gesellschaftEinsame HöhepunkteSeite 2/3

Manche Forscher sehen daher im erotischen Chat bereits eine neue Form sexueller Befreiung. Partner sind im Internet zu jeder Tages- und Nachtzeit leicht zu finden, der anonyme Kontakt ermöglicht vielfältige und selbstbestimmte Rollenspiele, niemand muss sich um Aids oder Verhütungsmittel sorgen. Das Internet biete "mehr Sex, besseren Sex, anderen Sex", fasst Nicola Döring diese Argumente zusammen und verweist zugleich auf die feministische Gegenmeinung: Danach bietet Cybersex nur ein neues Feld, auf dem Mädchen und Frauen nun auch virtuell belästigt, vergewaltigt und als Porno-Objekte missbraucht werden. "Aus dieser Perspektive ist es der (heterosexuelle) Mann, der Cybersex sucht und ihn der Netznutzerin aufzwingt, die online diversen Tätigkeiten nachgeht, aber sicher nicht an sexuellen Kontakten interessiert ist."

Die wenigen empirischen Erkenntnisse über sexuell aufgeladene Chats sprechen allerdings gegen diese These. "Entfremdung, sozialen Autismus, Einsamkeit und Isolation, all das gab es unter den von uns befragten Chattern nicht", sagt der Bremer Psychologe Thomas Leithäuser, der mit seiner Kollegin Paulina Leicht 145 jugendliche Teilnehmer des Radio-Bremen-Chats mit Fragebögen und Tiefeninterviews erforscht hat. Auffällig war dabei vor allem, wie eng die virtuelle Kommunikation mit dem verbunden ist, was die Chatter gerne real life nennen, also die persönliche Begegnung. Mehr als die Hälfte der in verschiedenen Studien befragten Chatter gaben an, sich mit Online-Partnern auch schon persönlich getroffen zu haben, bei rund einem Viertel führte dies auch zu sexuellen Beziehungen. Gerade für schwule Jungen ist das unkomplizierte und zunächst relativ anonyme Treffen im Chat offenbar eine wichtige Hilfe beim Coming-out. Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch bei Erwachsenen. In einer repräsentativen Befragung von 30-, 45- und 60-Jährigen in Hamburg und Leipzig hatten insgesamt weit weniger als 10 Prozent Chat-Erfahrungen, unter den homosexuellen Männern und Frauen waren es aber 25 Prozent.

In den schwulen Chatrooms geht es nicht so sehr um Cybersex. Eher dienen sie der Anbahnung von Sex im echten Leben. Leichter als im Park oder in der Szene-Bar können sexuelle Vorlieben im Internet erörtert und Bedingungen für den One-Night-Stand ausgehandelt werden. Die Risikobereitschaft sei dabei deutlich größer und damit auch die Aids-Gefahr, beklagten im August die über 100 Teilnehmer einer Konferenz in Washington zum Thema "HIV-Prävention und das Internet". Jonathan Elford von der Londoner City University vermutet dahinter folgenden Grund: Im geschützten Raum des Chats stellten sich die Teilnehmer gern als besonders waghalsig dar. Komme es später zum persönlichen Treffen, würden sie die virtuell eingenommene Rolle nicht wieder los.

Noch größere Bedeutung als in der Schwulenszene hat das Internet für Minderheiten mit seltenen sexuellen Vorlieben. "Das Internet ist ein Tummelplatz ungewöhnlichen Sexualverhaltens", sagt Kurt Seikowski. Er warnt allerdings davor, das virtuelle Treiben einfach in die "perverse Ecke" zu stellen. Für manche sei das Netz eine große Hilfe. Oft würden zum Beispiel Transsexuelle noch immer wie psychisch Kranke behandelt. Im Internet hingegen fänden sie "bei Selbsthilfegruppen Verständnis und kompetenten Rat".

Wer auf gut Glück lossurft, stößt allerdings auch schnell auf Texte und Abbildungen, die aus gutem Grund verboten sind. Manches davon darf nach dem Jugendschutzgesetz eigentlich nur Erwachsenen zugänglich sein, anderes dürfte noch nicht einmal hergestellt werden. Vor allem für Kinderpornografie ist das Internet ein ideales Medium. Die illegalen Abbildungen werden auf ständig wechselnden ausländischen Servern gespeichert. Wer sie anklickt und auf dem Bildschirm betrachtet, macht sich noch nicht einmal strafbar. Verboten ist nur die Verbreitung der Nackfotos, und die beginnt erst mit dem Herunterladen und Speichern der Bilddateien auf dem eigenen Computer.

In einem besonders krassen Fall war ein Wissenschaftler am Arbeitsplatz täglich stundenlang zu Kinderpornografie-Websites gesurft und hatte die Abbildungen auf seinem PC gespeichert. Das war im Rechenzentrum aufgefallen. Er verlor seinen Job, wurde zu einer Bewährungsstrafe mit Therapieauflage verurteilt und kam deshalb in die Praxis von Kurt Seikowski. Er würde in einem solchen Fall "auf Schuldunfähigkeit plädieren", sagt dieser. Denn eine solche Sucht sei ein strafminderndes "Abhängigkeitssyndrom" wie bei einem Glücksspieler.

Auch die "Internet-Sucht" hat wie der Cybersex eine steile Medienkarriere hinter sich. Die Selbsthilfegruppe www.onlinesucht.de spricht von bis zu 1,5 Millionen Internet-Süchtigen. Seriösere Veröffentlichungen zitieren oft zwei Studien der Berliner Humboldt-Universität und der Universität München, die die Zahl deutscher Surfer mit Suchterscheinungen auf 500000 bis 800000 schätzen. Allerdings beruhen all diese Angaben auf Hochrechnungen von Umfragen im Internet. Es ist gut möglich, dass solche Online-Fragebögen vor allem von Surfern ausgefüllt wurden, die bei sich schon ein Problem festgestellt haben. Auch die Surfsucht entsteht offenbar vor allem in Chatrooms. Online-Spiele, Auktionen und Porno-Angebote scheinen dagegen nur zu einem geringen Teil übermäßiges Surfen zu fördern. Sicher ist das jedoch auch nicht, da selbst bei anonymer Befragung die Bereitschaft sehr gering sein dürfte, den Konsum illegaler Web-Inhalte zuzugeben.

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