einsprengsel des Tagebuchartigen hätte, und keines, das die Bindung an den Tag nicht inventiv überstiege. Noch im fernsten und freiesten Maskenspiel mit der Tradition reagiert Mandelstam, dem die Stalinisten immer vorhielten, er fehle ihm die Zeitgenossenschaft, vermittelt auf seine Gegenwart. Dutli macht deutlich, wie Mandelstams Dialoge mit der Tradition, ja noch seine Zungen- und Gaumenspiele beim Erlernen des Italienischen immer auch Gegenzüge gegens Elend seiner Zeit sind.

Wenn Mandelstam auf seiner geliebten Krim am Schwarzen Meer das Hellenische und das Russische und in Armenien das Urchristliche und die Gegenwart zusammenführt, das sind betörend konkrete lyrische Überlagerungen – aber zugleich auch Versuche, der Abkapselung der Sowjetunion von der Vergangenheit und von Europa einen Zeiten und Orte übereinander schichtenden europäischen Raum entgegenzusetzen – und wie meistens ist das Europäische, das aus dem Osten kommt, um einiges vitaler als unsere skepsissatten westlichen Europaideen.

Wunschlos glücklich also? Nicht ganz. Dutli hat sich etwas zu sehr von Mandelstams Unruhe anstecken lassen. Er ist ihm nahe, wenn er ihm, fast im Handgemenge und oft fast von Tag zu Tag, folgt. Aber er tritt zu selten zurück, um uns ein Bild von den langen Rhythmen und vom Umfeld dieses Lebens zu geben. Und er hält zu selten inne, um ein Detail länger leuchten zu lassen oder eine Frage zu vertiefen.

Warum erfahren wir nicht, was Mandelstam und Ho Chi Minh sich zu sagen hatten, als sie sich trafen? Warum verweilt Dutli nicht beim so deutungsumlagerten Telefongespräch, das Stalin mit Pasternak über Mandelstam führte? Was genau sollen wir von den späten und vertrackten Annäherungen Mandelstams an Stalin halten? Alles, was in diesem Buch steht, überzeugt und gefällt, aber manchmal könnte noch mehr drinstehen. Manchmal wünschte man sich die Ruhe des von Dutli so schön übersetzten ersten Gedichts des siebzehnjährigen Mandelstam:

Der Laut – behutsam, stumm –

Der Frucht, wenn sie vom Baum sich trennt,

Die Melodie der Stille um

Ihn her: der Wälder ohne End …

π Ralph Dutli: Mandelstam Meine Zeit, mein Tier

Eine Biographie; Ammann Verlag, Zürich 2003; 635 S., 28,90 ¤

 
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