Über 30 Jahre ist es her, dass Raumfahrer den Mond betraten. Die Astronauten der Apollo-Missionen pflanzten die US-Flagge in die Einöde, fuhren mit ihrem Mondjeep kreuz und quer durch das Mare Imbrium, schritten durchs Hadley-Gebirge und campierten im Taurus-Littrow-Krater. Sie sammelten Felsbrocken ein und ließen ihre Gerätschaften bei der Abreise einfach stehen und liegen. Die sind seither dem zermürbenden Sonnenwind ausgesetzt, ebenso wie das selbst fahrende sowjetische Mondmobil Lunochod . So groß wie die Begeisterung der Erdbewohner über die Eroberung des Trabanten war, so schnell ebbte sie ab. Wie Bergsteiger die Bezwingung eines Achttausenders abhaken, verzeichnete die Menschheit den Flug zum Mond in der Liste ihrer historischen Heldentaten. Lang ist’s her – so lange, dass die Nasa mittlerweile Schwierigkeiten hat, verschwörungsgläubigen Zeitgenossen zu beweisen, dass die Flüge stattgefunden haben und nicht im Hollywood-Studio gestellt wurden. Nur vereinzelt noch schickten die Erdlinge in den folgenden drei Jahrzehnten unbemannte Sonden zum Mond, als letzte 1998 den Lunar Prospector.

Nun ist das Interesse am Erdtrabanten neu erwacht. Gleich mehrere Länder planen neue Missionen. Vorbei die Zeit, da der Mond den Supermächten vorbehalten blieb – eine multinationale Weltraumflotte macht sich auf den Weg. Und Europa macht den Auftakt. Am kommenden Sonntag startet die europäische Raumfahrtbehörde Esa erstmals zum Mond. Ihre Sonde Smart-1 hat die Größe eines Kühlschranks und wiegt nur 370 Kilogramm. Nicht wenige Tage wie zu Apollo-Zeiten, sondern anderthalb Jahre wird die Reise dauern. Smart-1 soll die Zusammensetzung der Mondoberfläche untersuchen und vielleicht das Urteil revidieren, wonach der Mond eine trostlose, knochentrockene Ödnis ist: Es könnte durchaus sein, dass die Esa-Sonde Spuren von Wasser entdeckt.

Was gibt es nach Apollo und zahlreichen unbemannten Mondflügen noch Neues zu erforschen? Die Wahrheit ist: So viel weiß man über den Mond noch gar nicht. Die insgesamt 100 Milliarden Dollar des Apollo-Programms wurden vor allem ausgegeben, um den Sowjets eins auszuwischen. In wissenschaftlicher Hinsicht ließen die Missionen viele Fragen offen. So war unter den Gestein sammelnden Astronauten nur ein einziger Geologe. Ansonsten wurden die Brocken recht wahllos von Militärpiloten eingesackt.

Die Europäer machen aus der finanziellen Knappheit, unter der heute alle Raumfahrtprojekte leiden, eine Tugend. Nicht von ungefähr kommt der Name Smart-1: Klein, preiswert und effizient soll die Mission sein. Rund 100 Millionen Euro kostet sie, ein Tausendstel der Ausgaben fürs Apollo-Programm. Kleiner Preis, große Erkenntnis – das jedenfalls hoffen die beteiligten Wissenschaftler.

"Bislang haben wir etwa 400 Kilogramm Mondgestein für Untersuchungen zur Verfügung", sagt der Geologe Carsten Münker von der Universität Münster. "Aber das Gestein stammt von nur wenigen Orten auf der Mondoberfläche." Von dieser Stichprobe auf die Zusammensetzung des Mondes zu schließen wäre ungefähr so, als würde man anhand einiger Felsbrocken aus Afrika die gesamte Erde charakterisieren wollen. Daher hält Münker die geplante Mission für "sehr hilfreich", denn Smart-1 wird aus seinem Orbit heraus den Mond flächendeckend untersuchen.

"Freilich kann die Sonde mit ihren Instrumenten nur auf die Oberfläche schauen", sagt Horst Keller, Astrophysiker bei der Esa, "doch wird deren chemische und atomare Zusammensetzung so umfassend analysiert wie bisher noch nie." Dabei wird die Mondoberfläche im sichtbaren, im infraroten und im Röntgenbereich des elektromagnetischen Spektrums "unter die Lupe" genommen. Die Sonde enthält neun wissenschaftliche Messgeräte, die zusammen nur 19 Kilogramm wiegen. Die Untersuchung der lunaren Oberfläche soll helfen, die momentan gängige These der Mondentstehung zu überprüfen. Demnach krachte die Erde vor viereinhalb Milliarden Jahren mit einem gigantischen Himmelskörper von der Größe des Mars zusammen. Bei diesem Super-Crash wurde ein großer Teil der Erde zertrümmert, abgesprengt und in den Weltraum geschleudert. Die Trümmer fügten sich später zum Mond zusammen.

Wirklich aufregend wäre es, würde die Smart-1-Mission Wasser auf dem Erdtrabanten entdecken. Das klingt zunächst ziemlich unwahrscheinlich: Weil der Mond keine Atmosphäre besitzt und sich seine Oberfläche am Tag bis auf über 100 Grad aufheizt, verdampft vorhandenes Wasser schnell und entweicht für immer ins All. "Aber Wasser in gefrorener Form könnte es auf dem Mond durchaus geben", sagt Harald Hoffmann, Planetologe beim Deutschen Zentrum für Luft-und Raumfahrt. Freilich kommen dafür nur die dunklen Krater in den Polregionen infrage, deren Boden nie ein Sonnenstrahl erreicht. Dort wäre das Eis vor energiereichem Sonnenwind geschützt und könnte zudem von einer isolierenden Staubschicht bedeckt sein.

Doch bevor Smart-1 sensationelle Beobachtungen machen kann, muss die Sonde die 384000 Kilometer "Luftlinie" zum Mond überwinden. Dabei setzt die Esa ein neues Antriebskonzept ein: Smart-1 fliegt nicht mit herkömmlichen Raketentriebwerken (sie ist damit zwar ausgerüstet, aber nur zur Ausrichtung im Raum), sondern mit einem Ionentriebwerk. So etwas gab es bei interplanetaren Missionen bislang nur zweimal, bei der Nasa-Sonde Deep Space 1 und der japanischen Muses-C.