Mit weit über 100 Millionen Treffern antwortet die Internet-Suchmaschine Google auf das Stichwort "Sex". Kein Begriff taucht häufiger auf im Cyberspace. "Ein wesentlicher Teil der Sexualität findet inzwischen im Internet statt", meint der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch. Zwar kann er seine Auffassung nicht mit konkreten Daten begründen, dennoch wird sie von vielen geteilt. Schließlich geistert das Thema seit einigen Jahren unter dem Namen "Cybersex" durch alle Medien, und nahezu jeder kann von erotischen Surferfahrungen berichten – wenn nicht aus erster, dann zumindest aus zweiter oder dritter Hand.

In Tausenden Chatrooms wird heute gebaggert und geflirtet. Findet sich ein Paar, zieht es sich zum erotischen Austausch von Text und Webcam-Bildchen ins Separée zurück und masturbiert vor dem Bildschirm. Nekrophile, Pädophile, Sadomasochisten, Exhibitionisten und Fetischisten finden im Internet Kontakt zu ihresgleichen. Pornografie – ob legal oder illegal – poppt für wenig Geld und zunehmend auch ungefragt auf den Computerbildschirmen auf. Keine Frage: Im Internet ist eine neue Form sexueller Kontaktaufnahme und Befriedigung entstanden.

Für Schwule ist das Internet oft eine Hilfe beim Coming-out

Aber welche Bedeutung hat das für die Beteiligten und für die Gesellschaft? Wie funktioniert und wie unterscheidet sich Cybersex von anderen Formen der Sexualität? Kann Cybersex überhaupt glücklich machen? Oder macht er krank? Auf solche Fragen gibt es bisher keine wissenschaftlich fundierten Antworten. Doch allmählich wird das Thema auch in der Sexualforschung ernst genommen. Am kommenden Wochenende widmet die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung auf ihrer Haupttagung in Hamburg ein Nachmittagssymposium dem Thema "Cybersex – Geschlechter und Sexualitäten im Internet". Und bereits im Mai fand in Leipzig eine interdisziplinäre Fachtagung "Sexualität und Neue Medien" der Gesellschaft für Sexualwissenschaft statt, in der die an Wilhelm Reich orientierten "Sexuologen" der ehemaligen DDR organisiert sind.

Kurt Seikowski, Organisator der Leipziger Tagung und Vorsitzender der Gesellschaft erinnert sich an "etwas sehr Ungewöhnliches für solche Tagungen: Obwohl alle Referenten zum Thema gearbeitet haben, kannte keiner den anderen persönlich." Noch forscht man nebeneinanderher, noch hat sich zur Sexualität im Cyberspace kein wissenschaftlicher Zusammenhang entwickelt. Es gibt weder Fachzeitschriften noch Lehrstühle, die bisher veröffentlichten Studien lassen sich an zwei Händen abzählen, repräsentative Befragungen fehlen fast völlig. Denn diese sind teuer und Mittel für interdisziplinäre Forschung schwer aufzutreiben. Doch dem Cybersex müssten sich Sexual-, Kultur- und Medienwissenschaftler, Psychologen und Soziologen gemeinsam nähern.

Schon auf die einfache Frage nach dem quantitativen Umfang im Internet gibt es keine zuverlässige Antwort. "Wir haben einen enormen Nachholbedarf", sagt der Hamburger Soziologe Arne Dekker, der in einem DFG-Projekt über "Cybersex und Online-Beziehungen" geforscht hat. "Eine Fachtagung zum Thema muss deshalb auch immer erst einmal eine Schulung sein." Der Leipziger Psychologe Seikowski stimmt zu: "Wir nennen uns Sexualwissenschaftler und kennen die Szene gar nicht."

Die Szene beruht auf einem Austausch von Text und Bildern. Mehr geht im Internet nicht. Den ferngesteuerten Ganzkörperanzug, den sich Liebende überziehen, um sich trotz räumlicher Trennung gegenseitig zu spüren, gibt es nur im Kino. Zwar bieten Pornoshops allerhand ferngesteuertes Sexspielzeug unter dem Begriff "Teledildonik" feil, aber einen auch nur entfernten Ersatz für die persönliche Begegnung bietet es nicht. Echte Blick- und Hautkontakte, Gerüche oder Körperflüssigkeiten lassen sich technisch überhaupt nicht imitieren.

Sexualität im Internet, darin stimmen alle bisherigen Forschungsarbeiten überein, findet vor allem in Chats statt. Der Austausch von Videobildern ist dabei selten, nimmt aber langsam zu. Noch erfordere ein erotischer Chat das Verbalisieren sexuellen Begehrens in einem für direkte Begegnungen "völlig untypischen Ausmaß", schreibt die Hamburger Psychologin Nicola Döring in ihrem häufig zitierten Aufsatz Cybersex aus feministischen Perspektiven. Da sich die Sexualpartner vor dem Bildschirm nur selten sehen und nie fühlen oder riechen können, müssen sie sich und ihre Handlungen beschreiben. Das eröffnet die Möglichkeit, Alter, Aussehen und sogar Geschlecht frei zu wählen. Wird ein Chat-Kontakt lästig oder unangenehm, kann man den Computer einfach ausschalten. Konsequenzen im "echten" Leben sind nicht zu befürchten, denn im Chat werden anonyme Spitznamen verwandt.